Boxen : Wittstocker Museum: Mit Büchse, Hut und Preußen-Adler auf Jagd nach Schmugglern

Claus-Dieter Steyer

Ein Preußen-Adler aus Papier für die schicke Uniform? Egal. Wolfgang Dost greift zu einer Stecknadel und befestigt provisorisch das Wappentier in Brusthöhe an der rechten Seite. Die Nachbildung des Adlers aus Metall ist dem Chef des Wittstocker Museums bei einem seiner letzten Auftritte als preußischer Zollkontrolleur verloren gegangen. "Aber ohne Abzeichen ist die Verkleidung nicht komplett", sagt der 60-Jährige und setzt sich einen schwarzen Hut mit breiter Krempe auf. Danach rückt er den breiten Gürtel mit den kleinen Behältnissen für Schießpulver zurecht, schaut nach seinem Ausweis und greift zur schweren Büchse. "Nun kann die Jagd auf die Bösewichte beginnen", meint Dost lächelnd und marschiert los.

Zusammen mit einem guten Bekannten zieht er in den nächsten Wochen durch Nordbrandenburg und das angrenzende Mecklenburg, um einen besonderen Aspekt der 300-jährigen Preußengeschichte auf unterhaltsame Art vorzustellen - den offensichtlich blühenden Schmuggel über die nördliche preußische Landesgrenze zwischen 1750 und 1860. Vor allem bei Seide, Bier, Salz, Tabak, Tieren und Gewürzen aller Art wurde offensichtlich massenhaft versucht, den Zoll zu sparen. Davon zeugen jedenfalls zahlreiche Legenden oder Straßennamen wie der heute noch existierende Tabakschmökersteig. Hauptsächlich nach Preußen waren die Schmuggler mit Waren unterwegs. Hier funktionierte schon früh eine dienstbeflissene Zollverwaltung, während sich die Mecklenburger kaum um die illegalen Geschäfte kümmerten.

Museumsdirektor Dost gibt auf seinen Auftritten so manche Episode zum Besten. Schon damals funktionierte beispielsweise die weibliche Verführungskraft. Während die Damen der Schmuggler die preußischen Kontrolleure durch allerhand Tricks ablenkten, wechselten gefüllte Salzsäcke die Seiten. "Anfang des 18. Jahrhunderts musste jeder Haushalt ein Salzbuch führen", erzählt der Historiker. "Darin war jeder Kauf genau vermerkt, damit die Behörden den entsprechenden Zoll erheben konnten." Da habe der Schmuggel natürlich geblüht. Ohnehin seien die Angehörigen dieses Gewerbes unter den Einwohnern hoch anerkannt gewesen. "Mit ihnen mussten sich die Leute ganz einfach gut stellen", sagt Dost.

Friedrich II. habe deshalb nicht zuletzt wegen des Schmuggels die Dörfer im Norden angewiesen, mit der Seidenraupenzucht zu beginnen. Überall sollten Maulbeerbäume für die Seidenraupen gepflanzt werden. Das Experiment schlug schließlich fehl. Aber zumindest zeugt davon heute noch der Name des Dorfes Maulbeerwalde, das etwa um 1750 entstanden war.

Andere Orte der nordöstlichen Prignitz spielen in den Schmuggelgeschichten eine nicht weniger wichtige Rolle. Rossow und Netzeband waren noch bis 1937 mecklenburgische Exklaven in Nordbrandenburg. Hierher flüchteten nicht nur sich vor dem preußischen Militärdienst drückende Männer. Auch so manches mit wertvoller Fracht bepackte Fuhrwerk konnte vor der Polizei oder dem Zoll gesichert werden.

Wolfgang Dost und seine Mitstreiter wollen mit ihren Auftritten nicht nur an alte Zeiten erinnern. "Die Landesgrenze zwischen Brandenburg und Mecklenburg ist zwar heute nicht mehr wie früher bewacht, doch sie trennt immer noch", meint der Museumsdirektor. Die Einwohner würden kaum etwas vom Nachbarn erfahren, Buslinien endeten am letzten Dorf des jeweiligen Bundeslandes, und Schüler müssten unnötig lange Wege in Kauf nehmen. "Wir wollen deshalb Verbrüderung feiern", kündigt Dost an. Am 5. Mai, dem internationalen Europa-Tag, soll bei Alt Daber bei Wittstock ein großes Fest steigen. Dann wird auch die Erlebnisstraße "Schmuggelheide" von Wittstock nach Röbel offiziell vorgestellt.

Entlang des Weges soll den Touristen allerhand Amüsantes aus den vergangenen Jahrhunderten geboten werden. "Unbemerkt überschreiten sie dann hoffentlich die Landesgrenze", hofft Dost. "Unsere Geschichten um die etwas finsteren Gestalten sind sozusagen Mittel zum Zweck".

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