Wie funktioniert die Stadt? : BVG-Ausbildung: Einer macht Stress

Die BVG-Betriebsschule nutzt für die Ausbildung ihrer "Azubis" einen Fahrsimulator. Peter Kricke zeigt Berlins zukünftigen U-Bahnfahrern wie es geht.

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BVG-Zugausbilder Peter Kricke bringt seine Kollegen beim Training ordentlich ins Schwitzen.
BVG-Zugausbilder Peter Kricke bringt seine Kollegen beim Training ordentlich ins Schwitzen.Foto: Thilo Rückeis

Wie funktioniert die Stadt? Folge 1: Die BVG

Diese Fahrt ist gründlich schief gegangen. Erst war das Signal defekt; nur nach Rücksprache mit dem Stellwerk durfte die U-Bahn ihre Tour fortsetzen. Beim Einsteigen blieb ein Fahrgast in der sich schließenden Tür hängen. Dann rannten mitten im Tunnel Leute über die Gleise. Anschließend stoppte ein vorausfahrender defekter Zug die Weiterfahrt. Und schließlich brannte es auch noch. Alles auf einer Fahrt über 13 Kilometer mit 13 Stationen. So bringt Peter Kricke seine Kollegen ins Schwitzen.

Er leitet die Betriebsschule der U-Bahn. Und ihr Herzstück hat er persönlich besorgt: den Fahrsimulator, in dem künftige und aktive Fahrer üben, mit schwierigen Situationen umzugehen. Kricke muss selber lachen, als er sagt, das Ding habe er dem Fahrzeughersteller Bombardier förmlich abgequatscht. Und es tatsächlich unerlässlich für die Ausbildung von U-Bahn-Führer. Anders als Autofahrer in der Fahrschule sitzen die nämlich allein im Fahrerstand. Im Simulator wird die fiktive Strecke per Computer eingespielt. Alle Tasten und Hebel funktionieren wie bei der richtigen U-Bahn. Und Kricke – oder einer der anderen sieben Zugausbilder – sitzt draußen vor Monitoren und Tastaturen. Sie können ihren „Azubi“ im Fahrerstand genau beobachten – selbst der Schweiß auf der Stirn ist zu sehen. Per Tastendruck macht Kricke Stress: Tunnelbrand, Zug kaputt und ähnliches.

Wie reagiert der Fahrer richtig?

Zum Beispiel sollte er den Funkkontakt mit dem „Stellwerk“, also Kricke, vorschriftsmäßig aufnehmen, jede Anweisung wiederholen, ehe er sie ausführt. Flapsigkeiten? Nicht erlaubt, da greift Kricke sofort ein. Reagiert der Fahrer falsch, will Peter Kricke wissen, warum er so und nicht anders gehandelt hat. Na gut, bierernst ist der 61-jährige Schulleiter nie. Als er noch Bus-Fahrlehrer war und ein Prüfling mit dem Doppeldecker unter einer niedrigen Brücke durch wollte, bremste er das Fahrzeug mal kurz und sprach ganz ruhig: „Nein, wir bauen uns kein Cabrio.“ Peter Kricke – blaue Dienstjacke mit U-Bahn-Sticker und Krawatte mit U-Bahn-Motiv – weiß, dass seine Kollegen, die Zugführer, froh sind, wenn sie die nervigen Pseudo-Touren hinter sich haben und wieder ab in den echten Untergrund dürfen. Aber die Ausbildung, sagt Kricke, stelle auch den Dienst am Kunden in den Mittelpunkt. Er spricht viel mit den Fahrern, sie sollen lernen, selbst in brenzligen Situationen mit ihren Fahrgästen gut umzugehen. Das ist nicht immer einfach, weil ja auch die Fahrgäste nicht immer einfach sind.

Die Laufbahn eines BVG-Fahrlehrers

Kricke kennt das, er war früher Busfahrer bei der BVG. Sein Einstieg als gelernter Kfz-Schlosser war kurios. Ein Kumpel erzählte ihm damals, er habe bei der BVG „heute und morgen und übermorgen frei“. Klasse Job, dachte sich Peter Kricke und bewarb sich als Busfahrer. Am 6. März 1978 wurde er bei der fest eingestellt. Das Datum vergisst er nicht, sein ganzes Arbeitsleben änderte sich ab da. „Davor hatte ich nur mit Material zu tun. Auf das konnte man auch mal mit dem Hammer einhauen, wenn was nicht klappte. Jetzt sollte ich den Umgang mit Menschen beherrschen.“ Das war die erste Herausforderung. Drei Jahre später wurde er Fahrlehrer, und musste lernen, Inhalte anschaulich zu vermitteln. Bei der Prüfung konnte er fachlich korrekt eine Kupplung beschreiben, aber der Fahrlehrer kapierte nichts von dem Fachchinesisch. Heute erklärt Kricke einen Drehmomentwandler, ein Getriebe, am liebsten mithilfe einer Pampelmuse. Die zerschneidet er und dreht sie dann so, dass auch der Laie versteht, wie der Drehmomentwandler funktioniert.

Seinen Vorgesetzten müssen seine didaktischen Fähigkeiten aufgefallen sein. 1998 holte man ihn zur U-Bahn, um dort die Betriebsschule neu zu organisieren. Das war für ihn wieder ein Sprung ins kalte Wasser, aber er klappte. So gut, dass Fachpublikum aus anderen U-Bahn-Städten ihn mit dem Wunsch verlässt, eine Betriebsschule mit solch einem Simulator müsse auch für die eigene Kommune her. Und zwar am liebsten gleich mit dem Leiter.

Dieser Text erscheint am 23.11.2014 in der Printausgabe des Tagesspiegels, welche auch als E-Paper erhältlich ist.

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