Boxen : Wünsdorf: Millionengrab Kasernenstadt

Thorsten Metzner

Die Antwort von Ministerpräsident Manfred Stolpe lässt auf sich warten. Und trotz mehrerer Anfragen kam auch kein Termin mit Bauminister Hartmut Meyer zustande. Natürlich ahnt August Spreng, was diese Zurückhaltung bedeutet. "Wünsdorf will jetzt keiner mehr anfassen. Man hat kalte Füße", sagt der 45-jährige Unternehmer. Der Bayer, der ständig in den USA lebt, macht nach eigenen Angaben dort "gute Geschäfte". Nur in Brandenburg ging irgendwie alles schief. "Ich verstehe es nicht", sagt Spreng. "Es ist doch das Land, das Millionen verlieren wird, wenn das Ding den Bach heruntergeht." Das "Ding" ist ein Politikum. Der Unternehmer hat schließlich nicht irgendwo im Märkischen investiert, sondern in der früheren Kasernenstadt Wünsdorf, einst Sitz des Oberkommandos der russischen Westgruppe. Er ist einer der wenigen Unternehmer überhaupt, die für das Prestigevorhaben der Landesregierung gewonnen werden konnten. Aber jetzt steht die Spreng-Firma unmittelbar vor der Pleite - als erste Investorin der eine Autostunde von Berlin entfernt in die märkische Heide geklotzten Wohn- und Beamtenkolonie, deren Ausbau ohnehin stockt.

Selbst das Land engagiert sich nur noch auf Sparflamme für das einst gefeierte "größte Konversionsprojekt Deutschlands". Gerade hat die Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) ihre lokale Tochter "Entwicklungsgesellschaft Wünsdorf/Zehrensdorf" (EWZ) aufgelöst. Da droht aus den halbfertigen, halbvermieteten Wohnblöcken Sprengs unmittelbar an der Bundesstraße 96 eine teure Investitionsruine für Brandenburg zu werden. Mit der schönen Adresse: "Waldesruh, 15838 Wünsdorf".

Der Fall wird den brandenburgischen Landesrechnungshof alarmieren: Denn er ist auch ein Lehrstück darüber, wie für das Wünsdorfer Renommeeprojekt Steuergelder verschwendet werden, darüber, wie leichtsinnig die märkischen Landesbanker von der Investitionsbank des Landes Brandenburg (ILB) hochriskante Millionenkredite vergeben. Als Spreng Ende 1997 von der Wünsdorfer Entwicklungsgesellschaft (EWZ) einige der maroden "Russenblocks" kaufte, die so genannte "Stadt V", schien die Welt noch in Ordnung. Wie sein Anwalt Gerhard Putterer von der Kanzlei Wollmann & Partner erzählt, flossen dafür "rund 500 000 Mark", finanziert über Sprengs Hausbank in Neuburg an der Donau. Die EWZ-Manager, die zu diesem Zeitpunkt die Kasernen-Ruinen der 600 Hektar großen Geisterstadt schon wie Sauerbier anboten, dürften ziemlich erleichtert gewesen sein: Dass das Projekt Waldstadt Wünsdorf auf Sand gebaut wurde, war für Kenner des Immobilienmarktes in Berlin und Brandenburg damals längst absehbar. Oder soll es Zufall gewesen sein, dass ausgerechnet dieser bayerisch-amerikanische Exot inzwischen so ziemlich der einzige Interessent war?

Spreng selbst macht gar keinen Hehl daraus, dass er "nicht vorsichtig genug" heranging, dass ihn vor allem die lukrative Sonderabschreibung im Osten lockte. Aber natürlich muss es auch verlockend gewesen sein, dass ein "Wünsdorf-Investor" offenbar kaum eigene Mittel einsetzen muss. "Es war eine Lizenz zum Gelddrucken", sagt einer, der den Fall genau kennt. Tatsache bleibt, dass der clevere Geschäftsmann für das Projekt extra eine "August Spreng Immobilien GmbH und Co. KG" gründete, die von der ILB prompt öffentliche, also zinsgünstige Wohnungsbau- und Konversionskredite erhielt - über die stolze Gesamtsumme von 23,5 Millionen Mark.

Für Experten eine "abenteuerliche" Großzügigkeit der märkischen Landesbanker - bei dieser Objektgesellschaft "mit beschränkter Haftung". Später, als die Landesbank und Spreng längst miteinander im Clinch liegen, wird dessen Anwalt Putterer in einem Schreiben an ILB-Vorstand Dieter Kleemann unverblümt daran erinnern, dass die Bank das Einmaleins des Immobilien- und Kreditgeschäfts ignoriert hatte: "Wie Sie wissen, steht derzeit als Sicherheit für die Kredite lediglich das Objekt selbst zur Verfügung. Diese Sicherheit genügte Ihnen in der Vergangenheit, um Kredite in Höhe von DM 23,5 Millionen Mark auszureichen. Weitere Sicherheiten wie z.B. ein Eigenkapitalnachweis oder eine Bürgschaft des Geschäftsführers wurden - obwohl dies in der Immobilienbranche üblich ist - nicht gefordert." Keine persönliche Geschäftsführer-Bürgschaft, kein Eigenkapitalnachweis.

Schlossen die Landesbanker womöglich die Augen, weil das Bauministerium hinter den Kulissen Druck machte? Lag es daran, dass das Stolpe-Prestigeprojekt Wünsdorf unbedingt ein Erfolg werden musste? "Ich wurde nicht nach einer Bürgschaft gefragt", sagt Spreng. Im Waldesruh-Grundbuch steht sogar seine Hausbank mit dem vergleichsweise bescheidenen Kaufdarlehen an erster Stelle, erst danach folgt Brandenburgs Investitionsbank mit dem stattlich-staatlichen 23-Millionen-Kredit.

Heute, fast vier Jahre nach dem Startschuss, sind die 23 Millionen Mark verbraucht. Dass die 265 damit geförderten Sozialwohnungen trotzdem nicht fertig sind, dass stattdessen die Baukosten explodierten, hat viele Gründe, die Spreng-Anwalt Putterer schildern kann. Der wichtigste: Nachträgliche Auflagen märkischer Behörden, wonach der Bauherr plötzlich Abstellräume und eine neue Erschließungsstraße bauen muss, obwohl er von der EWZ ein "erschlossenes Grundstück" gekauft hatte. Lediglich 118 Wohnungen konnten in der "Stadt V" vermietet werden, Stand März 2001.

Es wären längst mehr, versichert Spreng, wenn es mit Wünsdorf aufwärts gehen, wenn es Arbeitsplätze geben würde und die LEG nicht auch noch selbst Wohnungen zu Dumpingmieten auf den Markt geworfen hätte. Prompt wurde seine Wünsdorfer Firma klamm, bald zahlungsunfähig, saßen Handwerker auf offenen Rechnungen.

Trotz des Verzichtes vieler Baufirmen auf ihre Rechnungen fehlen heute immer noch 2,6 Millionen Mark, um diverse Baumängel zu beseitigen, um eine legale Erschließungsstraße und die vorgeschriebenen Abstellräume zu errichten. Aber die einst so freigiebigen Landesbanker Brandenburgs haben den Geldhahn zugedreht. Sie fordern plötzlich sogar die 23 Millionen Mark zur "sofortigen Rückzahlung". Der Vorwurf der Zweckverfehlung der Fördermittel steht im Raum, weil der Bau nicht fertig ist.

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