Weiterbildung : Gespielte Vielfalt

Erlebnisse in Echtzeit: Spiele werden zunehmend erfolgreich als Lerninstrumente im Betrieb genutzt. Wie ein Diversity-Spiel das Bewusstsein schärft.

Elisabeth Kurkowski
Mit einem Brettspiel zu mehr Vielfalt: Das Diversity-Unternehmensspiel.
Mit einem Brettspiel zu mehr Vielfalt: Das Diversity-Unternehmensspiel.Foto: Mike Wolff

Die Beschäftigten der Deutschen Bahn AG stecken die Köpfe über dem Brettspiel zusammen und diskutieren intensiv. Die zur Debatte stehende Frage lautet: „Ein paar Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einer Abteilung wollen sich weiterbilden. Auch Ruth, die in drei Jahren in Rente gehen wird, möchte zusammen mit ihren Kolleginnen und Kollegen an einem Seminar teilnehmen. Was denken Sie?“ Es geht hoch her. Das Diversity-Unternehmensspiel hat das Format eines Gesellschaftsspiels und fordert alle Spielenden heraus, sich mit unterschiedlichen Fragen zu Vielfalt im Betrieb auseinanderzusetzen. Ein interaktiver Meinungsbildungs- und Lernprozess gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen.

Spiele schaffen ein emotionales Gruppenerlebnis

Nachdem alle Spielenden eine Antwortmöglichkeit für sich aus verschiedenen Karten gewählt haben, wird die eigene Auswahl der Gruppe erklärt. So sagt eine Teilnehmerin: „Ich finde es großartig, dass Ruth in ihrem Alter noch so motiviert ist. Wirklich sinnvoll ist die Teilnahme für Ruth aber nicht mehr.“ Ein anderer Mitspieler ist vom Gegenteil überzeugt, Ruth sollte am Seminar teilnehmen, wenn sie bereit ist, das Gelernte im Rahmen eines betrieblichen Mentoring-Programms, das sie im Übergang zur Rente mitgestaltet, weiterzugeben. Der Austausch dieser Argumente führt dazu, dass die eine oder andere Perspektive besser verstanden wird. Am Ende muss sich die Gruppe auf eine Antwort einigen. So ist sicher, dass sie sich intensiv mit dem Thema befassen.

Auch so kann heute Lernen und Bewusstseinsschärfung zum Thema Vielfalt im Unternehmen aussehen. Das gemeinsame Spiel fördert nicht nur die eigene Auseinandersetzung mit personalpolitischen Fragestellungen, die das Unternehmen betreffen, sondern auch Kompetenzen und Fähigkeiten, die im heutigen Unternehmensalltag wichtig sind: das gegenseitige Zuhören, eine klare Ausdrucks- und Argumentationsfähigkeit, Überzeugungskraft, aber auch die Bereitschaft, andere Perspektiven zu respektieren und Kompromisse einzugehen.

Aber noch schöner und mindestens genauso wichtig: Es schafft ein gemeinsames, emotionales Gruppenerlebnis in Echtzeit und im selben Raum. Und das wird in Zeiten der zunehmenden Digitalisierung als sehr wertvoll von den Beschäftigten empfunden.

Eine Auszeit vom hektischen, medialen Alltag

In dem Maße wie sich Unternehmen immer schneller und agiler an die Veränderungen in den Wirtschaftsmärkten anpassen müssen, in dem Maße sind sie gefordert ihre Belegschaft dabei zu unterstützen, den Takt der Veränderung mitgehen zu können und zu wollen. Nur so können sie erfolgreich sein. Dieses Erfordernis bildet den Kern der Organisationsentwicklungsarbeit und des Change Managements. Es setzt voraus, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu erreichen und auf ihren Schulungs-, Wissens- und Lernbedarf zeitgemäß, motivierend und in vielfältiger Weise einzugehen. Dies betrifft sowohl das inhaltliche Wissen und Verständnis für die Unternehmensausrichtung und -strategie, als auch das Angebot an Formaten und Maßnahmen.

Spieleformate sind in diesem Zusammenhang ganz weit auf dem Vormarsch in der Unternehmenslandschaft und bei Institutionen. Sowohl digital als auch analog. Spielen ist über die letzten 15 Jahre von einem nur als Zeitvertreib angesehenem Format zu einem Lerninstrument im betrieblichen Kontext geworden und spiegelt den gesellschaftlichen Trend wider. Laut den Marktzahlen 2014 des Bundesverbands Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU) nutzen etwa 34 Millionen Deutsche digitale Spiele und rund 85 Prozent tun dies regelmäßig. Dies ist eine Entwicklung über alle Alters- und Bildungsgruppen hinweg. Die Computerspiele-Industrie hat sich in den vergangenen 20 Jahren zu einem Milliardengeschäft entwickelt, und die Umsätze mit klassischen Gesellschaftsspielen sind parallel dazu auch gestiegen. Sie schaffen Auszeiten vom hektischen, medialen Alltag und bieten einen realen, direkten und präsenten zwischenmenschlichen Austausch.

Ein Unternehmensspiel speziell zum Thema Diversity

Unternehmen wie Siemens, Deutsche Bahn AG, British American Tobacco oder Cisco setzen digitale App-Spiele sowie Brettspiele zur Aus- und Fortbildung der Mitarbeitergruppen nach dem Motto „Play – Explore – Learn“ bereits ein. So hat die Deutsche Bahn AG ein Diversity-Brettspiel entwickelt, welches auch in modifizierter Form auf der Diversity-Konferenz 2015 oder bei der Geschäftsstelle der Charta der Vielfalt gekauft werden kann. Das Online-Spiel „Papers, Please“ ist ein digitales Beispiel, wie es aktueller nicht sein könnte, da es den Umgang mit Vielfalt im Kontext von Einreise- und Grenzdurchgangssituationen thematisiert.

Unsere Arbeitswelten werden vielfältiger, durch länder- und zeitzonenübergreifende Kommunikationsstrukturen, durch die wachsende Mobilität von Erwerbstätigen, durch die internationale Zusammenarbeit von Unternehmen und Institutionen. Damit wird der Anspruch der Menschen an Organisationen umso berechtigter, diesen Anforderungen vielfältig zu begegnen und nicht in klassischen Standardformaten wie Vorträgen, Trainings oder „multiple choice“-E-learnings zu verhaften. Unsere interaktive Welt macht nicht Halt vor Unternehmensgrenzen. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wollen ihre gesellschaftliche Erlebniswelt im Unternehmen widergespiegelt sehen. Wer als Arbeitgeber auch morgen noch attraktiv sein möchte, sollte sich dieser Anforderung an die Organisationsentwicklung stellen.

Die Autorin ist Beraterin für Organisationsentwicklung und Change Management. Dieser Text erschien in der Beilage zur Diversity-Konferenz 2015 des Tagesspiegels. Mehr zum Thema Diversity lesen Sie hier.

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