Boxen : Weniger Hausbesuche, kürzere Sprechstunden

LARS TÖRNE

Nach der Honorar-Begrenzung der Kassen schränken brandenburgische Ärzte ihre Leistungen einVON LARS VON TÖRNE SCHÖNWALDE.Das böse Erwachen für Brandenburgs niedergelassene Ärzte kam vor einem Monat: "Anfang Februar bekamen wir die Aufrechnung für das dritte Quartal des vergangenen Jahres - und plötzlich hatte ich 30 Prozent weniger Honorar als im Quartal davor", erinnert sich Dietmar Grätsch, Allgemeinarzt in Schönwalde (Havelland).Grund der unerwarteten Einbußen ist die bundesweite Begrenzung der Arzthonorare durch feststehende Praxisbudgets seit Juli 1997 - die Auswirkungen bekommen die Ärzte allerdings erst jetzt zu spüren."Für jeden Patienten bekomme ich im Quartal 35 Mark, für Rentner gibt es 70 Mark", erklärt Grätsch, der in seiner Praxis rund 700 Patienten betreut."Dabei ist es egal, ob ich den Patienten nur einmal im Vierteljahr behandele oder ob ich ihm jede Woche einen Hausbesuch abstatte." Früher wurde jede Behandlung einzeln abgerechnet.Grätsch hat jetzt erste Konsequenzen gezogen: Er schaffte die von ihm seit vielen Jahren angebotene Samstags-Sprechstunde ab und besetzte die freigewordene Stelle einer zweiten Arzthelferin nicht mehr neu."Statt dessen hilft mir meine Ehefrau im Rahmen eines 500-Mark-Jobs."Ärzte in den neuen Bundesländern sind von den Budgetierungen besonders stark betroffen.Etwa ein Viertel der über 3000 Arztpraxen im Land steckt nach Auskunft der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Brandenburg in erheblichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten.Für manche könnte die Budgetierung das Aus bedeuten, wie KV-Sprecher Ralf Herre warnt: "Über 170 Praxen sind schon jetzt nicht mehr liquide.Das läßt sich nur für kurze Zeit kompensieren.Wenn sich nichts ändert, droht ihnen in einem halben Jahr die Schließung." Aus diesem Anlaß demonstrierten vergangene Woche rund 1000 niedergelassene Ärzte in Potsdam und forderten eine Rücknahme der Honorarkürzungen.Sie verlangten auch, daß die Ost-Kassen ihren Anteil der Ausgaben für ambulante Leistungen von durchschnittlich 14,5 Prozent schrittweise an das Westniveau von 17 Prozent angleichen.Die Situation der Brandenburger Ärzte wird verschärft durch hohe Kredite, die viele von ihnen aufgenommen haben, als sie sich nach der Wende selbständig machten."Ich habe mich mit 340 000 Mark verschuldet, um diese Praxis aufmachen zu können", erklärt Dietmar Grätsch."Zins und Tilgung waren für meine restlichen Berufsjahre genau kalkuliert.Und jetzt stehe ich mit einem Einkommensverlust von einem Drittel da." Zwar sei das Gesamthonorar nur um 16 Prozent gesunken.Durch feststehende Betriebskosten komme es jedoch zu einer tatsächlichen Minderung um 30 Prozent."Plötzlich muß ich mit viereinhalb tausend Mark weniger im Monat auskommen."Die Sparmaßnahmen gehen Grätsch zufolge vor allem auf Kosten älterer und chronisch kranker Patienten, die regelmäßig medizinisch versorgt werden müssen."Ich behandele viele Rentner.Da ist das vorgegebene Budget oft schon nach zwei Monaten ausgelastet, und im dritten Quartalsmonat ist kein Geld mehr für die Behandlung da.Da arbeite ich dann zum Nulltarif." Schwere Pflegefälle, die alle drei Wochen auf einen Hausbesuch angewiesen seien, würde er jetzt oftmals auf eigene Kosten besuchen."Das kann ich mir nur kurze Zeit leisten.Langfristig muß ich wohl versuchen, die Zahl der Hausbesuche zu reduzieren." Einen Ausweg aus der Misere erhoffen sich Grätsch und seine Kollegen nun durch Gespräche zwischen Krankenkassen und Kassenärztlicher Vereinigung Brandenburg, die auf Vermittlung von Ministerpräsident Stolpe im März beginnen sollen.

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