Boxen : Wahl des OB: Mehr Kandidaten als gewollt

Claus-Dieter Steyer

Der Frankfurter Oberbürgermeister genießt den Spaziergang übers 10. Deutsch-Polnische Oderfest. Wolfgang Pohl schüttelt Hände, lächelt Frauen und Männern in den Verkaufs- und Informationsbuden zu, plaudert mit dem Amtskollegen aus Slubice am anderen Oderufer. Seine Ausdauer hat einen besonderen Grund. Für den 47-jährigen früheren Geschichts- und Sportlehrer ist es voraussichtlich das letzte Fest in offizieller Funktion. Denn Pohl verzichtet nach fast zwölf Jahren Arbeit im Rathaus, davon seit 1992 auf dem Posten des Oberbürgermeisters, auf eine neue Kandidatur.

Diese Entscheidung fiel offensichtlich nicht ganz freiwillig. Noch vor einigen Wochen hatte der SPD-Politiker nämlich ganz zuversichtlich von einer zweiten Amtsperiode gesprochen. Doch die Partei pfiff ihn zurück. Pohl erschien den Potsdamer Strategen um Matthias Platzeck wohl als ein zu unsicherer Kandidat, um Frankfurt bei der Oberbürgermeisterwahl im Frühjahr 2002 erneut für die Sozialdemokraten gewinnen zu können. Dafür soll jetzt Peter Fritsch, Unternehmer aus Müncheberg und Bruder des Fraktionschefs im Landtag, Gunter Fritsch, die Wahlen gewinnen.

"Ich habe mich der Entscheidung des Parteivorstandes und der Frankfurter SPD gebeugt", sagt Wolfgang Pohl. "Außerdem ist es wohl nach zwölf Jahren Rathaus auch an der Zeit, etwas anderes zu machen." Doch der letzte Satz klingt wenig überzeugend. Pohl hätte gern weiter gemacht. Gerade jetzt. Denn die Chipfabrik, die einmal 1500 Arbeitsplätze im Unternehmen und bis zu 4000 weitere in der Umgebung bringen soll, ist vor allem sein Werk. "Fünf Jahre habe ich dafür gearbeitet. Jetzt erfüllt sich der Traum." Im Juli will er mit dem Bundeskanzler den ersten Spatenstich vollziehen.

Begeistert erzählt er von einem Gespräch mit Sachsens Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf. "Der wollte es gar nicht glauben, dass uns als kleiner Stadt an der Ostgrenze so ein großer Coup gelingt. Sein Dresdner Siemenswerk kostete drei Milliarden Mark, unsere Chipfabrik sogar 500 000 Mark mehr." Auch die Europa-Universität Viadrina zählt Pohl zu seinen Verdiensten. "Wer hätte denn 1991 daran geglaubt, dass zehn Jahre später 4000 Studenten aus 48 Ländern hier ein- und ausgehen?" In- und ausländische Politprominenz machte seitdem die Bekanntschaft mit Pohl.

Der Mitbegründer des Neuen Forums in Frankfurt - erst im April 1998 trat er der SPD bei - zählt weitere Erfolge auf: das Staatstheater, den Olympia-Leistungsstützpunkt, das Kleistforum als Theater- und Kongresszentrum, das Institut für Halbleiterphysik. Außerdem sei Frankfurt seit einigen Jahren aus den Schlagzeilen über rechtsradikale Überfälle verschwunden. Vorsichtshalber klopft Pohl aber auf Holz. "Ein Paar Idioten können den Ruf der Stadt sofort wieder ruinieren."

Zur Entscheidung der SPD-Spitze, ihn nicht wieder in die erste Reihe zu stellen, sagt der Frankfurter mit einer erstaunlich sportlichen Figur: "Der Prophet gilt bekanntlich nichts im eigenen Land". Doch die Bilanz ist nicht nur rosig. Das Haushaltsdefizit liegt bei 170 Millionen Mark, die Einwohnerzahl sank dramatisch von 86 000 im Jahr 1990 auf jetzt noch knapp 71 000. "Damit liegen wir im Durchschnitt, ebenso mit unserer 18-prozentigen Arbeitslosenquote", versucht Pohl, die Lage abzuschwächen.

Aber genau mit diesen konkreten Zahlen wird die Opposition im Wahlkampf angreifen, vor allem die starke PDS. Die CDU muss sich eher zurückhalten, ging sie doch mit der SPD eine Große Koalition ein.

Dennoch scheint Pohl vom Landesvorstand und von der Frankfurter Parteispitze mit Bedacht aus der Schusslinie genommen worden zu sein. Von Peter Fritsch, zwischen 1992 und 1994 SPD-Fraktionschef im Frankfurter Stadtparlament, erhofften sich die Genossen wohl frischen Wind im Rathaus. Doch ob er überhaupt als potenzieller Nachfolger Pohls ins Rennen gehen wird, steht noch nicht fest. Denn entgegen der internen Abmachung hat sich ein zweiter Kandidat gemeldet. Frank Ploß, Chef der Stadtverordnetenversammlung und Kritiker des Oberbürgermeisters, will als junger und unbelasteter Gewerkschafter auf den wichtigsten Rathausposten. "Das war nicht abgesprochen", sagt Pohl, der fest zu Peter Fritsch steht.

Landesvorsitzender Platzeck reagierte auf die Personalquerelen in der SPD-Hochburg überrascht. Er wolle eine baldige Lösung. "Alles andere gefährdet die Chancen der Sozialdemokraten", sagte er. Viel Zeit bleibt nicht. Am 17. Juli soll der Kandidat auf einer Versammmlung der SPD-Mitglieder gekürt werden.

Vielleicht ist dann sogar Wolfgang Pohl wieder im Rennen. "Vereinbart war, dass ich zugunsten von Peter Fritsch verzichte." Von einer anderen Person sei keine Rede gewesen. Von Amtsmüdigkeit ist bei seinem Festrundgang an der Oder jedenfalls nichts zu spüren.

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