Neue Megacity in China : Eine Metropole vom Reißbrett

Xi Jinping träumt von einer „intelligenten“ Stadt. 100 Kilometer von Peking entfernt soll sie entstehen. Wer in Xiongan wohnen darf, entscheidet die Regierung.

George G. Chen
Xiongan wächst schnell zu einem Zentrum für Hightech.
Xiongan wächst schnell zu einem Zentrum für Hightech.Foto: dpa/pa/ Yang Shiy

Seit Beginn der Reform- und Öffnungspolitik in China ist es fast Tradition geworden, dass Staats- oder Regierungschefs eine Stadt mit Vorbildcharakter fördern. Der Aufstieg des südchinesischen Shenzhen vom Fischerdorf zum Herstellungszentrum wird für immer mit dem Namen Deng Xiaoping verbunden sein. Zum Erbe Jiang Zemins gehört die Entwicklung von Shanghais Pudong-Bezirk zu Chinas führendem Finanzzentrum. Der amtierende Präsident Xi Jinping will nun seinen Namen mit Xiongan verbinden, einer nachhaltig und sorgfältig geplanten Reißbrettmetropole in unmittelbarer Nähe zur Hauptstadt Peking.

Xi hat sich als Präsident bislang dadurch ausgezeichnet, dass er Macht zentralisiert und die politische Kontrolle über Chinas Wirtschaft und Gesellschaft verstärkt hat. Es passt also ins Bild, dass er mit Xiongan ein neues Machtzentrum gewissermaßen als Ergänzung oder Spiegelbild Pekings plant. Laut Ankündigungen des Zentralkomitees der KP Chinas und des Staatsrats vom April soll Xiongan „nach Shenzhen und Pudong eine weitere Zone von nationaler Relevanz werden“.

Xiongan ist allerdings in vielerlei Hinsicht ein Gegenentwurf zu Shenzhen und Pudong. Diese beiden Städte waren Experimentierräume für marktwirtschaftliche Reformen. Xiongan hingegen – übersetzt heißt das übrigens „großartiger Friede“ – soll als moderne Schwester des kaiserlichen Peking eher ein Symbol für politische Macht statt für wirtschaftliche Entwicklung sein.

Ausländer und private Immobiliengeschäfte sind verboten

1984 konnte jeder, der Unternehmergeist besaß, sein Glück in Shenzhen versuchen. In Xiongan wird die chinesische Regierung entscheiden, welche Unternehmen und Institutionen dort ansässig sein dürfen – sie wird sogar die Einwohner der neuen Stadt auswählen. Momentan dürfen Ausländer ihren Wohnsitz nicht in Xiongan registrieren lassen. Private Immobiliengeschäfte sind verboten und Firmen aus anderen Landesteilen haben keinen Zugang zum lokalen Finanzmarkt.

Die Konzeption von Xiongan stellt somit einen klaren Bruch zwischen Xi und seinen Vorgängern an der Spitze von Staat und Partei seit den 1980er Jahren dar. Deng Xiaoping vernachlässigte viele ideologische Prinzipien, als er nach der Mao-Ära begann, die chinesische Wirtschaft schrittweise zu öffnen. Shenzhen war damals ein Experiment an Chinas Peripherie, ein Testlabor für Marktreformen und den Aufbau einer Exportindustrie. Durch seine Nähe zu Hongkong wurde Shenzhen für China zum Fenster zur Welt.

Auch Jiang Zemin setzte den Kurs fort, Chinas Integration in die Weltwirtschaft auch durch Experimente im Land voranzubringen. Die Entwicklung von Pudong in den 1990er Jahren war der Versuch, einen Finanzsektor aufzubauen, der Chinas wirtschaftlichen Boom unterstützen konnte.

Xiongan soll das überfüllte Peking entlasten

Xi hat indes die Macht des Staates zentralisiert und die politische Kontrolle über Chinas Wirtschaft und Gesellschaft verstärkt. Der Plan, eine neue Metropolregion neben Peking zu bauen, ist ein nie dagewesenes politisches Experiment auf höchstem Niveau. Den offiziellen Dokumenten und Statements zufolge soll Xiongan das überfüllte Peking entlasten und als Beispiel für ein alternatives Entwicklungsmodell funktionieren. Die Finanzmärkte und die Öffentlichkeit haben hohe Erwartungen an diese „grüne“ und „intelligente“ Stadt, die sich Chinas Führungsriege als ein Hightech-Zentrum und ein Labor für intelligente Stadtplanung vorstellt.

Peking mag zwar Chinas historisches, politisches und kulturelles Zentrum sein, aber die Kombination von Problemen wie Überbevölkerung, Staus und steigenden Immobilienpreisen haben der Attraktivität der Stadt erheblich geschadet. Gleichzeitig hat die größer werdende Kluft zwischen der privilegierten und gebildeten Stadt- und der ärmeren und vernachlässigten Landbevölkerung im Hinterland zu sozialen Spannungen geführt. Denn anders als in Shanghai ist Pekings Erfolg nie bis in das ländliche Umland vorgedrungen.

Geographisch vereint Xiongan die Verwaltungsbezirke Xiong, Rongcheng und Anxin in der Provinz Hebei. Chinas Führung hofft, dass die neue Modellstadt den angrenzenden ländlichen Gegenden zu mehr Wohlstand verhelfen wird.

Xi will eine ehrgeizige Vision verwirklichen

Die Ausdehnung von Pekings Ressourcen hat auch einen – nicht auf den ersten Blick offensichtlichen – militärischen Grund: Bereits der Historiker Luo Tianhao stellte fest, dass die Überkonzentration von Ressourcen in Chinas damaliger Hauptstadt Nanjing katastrophale Folgen hatte, als es in den 1930er Jahren von Japan angegriffen und besetzt wurde. Damals hatte die wirtschaftliche Lähmung der Hauptstadt schwerwiegende Auswirkungen auf die Regionen.

Vermutlich aufgrund dieser Überlegungen erwägt die chinesische Führung offenbar, einen Teil der in Peking ansässigen technischen und kulturellen Ressourcen nach Xiongan umzusiedeln. Dazu könnten Technikfirmen im Pekinger Stadtteil Zhongguancun ebenso gehören wie natur- und ingenieurswissenschaftliche Institute der Qinghua-Universität.

Xi will eine ehrgeizige Vision verwirklichen – ein Vorhaben, das für ihn ein hohes Risiko birgt. Allein die enormen Kosten dieses Projekts zu stemmen, ist eine Herausforderung. Sollte es scheitern, könnte Xiongan zu einem Fallbeispiel dafür werden, dass Xis hierarchische Version von politischer Führung und wirtschaftlicher Entwicklung ihre Grenzen hat.

Wenn es aber gelingt, hat das Projekt das Potenzial, einmal Xis „chinesischen Traum“ zu verkörpern. Ein florierendes Xiongan würde zum Beleg dafür, dass Chinas Erfolg nicht davon abhängt, ob es westliche Konzepte in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft übernimmt. Xiongan stünde dafür, dass China aus sich selbst heraus in der Moderne ankommen kann.
Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Mercator Institut für Chinastudien in Berlin. Aus dem Englischen übersetzt von Annika Brockschmidt.

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