Boxen : Wo Churchill seine Zigarren schmauchte

CORNELIA STAUDACHER

"Filmstars, Staatsgrenze und Stalinvilla" - eine Führung durch die Villenkolonie NeubabelsbergVON CORNELIA STAUDACHER POTSDAM.Daß die Rosen nicht rechtzeitig gediehen im märkischen Sand, verdroß Konrad Adenauer der zwischen April 1934 und März 1935 mit seiner Familie in einer schönen Villa in der Rosa-Luxenburg-, Ecke Herrmann-Maaß-Straße wohnte.Erich Kästner schrieb das Drehbuch zu dem Ufa-Erfolgsfilm "Münchhausen" im Haus von Brigitte Horney am Johann-Strauß-Platz, das Hermann Muthesius für den Industriellen Gugenheim erbaut hatte.Und in der Karl-Marx-Straße 21 aß der NS-Regisseur der Erfolgsfilme "Boccaccio" und "Schlüter", Herbert Maisch, im Mai 1945 noch rasch einen Teller Erbensuppe mit den Russen, bevor er sich aus dem Staube machte.Solche und ähnliche Anekdoten aus dem Kuriositätenkabinett der Weltgeschichte sind auf dem von der "Potsdam Information" veranstalteten Spaziergang durch die Villenkolonie Neubabelsberg zu erfahren.Und Fritz Frost schöpft mit wahrer Lust aus seinem reichhaltigen Wissensfundus. Die Stadt geht zurück auf die mittelalterliche Ansiedlung Neuendorf, woraus nach 1750, als sich böhmische und polnische Weber hier ansiedelten, Nowawes wurde.Nach der Reichsgründung zog es wohlhabende Finanziers, Künstler und Militärs vor die Tore der Stadt.Die beiden Berliner Baustadträte Böckmann und Ende parzellierten das Land und bauten die ersten Villen.Zur selben Zeit wurde mit dem Bau der Wannseebahn, der "Wahnsinnsbahn", wie die Berliner sie nannten, begonnen, die bis nach Babelsberg führte.Die Vielfalt der Stile der hier errichteten Villen ist verblüffend; sie reicht vom romantischen schloßartigen Anwesen über neoklassizistisch und neobarock angehauchte Häuser bis zur Holzbauweise im chinesischen Stil.Die zur Straße hin gebauten Fassaden sind meist karg gehalten, während die Rückseite der Villen von Stuck und Ornamenten prangt.Man wollte unauffällig bleiben, um keinen Neid zu wecken. Auch die 1892 von den Architekten Kayser und von Großheim im Auftrag des Verlegers Müller-Grothe im Renaissance-Stil errichtete Prunkvilla in der Karl-Marx-Straße 2 entfaltete ihre eigentliche Pracht erst auf der Wasserseite.Hier residierte Marshall Truman vom 17.Juli bis 2.August, als im Cecilienhof das Potsdamer Abkommen geschlossen wurde.Nicht weit entfernt davon wohnte Churchill in einem einst von Mies van der Rohe für den Bankier Urbig gebauten Haus.Stalin bezog eine Villa in der Karl-Marx-Straße 27.Das im Auftrag des Teppichhändlers Herpich errichtete Haus diente in DDR-Zeiten als Direktionsgebäude der Filmhochschule. In der direkt am Ufer entlangführenden Virchowstraße bewohnte der Kleiderfabrikant Günther Quandt mit seiner Frau Magda eine der ersten von Böckmann und Ende gebauten Villen.Doch das Glück währte nicht lange.1929 verließ Magda Günther Quandt, um Josef Goebbels zu heiraten, an dessen Seite sie zur "Inkarnation der deutschen Mutter" wurde.Während der "Bock von Babelsberg", wie Goebbels im Volksmund genannt wurde, seine Tête-à-têtes mit Schauspielerinnen der Ufa pflegte.Zum Beispiel mit Marika Rökk, die mit ihrem Lebensgefährten Georg Jacoby zur Untermiete im Haus des Filmregisseurs Albrecht Zeisler in der Domstraße, einer ehemaligen Pferderennbahn, einzog.Nachdem Zeisler, ein zu Unrecht in Vergesseneit geratener Krimiregisseur, Deutschland in einer Nacht- und Nebelaktion verlassen hatte, trug sich die Rökk ins Grundbuch ein.Das hat hier wie in vielen anderen Fällen zu bis auf den heutigen Tag ungeklärten Besitzverhältnissen geführt. Eine der prächtigsten, im florentinischen Stil gebauten Villen, auf einem Hügel gelegen und alle anderen überragend, ist die Sarre-Villa.Friedrich Sarre war der Leiter der islamischen Abteilung des Berliner Friedrich-Wilhelm-Museums.Unter den Honoratioren, die in seinem Haus ein und aus gingen, befand sich auch der türkische Militärattaché Enver Pascha, der als Kriegsminister im Ersten Weltkrieg ob seiner Brutalität zu trauriger Berühmtheit gelangte.Dennoch trägt die zerstörte Brücke nach Klein-Glienicke noch heute seinen Namen.Gegenüber der Sarre-Villa in der Spitzweggasse stand das Haus, das zum Sammelplatz für Juden vor ihrer Deportation wurde.Das Haus existiert nicht mehr.An seiner Stelle aber haben Schüler des Neubabelsberger Espen-Gymnasiums am 27.Januar dieses Jahres einen Gedenkstein gelegt. Jeden Sonntag, 11 Uhr, vor dem S-Bahnhof Griebnitzsee.Dauer: 21 /2 Stunden.15 DM.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben