Boxen : „Wegschließen ist keine Lösung“

Weit weg von der Stadt: Berliner Abgeordnete besuchten Jugendeinrichtungen in der Uckermark

Sandra Dassler

Lutz Griebsch zählt sich in dieser Frage zu den Hardlinern unter den Berliner Abgeordneten. Besonders nach den jüngsten spektakulären Fällen wie dem des mutmaßlichen Serientäters Mahmoud oder des Schulhofschlägers Sawis J. ist der CDU-Sprecher des Jugendhilfeausschusses der Bezirksverordnetenversammlung Spandau überzeugt: Gewalttätige Jugendliche gehören in geschlossene Anstalten – egal, wie alt sie sind. Dass er an diesem Freitag mit etwa zwei Dutzend anderen Berliner Abgeordneten in die Uckermark fährt, wird an seiner Haltung, da ist er sich sicher, nichts ändern. Die Volksvertreter wollen sich offene Jugendhilfeeinrichtungen anschauen, in denen Berliner Kinder und Jugendliche leben.

Der 12-jährige Billy erwartet den Besuch mit kindlicher Aufregung. So viele Menschen kommen selten in das „Haus am See“, in dem der Junge seit einem Jahr lebt. Billy erzählt voll Stolz von den Hunden, den Schafen, den Schweinen. Und den Bienen. „Wir haben hier unseren eigenen Honig.“ Als die Rede auf seine Eltern kommt, füllen sich die Augen des Jungen mit Tränen, er beginnt zu zittern – die Abgeordneten wechseln das Thema, und Billy lacht wieder.

Im „Haus am See“ in der Nähe von Schwedt leben 18 Mädchen und Jungen, die ansonsten in der Kinderpsychiatrie wären. Viele haben Straftaten begangen. Da sie aber noch unmündig sind, nennt man sie korrekterweise nicht „straffällig“, sondern „delinquent“. Billy hat gestohlen und geraubt, litt unter schwersten Verhaltensstörungen. „Als er hier ankam, war er wie ein kleines wildes Tier“, erzählt eine Erzieherin: „Er hat sich nicht gewaschen, ist nur in Lumpen herumgelaufen, und sein Zimmer hat er eingerichtet wie eine Höhle.“ Die Betreuer ließen Billy seine Höhle, gaben ihm genug Decken, um sein Bett zu verhüllen. Inzwischen benimmt er sich wie ein normaler Junge, vielleicht etwas anlehnungsbedürftiger als andere in seinem Alter. Billy könnte es schaffen. Nina hoffentlich auch. Die 14-Jährige aus Berlin wurde seit ihrem fünften Lebensjahr von satanistischen Eltern grausam gequält. Ohne beruhigende Medikamente kann Nina nicht leben. Das „Haus am See“ ist für sie und alle hier die letzte Chance. Sonst bleibt nur die geschlossene Psychiatrie.

Dass das Haus so weit abgelegen von anderen Siedlungen ist, erschwert das Davonlaufen. Zwei haben es trotzdem getan. Nach zwei Jahren sind sie getürmt. Peter ist inzwischen im Gefängnis. Nick, so erzählen die Erzieher traurig, meldet sich hin und wieder: Der 13-Jährige geht wieder anschaffen – am Bahnhof Zoo.

Die Abgeordneten fahren weiter. Alle Jugendhilfeeinrichtungen, die sie rund um die Stadt Schwedt besuchen, werden vom Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerk (EJF) betrieben – auch Frostenwalde. In dem kleinen Bungalowdorf erholten sich zu DDR-Zeiten die Mitarbeiter der SED-Kreisleitung.

Jetzt sind hier 32 Jugendliche untergebracht, die eigentlich in Untersuchungshaft sitzen müssten. Celine beispielsweise hat in Berlin Passanten ausgeraubt, nicht nur einmal. Die 15-Jährige wartet auf ihre Hauptverhandlung. „Das hier ist besser als Knast“, sagt das Mädchen. „Ich hab’ mir fest vorgenommen, dass ich nichts mehr anstelle, wenn mir das Gefängnis erspart bleibt. Und hier in Frostenwalde kann ich in einer Werkstatt arbeiten, mit vielen Betreuern reden und zur Schule gehen.“

Manche Jugendliche halten anfangs nur 15 Minuten in der Schule durch. Die Betreuer nennen sie „Brückenkinder“, weil sie zuvor jahrelang auf der Straße lebten, tagsüber schliefen und nachts auf Tour gingen. Ihr Biorhythmus hat sich völlig umgekehrt, es dauert manchmal Wochen, das zu ändern. Erleichtert wird es durch einen streng geregelten Tagesablauf, aber auch durch die schöne Natur ringsum.

„Menschen statt Mauern“, heißt das Motto des Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerks. Aber die Betreuer gewinnen trotz allen Engagements nicht jeden Kampf, nicht jedes Kind findet in ein normales Leben. Von jenen fast 400 Jugendlichen, die in den vergangenen Jahren in Frostenwalde statt in U-Haft waren, sind immerhin 60 Prozent danach straffrei geblieben.

Auch der elfjährige David, der mit zwölf anderen Kindern auf einem großen Bauernhof – der „Insel“ lebt, hat sich das fest vorgenommen: „Ich hab’ Mist gebaut“, sagt er: „Ich bin hier, weil ich mich nur dadurch ändern kann. Zu Hause würde ich wieder zu meinen alten Kumpels gehen. Ich hätte nicht die Kraft, mich dagegen zu wehren.“

Das ist einer der Gründe, warum die Einrichtungen so weit von Berlin entfernt sind. Die Mädchen und Jungen sollen weg aus ihrem kriminellen Umfeld, fort aus der Großstadt mit all ihren Verlockungen und Gefahren. Hier werden sie von erfahrenen Pädagogen rund um die Uhr betreut, sie werden ernst genommen und angenommen. „Viele Kinder lernen dadurch erst wieder, sich selbst zu achten“, sagt Gabriele Posselt, die eine EJF-Einrichtung in Berlin leitet und die Abgeordneten in die Uckermark begleitet: „Gerade bei diesen jungen Menschen kann sich die Gesellschaft nicht aus der Verantwortung stehlen. Sie muss sich der Frage stellen, was schief gelaufen ist, wenn Kinder so austicken.“

Lutz Griebsch, der Hardliner aus Spandau, ist auf der Heimfahrt aus der Uckermark sehr nachdenklich: „Ich habe meine Meinung geändert und werde das auch meiner Fraktion vortragen. Sie sollen sich das hier ansehen, dieses Engagement der Betreuer, diese Schicksale. Wegschließen ist für diese Kinder keine Lösung.“

Die Namen aller Kinder und Jugendlichen wurden von der Redaktion geändert.

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