Boxen : Wer rettet Mendelsohns Hutfabrik?

UTA ARNIM

Berühmtes Industriedenkmal in Luckenwalde verfällt / Go-Cart-Bahn geplantVON UTA VON ARNIM LUCKENWALDE.Brandenburg läßt eines seiner wichtigsten Denkmäler vergammeln.Wenige Tage vor dem landesweiten "Tag des offenen Denkmals" bietet die Hutfabrik des Architekten Erich Mendelsohn in Luckenwalde ein Bild des Jammers: Überall liegt Müll, der Boden stinkt nach Öl, die Wände und Decken zeigen Spuren der Feuchtigkeit.Wenn sich nichts tut, wird das Gebäude aus dem Jahr 1921 bald unrettbar verloren sein.Beim Kulturministerium gibt man sich auf Anfrage "ratlos", wie Sprecher Martin Gorholt sagt.Die Fabrik sei zwar "ein landesweiter Höhepunkt" unter den Denkmälern, aber Nutzung und Finanzierung noch unklar. Nein, heißt es bei der Stadtinformation Luckenwalde, die Hutfabrik sei nicht zu besichtigen.Frühestens im Oktober, da käme eine Gruppe japanischer Architekten extra angereist, da könnte man dann mitgehen.Die Japaner werden das Gebäude kaum wiedererkennen, das in keinem Architektur-Lehrbuch, keinem kunsthistorischen Führer fehlt.Sie werden dafür eine Lektion des deutschen Umgangs mit einem Denkmal lernen.Unkraut wuchert auf den Wegen, den Eingang am Pförtnerhäuschen, der einst den Blick auf das imposante Hauptgebäude der Fabrik lenkte, versperrt ein rostiger Zaun, An- und Umbauten haben die Bauten so verschandelt, daß hier auf den ersten Blick wahrlich niemand ein Denkmal vermuten würde. Erst drinnen wird klar, warum die "Hutfabrik Steinberg, Herrmann und Co" in "historischer, technischer und künstlerischer Hinsicht eine Industrieanlage von höchster Qualität" darstellt, wie der Architekt Gerald Kühn von Kähne in einem Restaurierungskonzept schreibt.Weit spannen sich die Betonbogen über die vier langgestreckten Hallen.Statt plump zu sein wie herkömmliche Pfeiler verjüngen sie sich in einem Schwung bis nach oben.Über die ganze Länge der Hallen erstrecken sich die breiten Oberlichter, die damals die Arbeit bei Tageslicht ermöglichten und heute noch den Räumen den Eindruck von Helligkeit und Weite verleiht.Nur in der Färberei, die früher den weithin sichtbaren "Hut" mit der neuartigen Lüftunganlage trug, ist die Decke heute geschlossen. Der Hutfabrikant Herrmann hatte nach dem Krieg Mendelsohn die Möglichkeit gegeben, seinen ersten und einzigen Industriebau zu entwerfen, der den Architekten bekannt machte.Einige der expressionistischen Détails sind trotz des schlechten Zustandes von außen noch zu erkennen: Die Fassadengestaltung der Hallen in verschiedenen Dreiecken, die Betonung der Horizontale durch die Fensterbänder mit ihrem schrägen Abschluß. Doch der Boden ist voller Altlasten von Färberei und Wälzlagerwerk, an den Oberlichtern regnet es kräftig herein.Was tun mit dieser spröden Schönheit? Ein Markt? Ausstellungshalle? Documenta in Luckenwalde? Interessenten hat es einige gegeben, doch die sprangen aus Furcht vor den Kosten immer wieder ab, da auch noch nicht geklärt ist, welche Fördermittel es für den Austausch des Bodens geben wird.Zur Zeit möchten Investoren hier eine Go-Cart-Bahn bauen - die europaweit größte. Peter Kurzrock von der Luckenwalder Wirtschaftsförderung sieht schon vor seinem inneren Auge das "Erlebniszentrum" mit Bahn, Computerspielen, Frisör und Gaststätten entstehen, während Denkmalschützer Thomas Drachenberg bei dem Gedanken daran zusammenzuckt, denn das hier sei ja schließlich "kein Fachwerkhaus, sondern ein Weltdenkmal".Warum bisher noch nichts geschehen sei? Die Politik habe das "bisher ausgesessen", sagt Drachenberg.Immerhin will sich Minister Reiche beim "Tag des offenen Denkmals" den Patienten ansehen.Und die japanischen Architekten werden wieder etwas zum Staunen haben, wenn sie sich bei ihrer nächsten Deutschland-Tournee einer Go-Cart Bahn gegenübersehen.

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