Serie Bundestagswahlen: 1972 : Willy wählen

Bundeskanzler Willy Brandt holt 1972 das beste SPD-Ergebnis aller Zeiten. Aber der Triumph währte nicht lang. Denn seine Reformpolitik galt vielen Sozialdemokraten als zu visionär.

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Grund zum Trübsal blasen gab es an diesem Abend für die beiden Herren eigentlich nicht. Denn sie haben die Bundestagswahl 1972 gewonnen: Willy Brandt und Walter Scheel.Alle Bilder anzeigen
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14.08.2013 08:25Grund zum Trübsal blasen gab es an diesem Abend für die beiden Herren eigentlich nicht. Denn sie haben die Bundestagswahl 1972...

Am 27. April 1972 scheiterte das Misstrauensvotum der CDU/CSU-Bundestagsfraktion gegen Willy Brandt. Zuvor waren der sozialiberalen Koalition einige Abgeordnete davongelaufen, Brandt hatte keine sichere Mehrheit mehr. Doch dem CDU-Chef Rainer Barzel fehlten am Ende zwei Stimmen, um direkt zum Kanzler gewählt zu werden. Zwei Abgeordnete der Union, bestochen durch die DDR-Regierung, die Brandt im Amt halten wollte, hatten sich enthalten (die Rolle, die SPD-Politiker dabei spielten, ist nicht geklärt). Das Machtkalkül der Union hatte in die Irre geführt. Im Bundestag herrschte eine unklare Situation, Regierung und Opposition strebten daher vorgezogene Neuwahlen an (die CDU fühlte sich auch stark, weil sie mit dem konservativen Hardliner Hans Karl Filbinger in Baden-Württemberg kurz zuvor die absolute Mehrheit geholt hatte). Die Bundestagswahl fand am 19. November 1972 statt und ging als „Willy-Wahl“ in die Geschichte ein. 

 Ein Personalplebiszit

Die SPD entwarf einen Wahlkampf, der ganz auf Brandt zugeschnitten war, den „Kanzler des Vertrauens“. Es war ein Personalplebiszit, wie es zuletzt die Union mit Konrad Adenauer 15 Jahre zuvor veranstaltet hatte (und wie es seither nicht mehr der Fall war). Zudem stellte die sozialliberale Koalition ihre Ostpolitik zur Abstimmung, die von der Union fundamental abgelehnt wurde. Es war so neben der Wahl von 1953, als es um die Westintegration ging, eine der wenigen Wahlen, die von der Außenpolitik bestimmt wurden. Und natürlich ging es auch darum, ob die sozialliberalen Reformversprechen, die von einem großen Teil der jüngeren Generation unterstützt wurden, erhalten blieben, oder ob es der Union gelingen würde, eine gesellschaftspolitische Kehrtwende einzuleiten. Die Mobilisierung war gewaltig: 91,1 Prozent der Wahlberechtigten machten ihre zwei Kreuzchen.

 Intrigen im Hintergrund

Der SPD half, dass Barzel, Kanzlerkandidat der Union, nach dem ominösen Misstrauensvotum angeschlagen und seine Partei völlig verunsichert war. In der Bevölkerung war Brandt, der 1971 den Friedensnobelpreis erhalten hatte, über die Parteigrenzen hinweg anerkannt. Das zog: Die SPD kam auf 45,8 Prozent, ihr bis heute bestes Ergebnis in nationalen Wahlen, nicht zuletzt dank der Jungen, die zu weit über 50 Prozent für die Sozialdemokratie wählten. Brandt hatte seine Partei auf den Höhepunkt ihrer Geschichte geführt. Was die Leute nicht wussten: Zwar führte der Kanzler einen intensiven Wahlkampf, der ihn erschöpfte, doch in der Parteiführung intrigierten Herbert Wehner und Helmut Schmidt bereits gegen ihn – sie hielten ihn nicht mehr für führungsfähig.

Daran änderte auch der Wahlsieg nichts, der eine Fortsetzung der Koalition mit der FDP brachte. Die Liberalen hatten sich seit dem Freiburger Parteitag 1971 leicht links der Mitte positioniert. Das zahlte sich offenkundig aus: Die Partei legte deutlich zu und kam auf 8,4 Prozent. Auch die FDP war nun in der Lage, jüngere Wähler anzusprechen. CDU und CSU schnitten erstmals schlechter als die SPD ab, deren Status als Volkspartei damit endgültig gefestigt war (jedenfalls für die nächsten drei Jahrzehnte).

 Barzel kippt, auch Brandt muss gehen

Die Folge der Wahl war kurios: Nicht nur der Wahlverlierer Barzel wurde in seiner Partei bald entmachtet, sondern auch der glorreiche Wahlsieger Brandt. An Barzels Stelle traten Helmut Kohl als Parteichef und kommender Kanzlerkandidat (von seiner Bastion in Rheinland-Pfalz aus, die er sich zielstrebig aufgebaut hatte) und Karl Carstens als Fraktionsvorsitzender. Brandt hatte in der Führungsriege seiner Partei den Rückhalt verloren, er amtierte zwar noch zwei Jahre, aber die Regierungspolitik wurde zunehmend von Schmidt (als Finanzminister der starke Mann im Kabinett) und Wehner (als autoritärer Fraktionschef) gestaltet, die sich als pragmatische Macher verstanden und erkannten, dass auf die euphorische erste Reformphase, in der sich viele Verheißungen angesammelt hatten, nun die Mühen der Ebene folgen würden, denn Abstriche an Brandts Politik der gesellschaftlichen Umgestaltung waren schon aus finanziellen Gründen zwangsläufig.

Kurz und klar gesagt: Die SPD hatte nach 1969 zu hohe Erwartungen geweckt, zu viel versprochen. Brandt war plötzlich nicht mehr der richtige Mann im Kanzleramt, zumal er auch zu resignieren begann. Der erfolgreichste Sozialdemokrat aller Zeiten präsidierte nur noch in einer Koalition, die von anderen gelenkt wurde (in der FDP verdrängte Hans-Dietrich Genscher den sozialliberalen Architekten Walter Scheel). 1974 trat Brandt entnervt wegen der Guillaume-Affäre zurück, Schmidt wurde Kanzler. Der langsame Abstieg der SPD begann.

Die weiteren Teile der Serie zu den Bundestagswahlen lesen sie hier.

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