Boxen : Widerstand gegen Windräder wächst

CLAUS-DIETER STEYER

Uckermärkische Initiativen befürchten verschandelte Landschaften und Einbußen im TourismusVON CLAUS-DIETER STEYER PRENZLAU.Der fremde Besucher bemerkt das vermeintliche Übel erst auf den zweiten Blick.Eigentlich ist er völlig eingenommen von der herrlichen Aussicht vom Rummelsberg am Parsteiner See auf Seen, dichte Wälder, grüne Felder und kleine Dörfer mit Kirchturmspitzen.Am Horizont ist die Oder auszumachen.Die Idylle scheint perfekt zu sein.Dabei liegt Berlin nur eine knappe Autostunde in südwestlicher Richtung entfernt.Nur der oberste Naturschützer der Schorfheide und des Choriner Landes schüttelt verärgert den Kopf."Das Ding stört unwahrscheinlich und macht alles kaputt", sagt Eberhard Henne, Chef der Verwaltung des Biosphärenreservates Schorfheide-Chorin."Wenn das so weitergeht, haben wir bald keine schönen Landschaften mehr." Sein Ärger richtet sich gegen eine Windkraftanlage direkt am großen See.Ihre Flügel kreisen unablässig.Die Sonne spiegelt sich auf der glatten Oberfläche des rund 40 Meter hohen Turmes.Hat das Auge die große Windmühle erst einmal erfaßt, zieht sie die Blicke immer wieder an.Doch so ganz versteht der Großstädter die Aufregung des Naturschützers nicht.Diese eine Windkraftanlage kann doch unmöglich das Bild einer ganzen Landschaft zerstören."Wir kämpfen gegen eine von der Windenergielobby geplante völlige Beherrschung der Landschaften durch ihre Anlagen", sagt Henne."Wenn alle Pläne verwirklicht werden, können wir Naturschutz und Tourismus in Nordostbrandenburg bald vergessen." Der anerkannte Fachmann für Umweltfragen will zusammen mit dem in der Uckermark lebenden Schriftsteller Botho Strauß, dem Berliner Hochschullehrer Professor Hans-Joachim Mengel und dem aus Neuseeland stammenden Direktor des Schlosses Wartin, Charles Elworthy, die Öffentlichkeit gegen ein "völlig unkontrolliertes Verbauen der Landschaften durch Windräder" mobilisieren.Professor Mengel kennt als SPD-Kreistagsabgeordneter die genauen Daten.Von der Regionalen Planungsgemeinschaft der Kreise Barnim und Uckermark seien 9000 Hektar als großflächige Areale zur Windkraftnutzung bestimmt worden.3000 Hektar würden zusätzlich als Reserveflächen gelten."Bei solchen Dimensionen sägt insbesondere die Uckermark an ihrem einzig stabilen Ast, dem Tourismus", sagt Mengel.Welcher Berliner komme denn dann noch in den Brandenburger Nordosten, wenn er von einem Windrad zum anderen stolpere? fragt er etwas überspitzt.Die Landschaft verliere ihren typischen Charakter.Auch die Nistplätze und Zugrouten der Kraniche würden nachhaltig beeinträchtigt.In mehreren Orten haben sich örtliche Bürgerinitiativen gegen Windräder gebildet."Allein in Angermünde und Umgebung zählen wir 350 bis 400 Mitstreiter", erklärt Thomas Konietzny, Chef der Initiave gegen Windkraftanlagen.Oftmals nimmt ihr Kampf recht skurile Züge an.In Lübbenow im äußersten nördlichen Brandenburger Zipfel haben die Gegner von Windrädern die eigene Gemeindevertretung von ihren Argumenten überzeugen können."Aber die Nachbargemeinde will jetzt einen ganzen Windpark genehmigen", sagt Iris Drews aus dem kleinen Lübbenow."Um ihre eigenen Einwohner zu beruhigen, haben die Gemeindevertreter den Bauplatz für die Windräder bewußt an den Ortsrand verlegt - genau an die Grenze zu unserem Dorf.Nach ihren Erfahrungen seien viele Gemeindevertreter mit der Entscheidung für oder gegen Windräder völlig überfordert."Die Windkraftbetreiber legen den Dörfern 10 000 Mark als Honorar auf den Tisch und versprechen gute Steuereinnahmen.Da sagt kaum einer nein", sagt Frau Drews.Die örtlichen Initiativen und die Gruppe um Eberhard Henne beteuern, daß sie nicht grundsätzlich gegen Windenergie und große Anlagen sind."Nur sie dürfen nicht willkürlich im Lande verteilt werden", erklärt Henne.Von Erdwärme, Wasserkraft oder Biogas spreche niemand mehr.In Brandenburg deckt der Windstrom rund 1,5 Prozent des gesamten Energiebedarfs.Der Anteil soll in den nächsten Jahren auf rund fünf Prozent steigen.Bisher drehen sich dafür 218 Windräder.Neben der Uckermark sind die größten Anlagen im Lausitzer Braunkohlerevier sowie im früheren Überschwemmungsgebiet der Oder in der Ziltendorfer Niederung geplant."Wenn schon Windkraftanlagen, dann konzentriert an wenigen Orten, wo sie nicht stören", fordert Professor Mengel.Die Gruppe fühlt sich oft wie der einsame Rufer in der Wüste."Doch niemand soll später sagen, er sei vor den verheerenden Folgen für die Landschaft nicht gewarnt worden", sagt der Hochschullehrer.Auch am Parsteiner See wollen Windradbetreiber ihrem ersten Turm bald einen großen Park mit vielen Anlagen folgen lassen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben