Wahlkampf : Lieder statt Parolen

Linke-Spitzenkandidatin Kerstin Kaiser führt einen ungewöhnlichen Wahlkampf – als Sängerin.

Thorsten Metzner

Rathenow - „Ja, die Welt ist aus den Gleisen. Und ich weiß nicht, wer ich bin.“ Als Kerstin Kaiser dies mit kräftiger, sonorer Stimme singt, ist es still im Publikum. Die Mienen sind nachdenklich, versonnen. Gut 60 Leute haben sich im „Blauen Saal“ des Kulturhauses  Rathenow eingefunden, um die Linke-Spitzenkandidatin zu hören, keine Reden, ihre Lieder. So sieht Kaisers Wahlkampf aus. „Roter Mohn“ heißt das Programm, das die 49-Jährige jeden Abend gemeinsam mit ihrem Mann und einstigem Mitbegründer der DDR-Folkband „Wacholder“ Jörg Kokott aufführt. Wahlplakate, Flyer, Broschüren oder gar ein Spruchband der Linken hinter Kaiser auf der Bühne? Nichts davon, nirgendwo. „Weil nichts los ist mit den Linken.“ Wer weiß.

Die Oppositionsführerin führt einen ungewöhnlichen Wahlkampf, sehr leise für die zweitstärkste Kraft, ziemlich intellektuell für die Mark. Kaiser, die nur jeder Vierte kennt, erreicht so die eigene und sonst eine spezielle Klientel. Sie füllt kleine Säle, mit 60, 70 Interessierten, zur Hälfte meist ältere Genossen, aber auch wie in Cottbus alternative Jugendliche oder in Rathenow schon mal die Frau des CDU-Bürgermeisters, die sich danach begeistert eine CD holt, mit Autogramm natürlich.

Kaiser singt politische Lieder, etwa von Konstantin Wecker oder Gerhard Gundermann, über die Sehnsucht nach Gerechtigkeit, nach Frieden. Es klingt wie eine deutsch-deutsche Symbiose aus „Oktoberklub“ (Ost) und Liedermacher (West), melancholische, sentimentale, besinnliche Töne dominieren. Wahlkampf einer Linken, die der SPD das Fürchten lehrt? Eher wirkt alles wie das persönliche Statement einer Frau, die bisher den Ruf einer kühlen Funktionärin hatte, in den eigenen Reihen nicht unumstritten ist, auf der Bühne aber plötzlich menschlich, weich, sensibel rüberkommt. Und die vielleicht Vize-Ministerpräsidentin in einer rot-roten Regierung werden könnte, trotz ihrer gebrochenen Biografie? „Denn in diesem Leben wird der Mensch aus Schaden klug.“

Auf Kaiser lastet die Bürde früherer Spitzelei. Als IM „Kathrin“ hatte sie der Stasi im damaligen Leningrad über Lebensgewohnheiten von Kommilitonen berichtet, weshalb sie 1994 das gewonnene Bundestagsmandat zurückgab und darüber auf der Homepage schreibt: „Was ich falsch gemacht habe, wird mich mein Leben lang beschäftigen und quälen. Es wäre möglich gewesen, sich zu verweigern."

Dieser offene Umgang mit ihrer Vergangenheit ist der Grund, weshalb Regierungschef Matthias Platzeck (SPD) auch kein Problem mit Kaiser im Kabinett hätte. Und trotzdem braucht man nur einen solchen Abend zu erleben, um zu spüren, dass für Kaiser der Traum von Rot-Rot in Brandenburg in weite Ferne gerückt scheint. Erst recht, seit die Linken nur knapp hinter der SPD liegen, die keinen zu starken Koalitionspartner will. Klar, sie erwähnt die 15 Schlüsselprojekte, die die Linken durchsetzen wollen, Mindestlöhne, 15000 Jobs im öffentlichen Sektor, kleinere Kita-Gruppen. Aber sie sagt eben auch: „Es liegt an der SPD. Wir haben über so ein Projekt noch nicht gesprochen.“ In einem Lied singt Kerstin Kaiser trotzig: „Es kann ja nicht immer so bleiben.“ In Brandenburg vielleicht doch, eine Gewinnerin klingt anders. Thorsten Metzner

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