Boxen : Zeugen der Vergangenheit: Russische Wegweiser mitten in Brandenburg

Claus-Dieter Steyer

Lychen. Russische Wegweiser mitten in Brandenburg? Das kann doch gar nicht wahr sein. Also Vollbremsung und Rückwärtsgang. Tatsächlich, da stand mitten auf der Kreuzung ein Pfosten mit Schildern in deutsch und russisch. Sie wiesen dem Fremden den Weg nach Beutel, Kannenburg und Templin. Doch ein Filmteam mit entsprechenden Kulissen oder Akteuren war weit und breit nicht zu sehen. Ein Anwohner löste schließlich das Rätsel. "Die stehen noch aus den Russenzeiten da", sagte er und zog sich wieder hinter das Gartentor zurück. "Stören doch keinen, gerade hier in unserer verlassenen Gegend."

Russenzeit? Der letzte Soldat mit dem roten Stern an der Mütze hat das Land doch schon vor mehr als sechs Jahren verlassen. Und an eine Rückkehr der so genannten Freunde, wie die Armee aus dem Sowjetland recht zweideutig hieß, ist nicht zu denken. Eine mühsame Nachfrage in den Behörden zwischen Lychen und Templin bestätigte letztendlich die Angabe des Einwohners. Die offensichtlich für die Ewigkeit gefertigten Wegweiser in Röddelin stammen noch aus der fast vergessenen "Russenzeit".

In diesen Zipfel der Uckermark verirrt sich kaum ein Fremder und schon gar kein Souvenirjäger. Noch heute verbieten Sperrschilder und Schranken ein Betreten großer Gebiete. Vier Jahrzehnte militärischer Nutzung haben ihre offensichtlichen und unsichtbaren Spuren hinterlassen. "Munitionsverseuchung" steht beispielsweise auf der Karte des Naturparkes Uckermärkische Seen über der schraffierten Fläche der Tangersdorfer Heide. Hunderte Panzer, Lastwagen und andere schwere Fahrzeuge bogen fast täglich an der Röddeliner Kreuzung mit dem bewussten Wegweiser zu Übungen ab. Allein 3200 Hektar misst der frühere Truppenübungsplatz Tangersdorfer Heide, in dem Schritt für Schritt die ersten Wanderwege von Blindgängern, Granaten, Panzerfäusten und anderen gefährlichen Utensilien geräumt werden. Sogar zwei Panzer sind nach dem Truppenabzug von ABM-Kräften aus einem See geholt worden. Sie waren bei Unterwasserfahrten steckengeblieben und von den Kommandeuren einfach als "normaler Verlust" abgebucht worden.

Die jahrelange Abgeschiedenheit hat der Gegend trotz des oft ohrenbetäubenden Schieß- und Motorenlärms eine einzigartige Natur erhalten. Der Chef des Naturparks, Roland Resch, hält beispielsweise die Biberkolonie am Rande von Annenwalde für eine der größten in Mitteleuropa. "Im Schatten der Militärs haben die Tiere bislang 160 Hektar ehemaliger Feuchtwiesen bis zu einem Meter überstaut", sagt Resch. Heute wage es niemand, die Dämme einzureißen. Schon jetzt sei das Werk von "Meister Bockert" eine Sehenswürdigkeit. Auch seltene Vogelarten wie Nachtschwalbe, Heidelerche und Lachmöwen seien in großer Zahl heimisch geworden. Die in anderen Gegenden längst ausgestorbenen Adler erwähnt der Naturparkchef nur nebenbei.

Selbst einer der klarsten Seen Norddeutschlands gehöre zur Uckermark. Der "Faule See" bei Lychen wies im vergangenen Jahr eine Sichttiefe von schier unglaublichen 10,80 Metern auf. Zu finden ist er jedoch fast ebenso schwer wie der Wegweiser mit russischer Beschriftung.

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