Boxen : Wirtschaftsprüfer macht Schule fit

Wie lockt man Schüler an? Das Fontane-Gymnasium in Rangsdorf lässt sich von einem externen Fachmann durchchecken

Katja Gartz

Rangsdorf – Ditmar Friedrich hat mit dem Fontane-Gymnasium viel vor: Der Schulleiter will die Arbeit der Lehrer so organisieren, dass sie mehr Zeit für ihre Schüler haben, den Unterricht verbessern sowie Schüler und Eltern stärker in den Schulbetrieb einbeziehen. Spricht er über sein Gymnasium, redet er wie ein Unternehmer. Da heißt es nicht Schul-, sondern Organisationsentwicklung, nicht Schüler- , sondern Outputorientierung. Sein Ziel ist ein höheres Leistungsniveau. Schlechte Pisa-Ergebnisse sollen bald der Vergangenheit angehören.

Unterstützung für Reformen holt sich Friedrich aus der Wirtschaft. Seit Oktober setzt er sich regelmäßig mit Philipp Großmann vom Wirtschaftsprüfungsunternehmen KPMG zusammen. Der Organisationsexperte bringt keine vorgefertigten Verbesserungskonzepte mit. Er stellt viele Fragen, will wissen, wo die Stärken und Schwächen liegen, wo künftig Risiken auftreten können. Nach einer Bestandsaufnahme geht es nun darum, die Arbeit an der Schule besser zu organisieren. Wollten beispielsweise Schüler ihre Prüfungsakte einsehen, hat sich bislang eine Lehrerin ins Archiv begeben. Bei mehrere Anfragen nacheinander, hatte sie zu wenig Zeit für andere Aufgaben. Heute gibt es einen festen Termin zur Akteneinsicht für alle Schüler.

„Werden Abläufe straffer organisiert, kann Zeit gespart werden", berichtet Friedrich. Zu den Problemen des Fontane-Gymnasiums und denen anderer Schulen zählt der Schülerrückgang. „Um neue Schüler zu gewinnen, ist eine gute Öffentlichkeitsarbeit notwendig“, sagt der Schulleiter. Aus einem schwarzweiß kopierten Din-A-4-Bogen wurde eine farbiges Infoheft – auch ein Ergebnis der Gespräche mit Berater Großmann. Dieser schlägt außerdem Lehrerkontakte zwischen Grundschulen und dem Gymnasium sowie Tage der offenen Tür vor.

„Die Schule ist offen für Reformen, hapert es an der Umsetzung, kann ich in Gesprächen mit Ideen weiterhelfen“, sagt der Berater, der seine Engagement kostenlos zur Verfügung stellt. Als Vater von vier Kindern ist er an einem besseren Bildungssystem interessiert. Die KPMG engagiert sich in Schulen, weil gute Schulbildung schließlich die Voraussetzung für qualifizierten Nachwuchs ist.

Der Schule zur Seite gestellt wird der Wirtschaftsfachmann vom Verein Bildungscent, einer Initiative des Unternehmens Herlitz. Das Bildungsministerium Brandenburg begrüßt die Kooperation mit der Wirtschaft. „Die Schulleitung verändert sich und entwickelt sich zunehmend zum Schulmanagement“, sagt Sprecher Thomas Heinz. Wie in den Niederlanden soll die Leitung künftig stärker für die Qualität einer Schule, Personal und Budget verantwortlich sein.

Eine große Stärke der Schule ist für Berater Großmann das Feedback-System. Schüler, Eltern, Lehrer und die Schulleitung entwickelten Fragebögen, die Schülern und Lehrern helfen, sich selbst einzuschätzen, und die Möglichkeit eröffnen, Kritik zu äußern. Dabei beurteilen Schüler ihre Lehrer, diese die Schulleitung und Eltern die Schule. Gefragt wird nach der Verständlichkeit des Unterrichts, den Lernmethoden und der Lösung von Konflikten.

Großmann würde es begrüßen, wenn es das Feedback-System an allen Schulen gäbe. „Schule ist ein Dienstleistungsbetrieb, der Dienst an den Schülern wird besser, wenn Lehrer wissen, was gut und was schlecht läuft“, sagt er. Da motivierte Lehrer für erfolgreiche Reformen entscheidend sind, plädiert er für ein Anreizsystem. Es sei unfair, dass engagierte Lehrer das gleiche Gehalt bezögen wie jene, die keinen besonderen Einsatz brächten, meint der Berater.

Neu an der Schule ist außerdem ein wöchentlicher Klassenrat. Dabei tragen die Klassensprecher die Anliegen der Schüler vor. „Das ist eine gute Einrichtung, so haben wir mehr Mitbestimmung“, berichtet Klassensprecherin Nina Kosanke. Gemeinsam ausdiskutiert haben die Schüler beispielsweise, wie sie fächerübergreifende Projekte am besten realisieren sowie Probleme mit Mitschülern, Lehrern und dem Unterricht. „Wenn wir immer nur mit einem Buch arbeiten, ist das langweilig, außerdem lernen wir zu wenig“, berichtet die 16-jährige Josephine Krüger. Sie bemängelt, dass sich der Unterricht häufig nur kurzfristig verbessert und schnell in alte Muster zurückfällt.

Stark gemacht haben sich die Schüler im Klassenrat auch für die Patenschaft für ein äthiopisches Kind, das sie in seiner Heimat finanziell unterstützen. „Die Schüler werden selbstständiger, können besser mit Konflikten umgehen und rennen nicht sofort zum Lehrer“, berichtet Lehrerin Katja Witt.

Mit dem Ziel, inhaltliche Doppelungen in den Fächern zu vermeiden und die Unterrichtszeit für Themen oder Lernmethoden zu nutzen, die zu kurz gekommen sind, wurde ein Jahrgangsteam mit Vertretern der Schulleitung, Fachlehrern, Eltern und Schülern gegründet. Zur besseren Planung tauschen sie sich gemeinsam über Lehrpläne und die Inhalte von Projektwochen aus. Dem besseren Lernerfolg der Schüler dient eine Checkliste, auf der sie ankreuzen können, welche Themen und Aufgaben sie gut oder schlecht beherrschen. Somit können sie ihren eigenen Wissensstand kontrollieren und die Lehrer im Unterricht auf vorhandene Defizite eingehen.

Um zu sehen, ob die Veränderungen im Schulalltag erfolgreich sind, plant der Schulleiter ein Prüfungsteam aus Eltern und Unternehmensvertretern. Bei Friedrich heißt das Controlling. Sein Berater aus der Wirtschaft riet ihm, diese Aufgabe externen Personen anzuvertrauen. Sie seien unbefangener.

Bis Ditmar Friedrich seine Schule zu einer lernenden Organisation entwickelt hat, bleibt noch viel zu tun. „Mentalitäten und Strukturen ändern sich etwa im Zehn-Jahres-Zyklus“, sagt der Schulleiter. Sein Ziel ist eine Ganztagsschule mit flexibler Stundenaufteilung, in der Schüler selbstständiger lernen und Lehrer sich als Coach der Schüler verstehen. Bis dahin tauscht er sich weiter mit Unternehmensberater Großmann aus.

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