Boxen : Was der Bauer nicht will, das kauft er nicht

Haustür-Vertreter bieten Landwirten genmanipuliertes Getreide an. Doch die lassen sie neuerdings abblitzen

Claus-Dieter Steyer

Friedrichsfelde. Wer den Schäfer Jens Kath in Friedrichsfelde besuchen will, braucht eine gute Landkarte und Spürsinn. Denn das nur einige Dutzend Einwohner zählende Dorf in der Uckermark liegt versteckt in der Einöde. Und seit die Brücke an der nahen Autobahnabfahrt Pfingstberg erneuert wird, endet die schmale Durchgangsstraße an einem tiefen Graben.

Und doch finden den Weg zur Schäferei mehr Fremde, als dem Eigentümer eigentlich lieb ist. „Die Chemie-Vertreter spüren jeden Bauern auf, um ihn irgendwelche Sachen aufzuschwatzen“, schimpft Kath. „Sie versprechen uns mit ihren Düngemitteln und Unkrautbekämpfern das Blaue vom Himmel und machen uns ganz schwindlig.“ Über die Folgen der Chemie auf den Feldern und in den Ställen werde kaum aufgeklärt.

Diese Ungewissheit hat Kath und weitere 20 Landwirte aus der Uckermark zum Handeln getrieben: Sie erklärten ihr bewirtschaftetes Land zur „gentechnikfreien Zone“. Zusammen kommen ihre Unternehmen auf rund 14000 Hektar Nutzfläche. Das ist knapp ein Viertel aller Felder in der dünn besiedelten Uckermark. Eine ähnliche Idee verfolgen Bauern im Spreewald, wo zurzeit 300000 Hektar bewirtschaftet werden.

Schäfer Jens Kath sucht nicht lange nach Argumenten für seine Haltung. „Ich bin ein durch und durch naturverbundener Mensch“, sagt er. „Die Schäferei und die Ackerflächen will ich einfach mit ruhigem Gewissen an die nächsten Generationen weitergeben. So wie wir hier seit uralter Zeit wirtschaften, soll es bleiben.“ Das garantiere gutes Auskommen. 600 Mutterschafe stehen im Stall und auf der Weide. Das Lammfleisch könne der Kunde unter anderem an der Edeka-Fleischtheke und in der Babynahrung finden. „Die Käufer verlassen sich einfach darauf, dass wir an den Ackerpflanzen nichts herummanipulieren“, sagt Kath.

Andere Bauern halten sich die Türen für neue Saatgüter und Chemieprodukte offen, weil sie den Klimawandel spüren: Gerade in der Uckermark wird es immer trockener und wärmer. An der Wetterstation Angermünde stieg die durchschnittliche Tagestemperatur von Juni bis August in den letzten 100 Jahren von 14,5 auf 18 Grad. So einen Sprung nach oben gibt es nirgends sonst in Mitteleuropa, zumal es zugleich immer weniger regnet. Sie erreichte in der Uckermark 2003 nur zwei Drittel des langjährigen Mittels, weil immer weniger Regenwolken den Osten Deutschlands erreichen.

Da klingen die Versprechungen der Saatgutindustrie verlockend, Roggen, Weizen oder Raps mit stark verringertem Wasserbedarf anzubieten. Doch Martin von Haarem, Landwirt aus Mittenwalde, will sich darauf nicht verlassen. „Bis jetzt haben wir es immer einigermaßen geschafft, uns auf das veränderte Klima einzustellen. Mit genmanipulierten Pflanzen holen wir uns aber möglicherweise Probleme ins Haus, die wir nicht beherrschen können.“ Heiner Petersen vom Gut Wilmersdorf, das Getreide für das auf vielen Berliner Märkten und in Bio-Läden angebotene Märkische Landbrot liefert, resümiert: „Wenn unsere Pflanzen demnächst tatsächlich ohne Wasser auskommen sollen, könnten die Chemie-Experten doch erst einmal die Sahara begrünen.“ Er versteht die „gentechnikfreie Zone“ vor allem als Markenzeichen und Verkaufsargument.

Für Schäfer Jens Kath ist der Klimawandel kein Argument. „Ich mache mir um meine Zukunft keine Sorgen. Schafe sind schließlich Steppentiere.“ Mit diesen Worten weist er auch jedem Chemie-Vertreter die Tür.

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