Boxen : UNTERM ADLER

Michael Mara

Ein wenig Wehmut war schon dabei, als SPD-Landesgeschäftsführer Klaus Ness am Freitag seinen wuchtigen Schreibtisch in der brandenburgischen Parteizentrale ausräumte. Er stieß auf alles Mögliche, auch längst vergessene Papiere aus der Anfangszeit der Partei kurz nach der Wende. Was nicht verwunderlich ist, denn den Schreibtisch hatte Martin Gorholt, der Anfang der Woche zum SPD-Bundesgeschäftsführer gewählt wurde, 1990 dem eben gegründeten Landesverband gespendet. „Ich wollte die leere Kasse der jungen Partei nicht belasten“, erinnert sich der bisherige Bildungsstaatssekretär. Deshalb habe er für das schwarze Prachtstück rund 1000 Mark privat hingeblättert. Gorholt war erster Landesgeschäftsführer der Brandenburger Sozialdemokraten, Ness sein Stellvertreter. Am Montag früh tritt das eingespielte Duo im Berliner Willy-Brandt-Haus seinen Dienst an: Es soll Matthias Platzeck, dem neuen Bundesvorsitzenden, in der Parteizentrale den Rücken freihalten. „Der Schreibtisch bleibt aber in Potsdam“, verspricht Gorholt.

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Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) zeigt sich von einer ganz neuen Seite. SPD-Politiker registrieren erfreut, dass er den gerade zum SPD-Vorsitzenden gewählten Ministerpräsidenten Matthias Platzeck über das übliche Maß der Loyalität hinaus unterstützt, ihm wirklich den Rücken freihält – und sogar bereit ist, über den eigenen Schatten zu springen: So war Schönbohm voriges Wochenende bei der Demonstration gegen den Neonaziaufmarsch in Halbe in Vertretung Platzecks ganz vorn mit dabei, obwohl er eigentlich nicht viel von Demos hält. Auch das Kabinett habe er in Abwesenheit Platzecks „professionell“ geleitet, berichtet ein SPD-Teilnehmer, der besonders „Schönbohms Humor“ schätzt. Es wird auch registriert, dass der einstige Polarisierer, der noch im Sommer mit seiner These über die angebliche „Proletarisierung“ der Ostdeutschen als Ursache besonderer Brutalität heftige Proteste auslöste, gegenwärtig „erstaunlich milde, aufgeräumt und ausgeglichen“ sei. Nur einige Hardliner in der CDU mosern: „Schönbohm hat ein bisschen viel Kreide gefressen.“

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Weil man immer mit gutem Beispiel vorangehen sollte, schaffen die drei großen Landtagsparteien nun selbst Ausbildungsplätze. Als Erste wartete die Fraktion der Linkspartei/PDS mit einem Azubi auf. Dann zogen SPD und CDU nach. Inzwischen gehört es im Landtag geradezu zum guten Ton, einen Azubi zu haben. So ist die SPD-Fraktion, die eine 21-Jährige zur Kauffrau für Bürokommunikation ausbildet, mit deren Engagement „sehr zufrieden“. Die SPD-Fraktion darf sich sogar „anerkannter Ausbildungsbetrieb“ nennen. Die IHK Potsdam übersandte eine entsprechende Urkunde. Pech mit ihrem Lehrling hatte dagegen die CDU-Fraktion. Der junge Mann, der verschiedene Bewerbungen verschickt hatte, wanderte nach ein paar Tagen lieber in den Westen ab, statt im heimischen Landtag zu bleiben. Dennoch will die CDU nicht auf einen Azubi verzichten. „Die Lehrstelle ist wieder frei“, sagt Fraktionschef Thomas Lunacek.

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Das Gejammer in Berlin ist jedes Mal groß, wenn Firmen von dort ins Umland gehen. Andererseits tut sich die Stadt bei der lange geplanten Fusion der beiden Wirtschaftsfördergesellschaften immer noch schwer. Man merkt das auch an Nuancen: So stimmte Brandenburgs Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns (CDU) bei einer öffentlichen Podiumsdiskussion in Potsdam – sie wird am 27. November um 11.05 Uhr im rbb-Inforadio ausgestrahlt – der Zusammenlegung vorbehaltlos zu. Hingegen schränkte Berlins Wirtschaftsstaatssekretär Volkmar Strauch ein: „Soweit das sinnvoll ist, ja.“ Immerhin brachte ihm das bei den etwa 100 anwesenden Unternehmern und Wirtschaftsförderern einen Lacherfolg. Nachfragen der Moderatorin Ute Holzhey, wann denn nun die Wirtschaftsfördergesellschaften beider Länder fusionieren, wollten beide nicht beantworten. Sie drucksten herum: Die Region wachse doch zusammen… Viele Unternehmer konnten das nur mit einem gequälten Grinsen quittierten.

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