Boxen : Völkermord an Armeniern nicht mehr im Lehrplan

Brandenburger Bildungsministerium tilgt Hinweis für Geschichtsunterricht nach diplomatischem Druck der Türkei

Thorsten Metzner

Potsdam - Nach diplomatischen Interventionen der Türkei hat die Landesregierung von Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) aus den Lehrplänen für den Geschichtsunterricht an Brandenburgs Schulen einen Hinweis auf den Völkermord der Türken an den Armeniern in den Jahren 1915/1916 entfernen lassen. Damals waren 1,5 Millionen Männer, Frauen und Kinder getötet worden. Die Regierung in Ankara leugnet das Verbrechen bis heute.

Die Streichung des Hinweises aus dem Brandenburger Lehrplan ist nach Tagesspiegel-Informationen dem türkischen Generalkonsul Aydin Durusay vor zwei Wochen bei einem Mittagessen mit Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) zugesagt worden, an dem auch Bildungsminister Holger Rupprecht (parteilos) teilnahm. Dem Vernehmen nach hatte sich Durusay zuvor in einem Brief an die Landesregierung wegen der Erwähnung des Völkermordes an den Armeniern im Lehrplan beschwert und auf fremdenfeindliche Übergriffe gegen Türken in Brandenburg verwiesen.

Daraufhin wurde vor einigen Tagen der entsprechende Passus in dem vom Landesinstitut für Schule und Medien (LISUM) im Internet veröffentlichten Rahmenlehrplan Geschichte für die Sekundarstufe 1 in aller Stille getilgt – auf Anordnung des Bildungsministeriums, wie ein Sprecher dem Tagesspiegel bestätigte. Was der Türkei missfiel, war ein kleiner Halbsatz im Rahmenplan für die Klassen 9 und 10, wo im Themenfeld „Krieg – Technik – Zivilbevölkerung“ im Zusammenhang mit dem Phänomen „Enthumanisierung“ die „Entgrenzungen von Kriegen“, ,„ethnische Entflechtung, Ausrottung und Völkermord“ behandelt werden sollen. Bislang stand dort: „z.B. Genozid an der armenischen Bevölkerung Kleinasiens“. Der Holocaust der Nationalsozialisten an den europäischen Juden wird an anderer Stelle behandelt.

„Wir sind zur Auffassung gekommen, dass es nicht richtig ist, wenn dort nur ein Beispiel für Völkermord steht“, so Sprecher Thomas Hainz. Den Lehrkräften sei es aber weiterhin freigestellt, bei diesem Thema den Mord an den Armeniern zu behandeln. Die Frage, ob diplomatischer Druck der Türkei der Auslöser war, beantwortete Hainz so: „Es gab Gespräche auf diplomatischer Ebene.“

Der Vorgang erinnert an den Versuch der Türkei vom Jahr 2001, die Einrichtung einer Gedenkstätte für den deutschen Theologen und Humanisten Johannes Lepsius in Potsdam zu verhindern, der den Mord an den Armeniern dokumentiert hatte. Die diplomatische Intervention der Türkei sorgte damals bundesweit für Aufsehen.

Auch jetzt ist Streit programmiert. So äußert CDU-Generalsekretär Sven Petke „Unverständnis, dass die Landesregierung in einer so sensiblen Angelegenheit dem Druck der Türkei nachgibt“. Dies sei auch mit Blick auf die Debatte um deren EU-Beitritt nicht nachvollziehbar. Der Umgang der Türkei mit dem Mord an den Armeniern - im Lande sind Hinweise darauf unter Strafe gestellt - war mehrfach Thema im Europäischen Parlament. Von der türkischen Botschaft war keine Stellungnahme zu erhalten.

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