Literaturportale : Keine Chance für „Fifty Shades of Grey“

China liest – vor allem auf Internetportalen. Fantasy-Helden und arrogante Chefs kommen als Protagonisten am besten an. Doch die Zensur ist wachsam.

Zhu Yi
„Generation der gesenkten Köpfe“ heißen im Volksmund die jungen Chinesen, die den Blick nicht von ihrem Smartphone abwenden können. Die Romane aus dem Netz dienen ihnen als beliebte Wartezeitverkürzer.
„Generation der gesenkten Köpfe“ heißen im Volksmund die jungen Chinesen, die den Blick nicht von ihrem Smartphone abwenden...Foto: Kim Kyung Hoon/Reuters

Durch die Hollywood-Verfilmung ist „Fifty Shades of Grey“ nunmehr auch in China bekannt geworden. Selbstredend trifft die Geschichte nicht den offiziellen Geschmack der chinesischen Zensoren. Da der Film in der Volksrepublik nicht gezeigt wird, fliegen wohlhabende Chinesen nach Hongkong, um dort ins Kino zu gehen. Wie konnte die Bestseller-Trilogie, die schon seit 2012 ein Welthit ist, in China so lange unbekannt bleiben?

Es wäre zu einfach, allein die Zensur dafür verantwortlich zu machen – kann man doch im chinesischen Cyberspace so ziemlich alles kaufen. In verschiedenen Portalen für Netzliteratur finden sich sogar gleich mehrere Übersetzungen der Trilogie. Unter den Millionen einheimischen Internetromanen ging „Fifty Shades of Grey“ jedoch bislang unter.

Der erste landesweit erfolgreiche Internetroman „Die erste intime Berührung“ wurde 1998 von einem taiwanischen Studenten geschrieben und erschien zunächst nur online in einem Forum. Der Erfolg des Romans ermutigte in China viele Autoren zur Nachahmung: Seit 1999 schießen Literaturportale wie Pilze aus dem Boden. Ihnen geht es jedoch nur wenig um die Literatur, vielmehr handelt es sich um ein knallhartes Geschäftsmodell: Millionen registrierte Autoren versuchen dort, mittels ihrer Texte zu Ruhm und Reichtum zu gelangen.

In der Regel dürfen aber nur die Geschichten fortgesetzt werden, die mit den ersten drei Kapiteln eine ausreichende Anzahl von Klicks auf sich vereinen können. Ab 100 000 Zeichen können die User nur noch gegen Gebühren weiterlesen. Alternativ kann man eine Lese-Flatrate für umgerechnet ein paar Euro im Monat kaufen. Der Markt für Netzliteratur ist zwischen 2007 und 2014 von rund 50 Millionen Euro auf knapp eine Milliarde Euro angewachsen. Noch wichtiger als das aktuelle Marktvolumen ist jedoch das riesige Potenzial besonders populärer Geschichten. Die Vermarktung von Kassenschlagern mittels Werbespots, Spielen, Fanartikeln, Büchern oder Fernsehserien spielt Milliarden ein.

Inzwischen stiegen auch Internet-Giganten ins Geschäft ein

Die rasante Verbreitung von Smartphones in China hat der Branche einen zusätzlichen Schub gegeben. Inzwischen hat Netzliteratur in China etwa 300 Millionen aktive Leser. Sie laden Romane aus dem Netz auf ihre Smartphones herunter, um langweilige Warte- oder Fahrzeiten zu füllen. Damit ist das Lesen von Netzliteratur neben der Wiedergabe von Musik und Videos und dem Spielen mit dem Handy eine der beliebtesten Nutzungsarten des Smartphones unter jungen Chinesen. Sie werden im Volksmund auch als „Generation der gesenkten Köpfe“ bezeichnet, weil sie den Blick allzu häufig nach unten auf ihr Mobiltelefon senken.

Inzwischen sind auch die Internet-Giganten Tencent und Baidu in das Geschäft eingestiegen und werden die Landschaft der Netzliteratur neu prägen. Die beiden Unternehmen haben 2013 jeweils ihre eigenen Literatur-Plattformen eingerichtet und zusätzlich zahlreiche bestehende Literaturportale aufgekauft. Sie engagieren ganze Schreib-Teams, um binnen weniger Wochen neue Romane auf den Markt bringen zu können. Darüber hinaus versprechen sie ihren Konsumenten „allumfassende Unterhaltung“. Sie erschaffen Produktwelten, die neben dem Roman auch jeweils das dazugehörige Merchandising, Online-Spiele und mehr umfassen.

Zunächst lasen vor allem junge Männer Internetliteratur. Das unter ihnen besonders beliebte Genre „Fantasie und Magie“ dominiert bis heute mit einem Marktanteil von rund 60 Prozent. Diese Romane vereinen häufig Elemente aus traditionellen Kung-Fu-Geschichten mit Einflüssen aus der „Herr der Ringe“-Trilogie, „Harry Potter“ und Science Fiction. Meist wandelt der Protagonist zwischen den Welten von Göttern, Menschen und Dämonen und bekämpft das Böse. Eines haben fast alle männlichen Protagonisten dieses Genres gemein: Sie werden von zwei Frauen umworben, was den Helden umso mehr zu schaffen macht.

Diese Geschichten bieten auch klassischen Stoff zur Entwicklung von Online-Spielen. „Jade Dynasty“ beispielsweise basiert auf einem Internetroman und wurde inzwischen in mehr als zehn Länder exportiert, darunter auch nach Deutschland.

Bei Internetromanen ist eine Vorzensur nicht möglich

Seit 2013 wächst die Zahl der weiblichen Leserinnen von Netzliteratur kontinuierlich. Unter den Geschichten, die sich speziell an Frauen richten, ist eine Kategorie mit Abstand am populärsten: Übersetzt heißt sie etwa „Der arrogante Geschäftsführer ist in mich verliebt“. Chinesische Medienberichte zählen auch „Fifty Shades of Grey“ zu dieser Kategorie und bezeichnen den Film als die Verfilmung eines „Arroganten-Geschäftsführer“-Romans aus dem Westen. Auch die beliebten Geschichten über Konkubinen im kaiserlichen China folgen diesem Schema.

Im Vergleich zu „Fifty Shades of Grey“ verfügen die chinesischen Gegenstücke häufig über weit kompliziertere Handlungen und mehr Nebenfiguren. So wurde aus dem Internetroman „Das Leben der Konkubine Zhen Huan“ eine Fernsehserie mit 70 Folgen produziert, die im Jahr 2012 Rekordeinschaltquoten in China erzielte.

Anders als bei Büchern ist eine Vorzensur bei Internetromanen nicht möglich. Jedoch gehen Chinas Zensurbehörden immer wieder mit Kampagnen gegen „gelbe“ (das heißt pornographische) und „illegale“ (oft ist damit „regimekritisch“ gemeint) Netzliteratur vor. Anfang dieses Jahres schrieb das Amt für Publikation, Fernsehen und Rundfunk vor, dass die Autoren sich mit ihren echten Namen registrieren müssen. Auch dürfen die Romane nicht „vulgär“ sein und keine „Parodien“ beinhalten. Portal-Betreibern, die Inhalte auf ihren Plattformen nicht genau kontrollieren, wird mit empfindlichen Strafen bis hin zur Schließung gedroht.

Dennoch sollte man sich darauf einstellen, auch hierzulande vielleicht bald von arroganten Geschäftsführern und intriganten Konkubinen aus China zu lesen. Zumal diese Geschichten häufig bunter und spannender sind – und damit auch mehr kommerzielles Potenzial bieten – als so manches westliche Pendant.

Die Autorin ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am MERICS. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen Medienpolitik (soziale Medien), sozialer Wandel und neue gesellschaftliche Akteure sowie soziale Dynamiken der Rechtspolitik in China.

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