Serie Bundestagswahlen: 1987 : Der Pannenkanzler rettet sich

Trotz Affären und einer mauen Bilanz: Schwarz-Gelb unter Bundeskanzler Helmut Kohl bekommt eine zweite Amtszeit beschert.

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Der Kanzler wählt. Helmut Kohl und seine Ehefrau Hannelore geben in einem Wahllokal im Ludwigshafener Vorort Oggersheim, dem Wohnsitz der Kohls, ihre Stimmen für die Bundestagswahl 1987 ab. Sein Wahlkreis ging an die SPD, Kohl konnte das Direktmandat nur 1990.und 1994 gewinnen.Alle Bilder anzeigen
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31.07.2013 12:12Der Kanzler wählt. Helmut Kohl und seine Ehefrau Hannelore geben in einem Wahllokal im Ludwigshafener Vorort Oggersheim, dem...

Die schwarz-gelbe Koalition, die 1982 ans Ruder gekommen war, hatte eine bequeme Mehrheit im Bundestag. Bundeskanzler Helmut Kohl hatte seine „geistig-moralische Wende“ angekündigt, aber die Regierung verbreitete keinen Glanz. Kohl verstand es nicht, sein grandioses Wahlergebnis vom März 1983 in einen starken Regierungsauftritt umzusetzen. Keiner der Kanzler seit 1949 hat so wenig brilliert wie der einstige pfälzische Ministerpräsident in seiner ersten Amtszeit, die eher von Pannen, Affären und Skandalen geprägt war als von einem stringenten Neuansatz in der Bundespolitik. Drei Beispiele: die unglückliche Kießling-Affäre (ein Bundeswehr-General wurde allein wegen des Gerüchts entlassen, er sei homosexuell); die Flick-Affäre (es ging um die „Pflege der politischen Landschaft“ durch Spenden, also Korruption); die misslungene Geste von Bitburg (Kohl traf sich mit US-Präsident Ronald Reagan zu einer Versöhnungsgeste auf einem Soldatenfriedhof, auf dem auch Mitglieder der Waffen-SS bestattet waren).

 Ein Netzwerker, kein Visionär

Das Pannenhafte der ersten Amtszeit Kohls mag auch daran gelegen haben, dass er die Kunst der Selbstinszenierung am wenigsten von allen Kanzlern verstand; er war ein Netzwerker, der  seine Macht auf Kontakte weit in seine Partei hinein und  auf pragmatisches Kurzfristhandeln stützte, weniger auf persönliche Ausstrahlung (wie Konrad Adenauer), visionäre Reformen (wie Willy Brandt) oder kühle Sachkompetenz (wie Helmut Schmidt). Das ließ ihn bisweilen schwach erscheinen, zumal er von allen Regierungschefs der Bundesrepublik wohl der schlechteste Redner war (und für die Außenwirkung, bei Wahlen nicht ganz unwesentlich, ist das ein entscheidender Faktor). Dass er durchaus Erfolge präsentieren konnte – bei der Haushaltskonsolidierung etwa oder in der Europapolitik -, wurde dadurch verdeckt. Im Parteispendenskandal, in den auch Kohl verwickelt war, wäre seine Kanzlerschaft 1986 fast ruhmlos untergegangen. Aber er konnte sich retten. Sein Ansehen in der Bevölkerung war 1987 jedoch deutlich gesunken.

 Der SPD fehlt die Perspektive

Angeschlagen stolperte Kohl in die Bundestagswahl am 25. Januar. Sein Herausforderer Johannes Rau von der SPD war ein durchaus ernst zu nehmender Gegner, als nordrhein-westfälischer Ministerpräsident beliebt und erfolgreich, und von seinem Profil her eine Mischung aus Brandts Pathos und Schmidts Pragmatismus. Das Problem des Düsseldorfer Regierungschefs war auch nicht der schwache Kanzler mit seiner nicht gerade ruhmreichen Koalition. Es war das Fehlen einer Koalitions- und Machtperspektive, was 1987 gegen die SPD sprach.

Denn die Grünen, die am Ende auf 8,3 Prozent zulegten, kamen für die SPD als Partner noch nicht in Frage. Und eine große Koalition unter Kohl (dessen CDU/CSU stärker sein würde als die SPD, so viel war klar) war keine verlockende Aussicht. So rutschte am Ende nicht nur die Union auf 44,7 Prozent ab, das schlechteste Ergebnis seit 1949 (Kohl war sogar noch schwächer als Franz Josef Strauß 1980); auch die SPD verlor an Zustimmung und landete bei 37 Prozent. Die FDP konnte profitieren, sie hatte sich nach ihrer Wende zur Union wieder gefangen und kam auf 9,1 Prozent. Schwarz-Gelb war durch.

 Noch keine Partner

Die Sozialdemokraten hatten sich im Gegensatz zur Ära Brandt zwanzig Jahre zuvor nicht für die Jugend geöffnet, in der ökologisches Engagement immer populärer wurde. In den Grünen versammelte sich diese wachsende Strömung mit einer antikapitalistisch orientierten Bewegung, versprengte linke Desperados und nicht wenige K-Grüppler der 70er Jahre wurden über die neue, bunte Öko-Partei, über den Widerstand gegen die Atomkraft und die Suche nach einem nachhaltigeren Wirtschaftsmodell politisch resozialisiert. 1987 aber waren die Grünen als bundespolitischer Partner für die SPD nicht zu gebrauchen; der erste Versuch mit Rot-Grün in den Ländern seit 1985 (in Hessen hatte man es gut ein Jahr lang probiert) war keine Ermutigung.

Die weiteren Teile der Serie zu den Bundestagswahlen lesen sie hier. 

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