Boxen : Vetschauer wollen nicht aufgeben

Sandra Dassler

Die Beschäftigten des Bombardier-Drehgestellwerks in Vetschau wollen weiterhin für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze kämpfen. Das beschlossen sie auf einer Betriebsversammlung am gestrigen Dienstag, die einberufen wurde, nachdem Bundeskanzler Gerhard Schröder am Montag verkündet hatte, dass Vetschau keine Zukunft bei Bombardier habe.

Die Hiobsbotschaft platzte mitten in die Jubelfeier. Am Montagmorgen waren viele der 111 Beschäftigten im Drehgestellwerk Vetschau beschwingter als sonst zur Arbeit erschienen. Schließlich hatte die heimische Bundesliga-Mannschaft - Vetschau liegt 20 Kilometer von Cottbus entfernt - am Vorabend endlich wieder einmal gewonnen. Doch während die Drehgestellwerker noch über die Tore von Energie diskutierten, ertönte aus ihren kleinen Radiogeräten gegen 10.30 Uhr die Stimme des Bundeskanzlers, der in Sachsen-Anhalt die Rettung des Bombardier-Werks Ammendorf verkündete. In einem Nebensatz erkärte Gerhard Schröder zugleich, dass es für das Vetschauer Werk keine Zukunft bei Bombardier gebe.

"Die Leute waren regelrecht im Schock", erzählt der Betriebsratsvorsitzende Horst Hensel: "Sie kamen zu fünft oder sechst zu uns und wollten wissen, was los ist." Kein Wunder. Noch am vergangenen Freitag war die Belegschaft in Vetschau darüber informiert worden, dass Gespräche mit der Firmenleitung des kanadischen Konzerns über den Fortbestand von Vetschau aufgenommen wurden. Die Schließung ergibt weder aus Sicht der Beschäftigten noch der Gewerkschaften einen Sinn. Vetschau hat mindestens für die nächsten zwei Jahre volle Auftragsbücher. Als Bombardier im November 2001 das Aus für den Standort ankündigte, verhandelten Geschäftsführung und Betriebsrat gerade über die Einstellung zusätzlicher Arbeitskräfte - eine groteske Situation. Nur mit Mühe und Not - so erzählen die Betriebsratsmitglieder - habe man die Belegschaft nach der Verkündigung des Bundeskanzlers davon abhalten können, das Werk zu besetzen. Gestern bemühten sich die Vertreter der Gewerkschaften sowie der Konzernbetriebsratsvorsitzende Jürgen Konrad auf einer spontan einberufenen Betriebsversammlung die Gemüter zu beruhigen. "Nicht der Kanzler entscheidet, welches Werk geschlossen wird und welches nicht", sagte Konrad: "Wir führen weiter Gespräche und die endgültige Entscheidung fällt in der Aufsichtsratssitzung am 22. Februar dieses Jahres. Wenn Bombardier dann trotz der von uns vorgelegten Zahlen zur Rentabilität des Werkes an seinen Plänen festhält, dann brennt hier die Luft."

Schon einmal hatten die Vetschauer ihren Betrieb besetzt und damit letztlich eine Schließung verhindert, das war zum Jahreswechsel 1999/2000. Seither ist die wirtschaftliche Situation in der kleinen Stadt nicht besser geworden. "Jeder Vierte ist hier ohne Beschäftigung", sagen Sabine Bergmann und Christina Knüttel, die im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme den Vetschauer Arbeitslosentreff betreuen. Beide Frauen waren selbst jahrelang ohne Job, beide werden nach Ablauf der ABM im Mai dieses Jahres wieder auf der Straße sitzen. Bis dahin freuen sie sich über jeden Arbeitslosen, den sie vermitteln können - meist allerdings nicht in der Region, sondern nach Bayern. Manuela Blümel hat noch Arbeit in Vetschau. Sie ist Verkäuferin und befüchtet, dass die ohnehin schwache Kaufkraft weiter zurückgeht, wenn das Drehgestellwerk schließt: "Bombardier ist der größte Arbeitgeber." Nur vom Spreewaldtourismus könne die Stadt nicht leben. Das wissen auch die Drehgestellwerker und lehnen deshalb den Vorschlag von Bombardier, einen Teil der Belegschaft in das Werk Siegen in Nordrhein-Westfalen zu übernehmen, ab. "Ich bin seit mehr als 25 Jahren im Werk", sagt ein Beschäftigter: "Es kann doch keine Lösung sein, dass ich nun nach Siegen gehe und vielleicht noch einem Kollegen dort die Arbeit wegnehme." Die Vetschauer Bombardier-Beschäftigten ließen auf der gestrigen Betriebsversammlung keinen Zweifel, dass sie um den Standort kämpfen werden. Viele ihrer Transparente haben sie bereits in Deutsch und Englisch abgefasst. In den nächsten Tagen wollen sie die Reisenden, die in Zügen und in der Berliner S-Bahn auf Drehgestellen made in Vetschau fahren, über ihren Kampf um die Arbeitsplätze informieren. Im Versammlungsraum des Vetschauer Werks kündet einstweilen ein großer Vorschlaghammer von der Stimmung unter der Belegschaft. So lange er auf dem Fußboden steht, wird gearbeitet und gehofft. Liegt er auf dem Tisch, wird nicht mehr gearbeitet, sondern das Werk besetzt.

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