Boxen : Von Beruf Berliner

Handel, Mieten, Tourismus: Drei Männer klären uns täglich über die neuesten Trends in der Stadt auf. Höchste Zeit, das Trio einmal vorzustellen

Katja Füchsel

Sie erklären uns Berlin – und sind den meisten Berlinern doch unbekannt. Ihre Namen liest man, zum Teil seit Jahrzehnten, fast täglich in der Zeitung – über den Menschen dahinter weiß man nichts. Höchste Zeit also, die drei „Mr. Berlin“, Nils Busch-Petersen, Hartmann Vetter und Hanns Peter Nerger, einmal persönlich vorzustellen.

Nils Busch-Petersen, Händler-Lobbyist

Er übt noch. Aber angeblich hat es Nils Busch-Petersen schon ausgehalten, im Urlaub mal für ein, zwei Wochen das Firmenhandy auszustellen – und nicht ständig im Sekretariat nachzufragen, ob auch alles okay ist. Busch-Petersen, 42, lacht. „Man ist ja ein bisschen bekloppt“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Berliner und Brandenburger Einzelhandelsverbandes – aber was soll er machen? „Die Arbeit macht ja Spaß.“

Allen Verkäufern gönnt er den freien Sonntag – sich selber nicht. Seit 15 Jahren ist Busch-Petersen fast immer erreichbar – und wenn er mal nicht ans Telefon geht, ruft er gleich zurück. Schlussverkauf? Gewerbemieten? Offener Sonntag? Ladenöffnungszeiten? Busch-Petersen kennt Zahlen, Trends, Statistiken – und nicht nur er. „Meine Kinder flüstern die Antworten zum Schlussverkauf schon leise im Hintergrund mit“, sagt der gewichtige Mann aus Pankow. Der Sohn ist 16, die Tochter zwölf – mit ihnen geht das Ehepaar in die Tanzschule, in einen Kurs. Streit und Stress bei Busch und Petersen gab es auf dem Parkett bislang nicht. „Nach 22 Jahren Ehe sind wir da gefestigt.“

Busch-Petersen, Sohn eines Kinderarztes, ist „mit Blick auf die Ostsee“ geboren worden, ist in Rostock aufgewachsen und zur Schule gegangen. An der Humboldt-Uni studierte Busch-Petersen Jura, wurde dann Bezirksverordneter in Pankow und 1990 für insgesamt 108 Tage sogar Bezirksbürgermeister. Heute vertritt er rund 2000 Unternehmen, vom Bioladen über die Boutique bis zu den großen Discountmärkten. „Die Handelsstruktur in Berlin hat sich in diesen 15 Jahren ganz dramatisch verändert“, sagt er. Nicht nur im Ostteil der Stadt, sondern auch im Westteil, wo die Handelslandschaft wie „eingefroren war auf dem Stand der 60er Jahre.“ Heute sieht er vor allem große Chancen durch die Einkäufe der wachsenden Zahl der Berlin-Besucher. „Aber retten kann uns bloß die Bekämpfung der Massenarbeitslosigkeit.“ Einen Ausdruck gibt es, den wird man von ihm auch zukünftig nicht hören: kein Kommentar. „Diesen Satz finde ich arrogant.“

Hartmann Vetter, Chef vom Mieterverein

Er kennt das schon. „Ich hab da mal eine Frage …“ Wenn Hartmann Vetter (60) diese Einleitung hört, in der U-Bahn oder auf einer Party, ist es Zeit, schnell abzutauchen. Dann folgt eine Geschichte über ausbeuterische Vermieter, streitsüchtige Nachbarn oder Hausverwaltungen. In der U-Bahn greift Vetter – Hauptgeschäftsführer des Berliner Mietervereins – zu einem Trick. „Tut mir Leid, Sie irren“, sagt er dann. „Ich sehe dem Vetter zwar ähnlich, bin es aber nicht.“

Als man ihm damals die Geschäftsführung des Mietervereins antrug, dachte Vetter: „Ein, zwei Jahre – kann ja als Erfahrung nicht schädlich sein.“ Das ist jetzt 26 Jahre her. Inzwischen gilt Vetter gewissermaßen als der personifizierte Berliner Mieter, auch wenn er selbst nicht mehr zur Miete wohnt. Bereut hat er seine damalige Entscheidung nicht. „Das hat damals Spaß gemacht und macht heute Spaß.“

Damals: Da hatte der Mieterverein knapp 10 000 Mitglieder. Die Lage auf dem Markt war geprägt durch Leerstand und gleichzeitige Wohnungsnot, es gab Proteste und Hausbesetzungen gegen die Kahlschlagsanierung und Stadterneuerung im großen Stil. „Die heiße Phase“ nennt Vetter die Zeit. 1968 hatte die Studentenbewegung den 23-jährigen Jurastudenten aus Köln nach Berlin gezogen. Zur Mietenpolitik kam Vetter durch sein Zweitstudium, in dem sich der junge Jurist als Stadt- und Regionalplaner qualifizierte. Seine Zulassung als Anwalt hat Vetter bis heute.

Heute: Jetzt hat der Mieterverein rund 150 000 Mitglieder. Die Lage auf dem Wohnungsmarkt hat sich beruhigt, auch wenn es noch „einen großen Bedarf an bezahlbaren Wohnungen“ gibt. „Die Leute haben kaum noch Geld.“ Was in Vetters Leben nicht Miete ist, ist Sport. Das Auto hat der Vater eines erwachsenen Sohnes abgeschafft, er macht Yoga, läuft Marathon, für den letzten brauchte er 3 Stunden 59 Minuten. Und wenn er „richtig“ reiten will, fliegt Vetter nach Argentinien. Wo die „Pferde toll“, das „Land so weit“ und die Natur „wunderschön“ ist. Vetter, der Gaucho. „Da jage ich auch die Kühe.“

Hanns Peter Nerger, Tourismusmanager

Er freut sich schon. Auf die Weltmeisterschaft, auf die Eröffnung und das Endspiel sowieso. „Da wird Berlin der absolute Gewinner sein“, sagt Hanns Peter Nerger, Geschäftsführer der Berlin Tourismus Marketing Gesellschaft, kurz BTM. Seit 12 Jahren verkauft der 1,90-Meter-Mann Berlin in der Welt als Markenprodukt. Und 2006 wird für „Mister Berlin“ wie ein Elfmeterschießen ohne Torwart.

Dass Nerger in der Berliner Presse so oft zitiert wird, ist ein Phänomen. Denn eigentlich ist der 58-Jährige „dauernd auf Reisen“, ist als Hauptstadt-Vertreter auf dem Globus unterwegs. „Ich bin überall da, wo Berlin ein Thema ist: von Australien bis Dänemark.“ Aber wenn es um Trends geht, Werbung, Übernachtungen, Umsätze oder Großveranstaltungen, ist man in Nergers Büro, das stets mit frischen Blumen bestückt ist, immer richtig.

Sauberer, freundlicher, entgegenkommender – so wünschte sich Vertreter Nerger manchmal sein Produkt. Er stammt aus einer Frankfurter Industriellenfamilie, den Besitzern der Henninger-Brauerei. Nach dem Verkauf stiftete die Familie den Bruno-H.-Schubert-Preis; er ist nach Nergers Vater benannt und der größte Umweltpreis Deutschlands. Nach Internat, Abitur und Marine arbeitete Nerger drei Jahre als Flugbegleiter der Lufthansa. Seine Karriere begann der gelernte Verwaltungswirt als jüngster Schulamtsleiter Hessens, bevor ihn die Deutsche Zentrale für Tourismus abwarb. Als Nerger aus Lübeck an die Spree kam, schlug ihm viel Skepsis entgegen. Doch es gibt eben nur wenige, die sich seiner Berlin-Begeisterung entziehen konnten. Erst im vergangenen Jahr hat Berlin mit knapp 15 Millionen Übernachtungen mal wieder seinen Tourismus-Rekord gebrochen.

Wenn Nerger gefragt wird, was er in seiner Freizeit macht, sagt er gerne: „Ich arbeite.“ Außerdem genieße er jeden Ausflug ins KaDeWe – weil da alles stimme, „die Präsentation, die Auswahl, der Service“. Bleibt noch die Stiftung des Vaters – und das Gut in Berchtesgaden, wo die Familie unter anderem Kühe, Esel und Pferde hält. „Tiere, die früher schlecht behandelt wurden.“

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