Boxen : Wo Märker aufblühen

Claus-Dieter Steyer

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Die durchschnittlichen Brandenburger können auch ganz anders sein: freundlich schon auf den ersten Blick, höflich, offen für Fremde und stets hilfsbereit. Gewiss bedarf es eines besonderen Anlasses, damit diese Charaktereigenschaften zum Vorschein kommen. Aber Zweifler können zumindest in dieser Woche an einem märkischen Ort überzeugt werden: Sie sollten einen Rundgang über die bis zum kommenden Sonntag in Rathenow geöffnete dritte Landesgartenschau unternehmen. Dort sind gleich reihenweise die leider noch so seltenen Service-Inseln hautnah zu erleben.

Wer die Dienste der dortigen Hostessen, Flößer, Führer oder sonstigen Mitarbeiter in Anspruch nimmt, spürt den Unterschied zur sonst eher nüchternen Atmosphäre in Lokalen, Hotels, Stadtinformationen, öffentlichen Schlössern und Parks, Museen und sogar in einigen Thermalbädern der Kurorte.

Zwar gehört so eine Landesgartenschau natürlich zu den Ausnahmen im Dienstleistungsgewerbe. Sie verbreitet eine durchweg positive Stimmung sowohl unter den Gästen als auch beim Personal. Aber gerade im anderthalb Stunden Fahrtzeit von Berlin entfernten Rathenow im Westhavelland an der Grenze zu Sachsen-Anhalt war so eine überwältigende Freundlichkeit nicht unbedingt zu erwarten gewesen. Schließlich kamen fast alle der 230 extra für die Gartenschau eingestellten Frauen und Männer aus einer meistens sehr langen Arbeitslosigkeit. In einer Region mit einer durchschnittlichen Erwerbslosenquote von 25 Prozent herrschen gewöhnlich Frust, Lethargie und Enttäuschung vor. In Rathenow lag das vor allem am Zusammenbruch der optischen Industrie, die einst das ganze Leben in der Stadt dominierte. Trotz vieler Neugründungen und Ansiedlungen nach der Wiedervereinigung waren die großen Job-Verluste nach 1990 nicht wettzumachen.

Die Vergabe der Landesgartenschau erschien daher wie ein Segen, brachte sie doch nicht nur Arbeit auf dem eigentlichen Ausstellungsgelände. Baufirmen erhielten für die Renovierung der Altstadt so viele Aufträge, auf die sie sonst 50 oder noch mehr Jahre hätten warten müssen. Vor allem aber stürzten sich die vorher arbeitslosen Rathenower mit so viel Energie, Lebensfreude und Enthusiasmus in ihre Aufgabe, dass es schon beinahe unheimlich wirkte. Alle Klischees von einer sich aufgegebenen Generation waren zumindest für ein halbes Jahr gegenstandslos geworden. Die Besucher profitierten von einer ausgesprochen freundlichen Betreuung.

Doch leider liegen bei dieser Geschichte Freude und Tragik eng beieinander. Nach der Gartenschau müssen die hoch motivierten Zeitarbeiter wieder zurück in die Arbeitslosigkeit, ohne Perspektive auf eine erneute Anstellung. Andererseits könnten solche guten Erfahrungen mit Sicherheit auch in anderen Regionen gemacht werden. Als Allheilmittel können gerade Landesgartenschauen nicht gelten, weil sie eben nur alle zwei bis drei Jahre stattfinden. Aber sie sind ein gutes Indiz dafür, wie es um Brandenburg ohne Massenarbeitslosigkeit bestellt sein könnte. Das wichtigste Kapital für eine florierende Gesellschaft sind eben doch die Menschen. Obwohl das so banal klingt, bedarf es mitunter auch Gartenschauen wie in Rathenow, um diese Erinnerung aufblühen zu lassen.

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