Welthandel - TTIP : Die Politik muss den Bürgern Infrastrukturprojekte vermitteln

Wenn die Politik nicht in Infrastrukturen investiert, droht ein „Verkehrsinfarkt“, sagt der Chef der Duisburger Hafen AG.

Erich Staake
"Es wäre eine Bankrotterklärung für Europas wichtigsten Wirtschaftsstandort."
"Es wäre eine Bankrotterklärung für Europas wichtigsten Wirtschaftsstandort."Foto: dpa

Deutschland sei „Mobilitätsstandort Nummer eins“, ebenfalls „Logistikweltmeister“. So hat es im Herbst der zuständige Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt formuliert. Seiner aktuellen Lagebeschreibung ist nichts hinzuzufügen. Allerdings ist der Weg selbst in die nahe Zukunft unseres Wirtschaftszweiges Logistik mit großen Herausforderungen gepflastert. Und wie weit die Politik willens und in der Lage ist, diesen Herausforderungen gerecht zu werden, lässt sich heute kaum abschließend beantworten.

Der Rückblick auf das Jahr 2015 lehrt uns jedenfalls, dass ökonomische Schwankungen und politische Brüche sich immer kurzfristiger auf die Entwicklungen der Weltmärkte auswirken. Was früher regional begrenzte Konflikte schienen, schlägt heute sofort spürbare Wellen rund um den Globus. Und Schwächeperioden eines Marktteilnehmers an irgendeinem Ort initiieren anderswo umgehend wirtschafts- und finanzpolitische Kettenreaktionen. So sind die Konjunkturaussichten in den so genannten BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China) nach Jahren scheinbar ungetrübter Blüte aus unterschiedlichen Gründen deutlich gedämpft. Daraus ergeben sich mittelfristig reduzierte Exportchancen für deutsche und europäische Unternehmen, und die Aussicht auf ertragreiche Investitionen in diesen Staaten hat sich ebenfalls verringert. China weist zwar weiterhin beachtliche Wachstumsraten auf. Als Motor der Weltwirtschaft fällt China aber auf absehbare Zeit aus.

Logistik ist internationales Netzwerkmanagement

Für den Duisburger Hafen, der sich in den vergangenen Jahren zur bedeutendsten Güterdrehscheibe und zum führenden Logistik-Treiber in Zentraleuropa entwickelt hat, ergeben sich aus der neuen Lage wichtige Grundsatzentscheidungen: Einerseits gilt es, bewährte und neu entstandene Partnerschaften und Netzwerke weiter zu entwickeln. Zum anderen ist es erforderlich, weitere neue Ressourcen zu erschließen.

Insofern spielt die Vernetzung mit ausländischen Akteuren eine ganz wesentliche Rolle, um an den internationalen Wertschöpfungsketten zu partizipieren. Beispiel China: im Jahr 2012 wurde eine wöchentliche Zugverbindung zwischen Duisburg und der Metropole Chongqing in Zentralchina eingerichtet. Inzwischen fährt jeden Tag ein Zug von Duisburg nach China. Die „neue Seidenstraße“ ist hierbei besonders im Fokus, da sie die Transportzeit im Gegensatz zum Seeweg mehr als halbiert. So benötigt ein Zug von Chongqing nach Duisburg für die 10.300km lange Strecke im Durchschnitt 13 Tage, per Schiff sind es über 40 Tage. Gleichzeitig ist der Transport auf der Schiene deutlich günstiger als Luftfracht. Somit bietet die Schienenverbindung eine interessante Alternative, die von vielen Branchen und Akteuren zunehmend nachgefragt wird.

Neben den bereits existierenden Routen über die „neue Seidenstraße“ Richtung Zentralchina bzw. über die „transsibirische Eisenbahn“ nach Nordchina wird derzeit eine weitere Bahnverbindung aufgebaut, die über den Iran und die Türkei in Richtung Europa führt. Auch hier werden angrenzende Regionen von dem neuen zusätzlichen Verkehrsangebot profitieren. Als Start- und Zielpunkt dieser Routen sind wir in Duisburg bereits heute mit nahezu allen wichtigen Industriezentren Chinas per Bahn verbunden. Die Bedeutung des Logistikstandortes Duisburg für diese neuen Handelsrouten wurde nicht zuletzt durch den Besuch des chinesischen Staatspräsidenten, Xi Jinping, im März 2014 eindrucksvoll unterstrichen.

Als euro-asiatischer Verkehrsknoten wird auch die Bedeutung der Türkei für die globale Weltwirtschaft in den nächsten Jahren weiter zunehmen. Bereits heute verkehren über 15 Zugverbindungen pro Woche zwischen Duisburg und verschiedenen Destinationen in der Türkei. Aus diesen Gründen hat duisport im November mit dem türkischen Logistikunternehmen Arkas Holding S.A. ein Joint-Venture gegründet, um gemeinsam multimodale Logistik-Hubs in der Türkei zu entwickeln. Eines der ersten gemeinsamen Projekte konzentriert sich auf die Entwicklung und den Betrieb einer über 200.000qm großen, multimodalen Logistikfläche nahe Istanbul. Geplant sind der Aufbau eines bimodalen Terminals sowie die Vermarktung der Flächen für Produktions- und Logistikunternehmen. Die entstehende Logistikfläche wird durch die Nähe zu Istanbul optimal in die multimodalen Netzwerke der beiden Partner integriert. Durch die Bündelung unseres Know-hows können wir erhebliche Wertschöpfungspotenziale in der Region realisieren und die Transportketten unserer Kunden weiter optimieren.

Auch vor der eigenen Haustür erweitern wir unsere Aktivitäten und entwickeln Lösungen mit Partnern. Gemeinsam mit dem weltweit agierenden Chemiekonzern Evonik beginnen wir derzeit, 50 Hektar Fläche auf dem Evonik-Areal in Lülsdorf, zwischen Köln und Bonn am Rhein gelegen, zu einem trimodalen Hafenumschlagplatz zu entwickeln und zu vermarkten. So entstehen neue logistische Möglichkeiten für die Industrie im Süden Nordrhein-Westfalens wie auch für deren internationale Geschäftspartner.

Als größter Anbieter attraktiver Gewerbeflächen in der Rhein-Ruhr-Region, versuchen wir unsere über Jahrzehnte erworbene Expertise in der Entwicklung von Logistikflächen in Wachstumsimpulse umzusetzen - für das Industrieland NRW ebenso wie für unsere Partner an den großen Handelsrouten der Erde.

Zusammenhang zwischen Industrie, Logistik und Wohlstand vermitteln

Der Erfolg dieser Bemühungen daheim ist aber in hohem Maße von zwei äußeren Faktoren abhängig. Dabei geht es um eine entschlossene Politik zu Gunsten zukunftsfähiger Infrastrukturen. Und es geht um die nicht ersetzbare Unterstützung der Steuern zahlenden Mitbürger für solche Maßnahmen.

Der Politik liegt das Ergebnis verschiedener Expertenkommissionen vor. Danach benötigt Deutschland in den kommenden 15 Jahren alljährlich über sieben Milliarden Euro zum Ausbau der lange vernachlässigten Hauptverkehrswege zu Wasser und auf dem Land. Nur, wenn ein derart hoher Einsatz gewagt wird, kann beispielsweise Nordrhein-Westfalen seiner Rolle als wichtigstes Transitkreuz des wachsenden europäischen Güterverkehrs gerecht werden.

Auf keinen Fall darf die Politik in dieser Lage den Fehler begehen, unter Bezug auf öffentliche Beteiligungsprozesse an der Planung die Blockade durch Minderheitspositionen stillschweigend in Kauf zu nehmen. Das Ergebnis wäre ein unumkehrbarer Rückzug aus sinnvollen und notwendigen Veränderungen. Dann nämlich droht der Verkehrsinfarkt. Danach aber verzichten die Märkte nicht etwa auf weiteres Verkehrswachstum, sie suchen sich stattdessen Routen, die das bevölkerungsreichste Bundesland und eventuell auch gleich weite Teile Deutschlands aussparen. Es wäre eine Bankrotterklärung für Europas wichtigsten Wirtschaftsstandort.

Den Mitbürgern, die nicht unmittelbar mit den Zusammenhängen zwischen Industrie, Logistik und allgemeinem Wohlstand vertraut sind, müssen wir durch eine offene Debatte über notwendige Ausbauten von Straßen, Schienen und Wasserstraßen ihre teils verständlichen Bedenken nehmen. Wir im Duisburger Hafen versuchen seit Jahren, solche Transparenz in der Praxis zu leben. Das gelingt umso überzeugender, wenn man das eigene umwelt- und klimapolitische Bewusstsein durch Taten belegen kann. Beispielsweise durch die Tatsache, dass wir durch konsequent geplante Verlagerungen des Güterumschlags von der Straße auf Schiene und Wasserwege hunderttausende Lkw-Fahrten und damit unzählige Tonnen Kohlendioxid-Ausstoß vermeiden. Bei uns in Duisburg entfallen inzwischen rund zwei Drittel des gesamten Güterumschlags auf Schiffe und Eisenbahnen.

Darüber hinaus erproben wir zurzeit eine digital operierende Verkehrssteuerung, die am Ende Zu- und Abfahrten weit über die eigentlichen Hafengrenzen hinaus so lenken kann, dass Staus samt zusätzlichen Abgasen und Lkw-Lärm vermeidbar werden. So wollen wir unsere Nachbarn zu Freunden machen. Mit deren Unterstützung sollte es dann leichter fallen, die Politik zu mutigen Entscheidungen für den Wirtschaftszweig Logistik zu bewegen.

Dies umso mehr, als gerade erst eine Studie des Berliner Marktforschungsinstituts „Regionomica“ ergeben hat, wie sehr der Logistikstandort Duisburger Hafen den Arbeitsmarkt der ansonsten vom Strukturwandel noch immer gebeutelten Region befruchtet hat: Zwischen 1998 und 2015 wuchs der „Beschäftigungseffekt“ des Duisburger Hafens von damals 20.000 auf heute über 45.000 Arbeitsplätze. Rund drei Milliarden Euro Wertschöpfung werden durch die 300 im Hafen ansässigen Unternehmen jedes Jahr generiert. Logistik ist also nicht allein ein Garant einer erfolgreichen Industrie und ein Treiber des technischen Fortschritts. Sie ist ebenso ein unverzichtbarer Jobmotor. Es lohnt sich daher, Deutschlands Position als „Logistik-Weltmeister“ zu sichern und konsequent weiter auszubauen.

Erich Staake ist Vorsitzender des Vorstandes der Duisburger Hafen AG.

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