Boxen : Zollfreier Einkauf: Schmuggler und Schnäppchenjäger

Claus-Dieter Steyer

Stau auf der Oder? Der kann bei dem geringen Verkehr auf dem Grenzfluss eigentlich nicht auftreten. Dennoch warnt der Fahrscheinkontrolleur an der Treppe zur "Adler Steamer" im Hafen der nordostbrandenburgischen Kleinstadt Gartz vor längeren Wartezeiten. "Heute kommen die Stettiner wieder", sagt er. "Da stauen sich die Schiffe am Kontrollpunkt." Aus den zwei Stunden "Butterfahrt" könnten drei oder vier werden. Die etwa 30 Passagiere reagieren gelassen. Stammgäste kennen das "Theater", wie ein älterer Mann das bevorstehende Prozedere umschreibt. "Hauptsache am Ende stimmt wieder die Kasse." Auf dem Prospekt wirbt die Reederei mit dem Slogan "Billiger als in Polen".

Mehrmals täglich legen in Gartz bei Schwedt und im einige Kilometer stromabwärts gelegenen Mescherin große Ausflugsdampfer zum zollfreien Einkauf im schiffseigenen Duty-Free-Shop ab. Sie drehen dafür nur eine Runde auf der Oder mit einigen sonderbar anmutenden Vorschriften. Doch wie sich zeigen sollte, können auch Staus auf der Oder durchaus spannend ausfallen.

Zwanzig Minuten nach der Abfahrt steht die "Adler Steamer" tatsächlich im Stau. Vor dem polnischen Grenzabfertigungspunkt Gryfino (Greiffenhagen) blockiert die aus Stettin (Szczezin) eingelaufene "Mecklenburg" die Anlegestelle. Merkwürdige Dinge spielen sich dort vor den Augen der auf zwei anderen Schiffen wartenden Passagiere ab. Ein Krimi könnte nicht unterhaltsamer sein.

Die zwei seit einiger Zeit das Deck der "Mecklenburg" durchsuchenden polnischen Grenzschützer winken in Richtung Kontrollgebäude. Verstärkung rückt an. Sechs Frauen und Männer in Uniformen sowie mehrere offensichtliche Spezialisten im blauen Arbeitsanzug eilen an Bord. Draußen sichern zwei mit Maschinenpistolen bewaffnete Soldaten das Geschehen. "Die suchen wieder nach Schmugglerwaren", erklärt ein erfahrener Butterfahrer. Tatsächlich nehmen die Kontrolleure auch das kleinste Versteck in Augenschein. Abluftrohre, Ventilklappen, Rettungsboote, Werkzeugkisten, sogar Bodenplatten werden gründlich durchsucht. Schließlich wird ein Beamter fündig. Unter der äußeren Anstoßkante des Schiffsrumpfes kleben verdächtige Pakete.

Der erste Gedanke fällt auf Sprengstoff. Doch der Fahrscheinkontrolleur der "Adler Steamer" lächelt. "Die haben Zigaretten und Schnaps gefunden. Nun stellen sie erst recht das ganze Schiff auf den Kopf." Das könne dauern. Er sollte Recht behalten. "Die Polen kaufen auf unseren Schiffen 96-prozentigen Alkohol, also fast reinen Spiritus für 15 Mark. Den verdünnen sie und verkaufen 20-Prozentigen für 20 Mark die Flasche." Ein Riesengeschäft. Aber jede Person dürfe nur einen Liter Alkohol aus dem Duty-Free-Shop mitnehmen. Deshalb würde eben geschmuggelt, was das Zeug halte. Fast eine Stunde dauert die Suche. Mit mehreren gefüllten Taschen verlassen die polnischen Beamten das Schiff. Festgenommen wird niemand. "Die Schmuggelware gehört doch keinem", erklärt ein Zuschauer vielsagend.

Endlich kommt unser Schiff an die Reihe. Der polnische Zoll verplombt den Verkaufsraum und verlässt den Dampfer für zehn Minuten. So lange dauert der Abstecher nach Polen. Nach einer Drehung stehen wir wieder am Kontrollpunkt. Die Zöllner lösen die Plombe und bestätigen dem Kapitän die Einreise aus Polen. Sofort öffnet der Verkaufsraum, die Schnäppchenjäger schlagen zu: Zigaretten, Alkohol, Schokolade, Kaffee und Parfüm. Die Preise liegen bis zu 50 Prozent unter denen in Deutschland.

Obwohl es den Duty-Free-Verkauf innerhalb der EU seit drei Jahren nicht mehr gibt, blüht das Geschäft an der Außengrenze mit sogenannten Drittländern wie Polen und Tschechien. Der gegenüber dem Euro in den vergangenen Monaten stark gestiegene Zloty macht solche bislang ausschließlich für deutsche Kunden attraktiven "Butterfahrten" auch für Polen interessant. Inzwischen, so wird auf den Schiffen erzählt, gebe es regelrechte Schmugglerbanden. So mancher deutsche Kunde auf den Billigmärkten entlang der deutschen Ostgrenze bekomme Waren aus den Shops der Oderdampfer angeboten - mit einem Preisaufschlag, versteht sich. Erst der für 2004 erwartete EU-Beitritt Polens würde die Geschäfte beenden. Dann gehören auch die Staus auf der Oder der Vergangenheit an.

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