Boxen : Wie man Touristen angelt

KOMMENTAR von Claus-Dieter Steyer

Unterhaltsam, begeisternd und obendrein nützlich – die Potsdamer Schlössernacht gehört zu den besten Ideen im Brandenburger Tourismus. Denn neben den Kosten fürs Amüsement der Besucher bleibt immer noch Geld für die Restaurierung wertvoller Anlagen übrig. Die Mitte der neunziger Jahre geborene Idee eines anspruchsvollen Kulturprogramms vor einer eindrucksvoll beleuchteten Kulisse hat viele Nachahmer im Land gefunden. Zwar gibt es nirgendwo einen vergleichbaren Park wie in Sanssouci mit gleich mehreren Schlössern, Terrassen, Wasserspielen und überraschenden Sichtachsen, aber das schreckte die Organisatoren selbst in tiefster Provinz nicht ab.

Ribbeck im Havelland, Börnicke bei Bernau, die Plattenburg bei Bad Wilsnack, Hubertushöhe bei Storkow, Rheinsberg oder Branitz bei Cottbus gehören zu der langen Liste. Selbst Orte ohne Schloss oder Herrenhaus machen sich die Open-Air-Atmosphäre zunutze und locken Gäste an. Die ausgediente und zum Besucherbergwerk umgebaute Förderbrücke „F 60“ in der Lausitz erstrahlt farbenfroh gleich in mehreren Nächten, der Ziegeleipark Mildenberg lädt Besucher zum abendlichen Lustwandeln in riesige und längst aufgegebene Brennöfen ein, und der Museumspark Rüdersdorf lässt die Ofenbatterie des Kalksteinwerkes und andere Industrieanlagen phantastisch anstrahlen.

Dabei ist es durchaus nicht selbstverständlich, dass gute Ideen gerade im Tourismus begeistert übernommen werden. So vertrauten die Touristiker im Spreewald viel zu lange und einseitig auf die Anziehungskraft der gemütlichen Kahnfahrten. Erst als der bis dahin kaum wahrgenommene Fläming und das Ruppiner Land mit den Übernachtungszahlen am Spreewald vorbeizogen, wachten die Verantwortlichen zwischen Lübben und Burg auf und brachten ihn mit neuen Angeboten für aktive und naturliebende Ausflügler erfolgreich wieder ins Gespräch.

Auch der Vorschlag, Hausboote ohne Führerschein zu verleihen, setzte sich erst nach und nach durch. Inzwischen wirkt Berlin wie eine Insel im Netz der freigegebenen Strecken. Denn die Hauptstadt verlangt wegen des starken Verkehrs auf den Wasserwegen nach wie vor eine richtige Ausbildung der Freizeitkapitäne. Zögerlich verlief auch der Ausbau der Radwege, die anfangs in vielen Orten ganz unten auf der Prioritätenliste standen. Aber längst hat es sich herumgesprochen, wie viel Geld die Radler in Hotels, Pensionen und Gaststätten lassen.

Viel Zeit zum Überlegen oder gar Ablehnen von guten Ideen bleibt den einzelnen Regionen nicht. Andere Bundesländer kopieren nicht nur die Skater-Strecke und illuminierte Industriegiganten, sondern sogar die Potsdamer Schlössernacht. Das nächste Mal sollte ein Besuch des Parks Sanssouci deshalb für alle Brandenburger Touristiker Pflicht sein.

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