Boxen : Vorhang noch zu und schon alle Fragen offen

Am Brandenburger Theater proben sie „McKinsey kommt“ von Rolf Hochhuth. Bereits jetzt ist es heftig umstritten. Ein Besuch vor der Premiere

Claudia Keller

Brandenburg/Havel. Besser hätten es PR-Strategen nicht einfädeln können. Vor einer Woche haben am Theater in Brandenburg die Proben für das neue Stück „McKinsey kommt“ von Rolf Hochhuth begonnen – und schon ist die Premiere am 13. Februar so gut wie ausverkauft. Das Stück ist skandalträchtig – wie „Wessis in Weimar“, wie schon 1963 Hochhuths erstes Stück „Der Stellvertreter“. „McKinsey“ thematisiert die Abwicklung von Betrieben, die zu Massenarbeitslosigkeit führt, und welche Rolle Manager dabei spielen – unter anderem die der Deutschen Bank, die sich prompt empörte. Theaterkritiker sind alarmiert. Und McKinsey, die Unternehmungsberatung, hat schon mal im voraus eine komplette Vorstellung für die eigenen Mitarbeiter gebucht.

Theaterintendant Christian Kneisel, 50, brauner Zopfpulli, graue Haare, silberne Lesebrille, freut sich: „Wir haben gedacht, dass es ein brisantes Stück wird. Wir sind eine Kleinstadt, wissen Sie, ein solches Stück ist wichtig für uns.“ Es sei eine große Ehre, wenn ein Dramatiker wie Hochhuth ein Stück an einer solch kleinen Bühne aufführen wolle. Da könne man nicht nein sagen. Mit einem Skandal aber habe man nicht gerechnet, sagt Kneisel und tritt etwas verlegen von einem Bein aufs andere. Sonst hätte man es nicht für die Studiobühne konzipiert, sondern im Großen Haus mit 419 Sitzplätzen gespielt. Ins Studio gehen nur 200 Leute rein. Kneisel gefällt das Stück. Es spiegele die gesellschaftliche Wirklichkeit, zumal eine, die den Brandenburgern sehr nahe gehen könnte – die Schließung ihrer Betriebe haben sie selbst erlebt.

Hochhuth hat monatelang in der Stadt die Abwicklung des großen Stahlwerkes recherchiert und daraus eine Szene geschrieben. „Als wir das Schauspiel vor einem Jahr angenommen haben, wussten wir natürlich, dass ein Stück von Hochhuth öffentlich Aufmerksamkeit erregt“, sagt Friedrich von Kekulé. Er sitzt für die CDU im Stadtparlament und ist der Aufsichtsratsvorsitzende des Theaters. Er hofft, dass dadurch Besucher aus Berlin nach Brandenburg gelockt werden, die sonst nicht hierher ins Theater kommen würden. So wie vor fünf Jahren, als das Stück „Mein Freund Hitler“ dem Haus den ersten Theaterskandal bescherte, oder auch vor zwei Jahren, als ein ähnliches Phänomen mit „Glatzer kommt“ gelang. Allerdings lichteten sich jedesmal nach der Premiere die Reihen, die Stücke bekamen keine sonderlich guten Kritiken, und die Brandenburger selbst sind eher nicht von solchem Schlage, dass sie die Avantgarde auf der Bühne suchen würden. Nachdem das Stahlwerk nicht mehr existiert, sind 20 Prozent arbeitslos.

Dass nun ausgerechnet in Brandenburg ein Schauspiel von sich reden macht, ist auch ein bisschen kurios. Vor vier Jahren wurde der Theaterverbund Potsdam-Brandenburg- Frankfurt/Oder gegründet. Für Schauspiel ist seither das Hans-Otto-Theater in Potsdam zuständig. In Brandenburg gibt es allerdings noch sechs Schauspieler, die man nicht entlassen konnte. Für sie muss ab und zu ein neues Stück her. Aber eigentlich liegt der Schwerpunkt des Theaters auf Oper und Operette.

Deshalb ist der Theaterintendant am Mittwoch auch ziemlich nervös, nicht wegen Hochhuth: Am Tag zuvor hat sich die Oberbürgermeisterin mit der Kulturstaatsministerin getroffen, um über Finanzkürzungen beim Orchester zu beraten. „Unsere ganze Existenz ist gefährdet“, sagt Kneisel. Das ist Aufregung genug, da braucht nicht erst McKinsey zu kommen.

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