Kabellose Stromübertragung : Nichts stört am Boulevard

Berührungsloses Übertragen von Strom kann den Nahverkehr revolutionieren. Oberleitungen werden verzichtbar.

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Energieempfänger. Die BVG will Elektrobusse testen, die kabellos aufgeladen werden.
Energieempfänger. Die BVG will Elektrobusse testen, die kabellos aufgeladen werden.Foto: promo

Elektrisch unterwegs zu sein ist ein alter Traum. Den weltweit ersten elektrisch angetriebenen Bus, Elektromote genannt, der Strom aus einer Oberleitung erhielt, ließ Werner Siemens 1882 in Halensee fahren. 1898 folgte ein elektrischer Straßenbahn-Omnibus. Beide Systeme konnten sich aber nicht durchsetzen. Erfolgreicher war in den 1930er Jahren dann der so genannte O-Bus, der den Strom für seinen Antrieb aus einer speziell für ihn installierten Oberleitung erhielt.

Auch in Berlin gab es ein kleines Netz, eine Zukunft hatte der Betrieb aber nicht. Bereits 1965 verschwand der O-Bus aus West-Berlin, im Ostteil der Stadt hatte sich die letzte Linie immerhin bis 1973 halten können. In Potsdam fuhren O-Busse sogar bis 1995. In der Region setzt derzeit nur noch Eberswalde auf traditionelle O-Busse.

Eine ganz neue Technik wollen jetzt die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) und die Technische Universität erproben: das kabellose Übertragen des Stroms über ein Magnetfeld – wie es bereits seit Jahren bei der elektrischen Zahnbürste praktiziert wird. Entwickelt hat das „Primove“ genannte System der Bahnhersteller Bombardier, der seine Zentrale in Berlin hat.

Hier soll es auch einen Testbetrieb geben; allerdings hat man sich noch nicht auf eine Linie einigen können. Die Technik ist relativ einfach: Unter dem Straßenbelag wird eine Leiterplatte installiert, die beim Einschalten ein Magnetfeld erzeugt, das wiederum im empfangenden Fahrzeug in Strom umgewandelt wird. Strom fließe nur, wenn sich ein entsprechend ausgerüstetes Fahrzeug über der Leiterplatte befinde, sagt Susanne Schwarz von Bombardier.

Umweltfreundlich und ästhetisch

Beim Laden verhindert eine magnetische Abschirmung, dass elektromagnetische Interferenzen ins Fahrzeug übertragen werden. Tests mit Herzschrittmachern hätten bewiesen, dass das System gefahrlos funktioniere, sagt Schwarz. Auch Passanten, die sich neben der Ladestelle aufhalten, seien nicht gefährdet. Dies hätten bereits 2010 Tests mit einer Straßenbahn in Augsburg gezeigt. Das Legen der Leiterplatte sei nicht aufwendig; die Straße müsse dafür nur etwa 20 Zentimeter tief aufgegraben werden, sagt Schwarz.

Vorwiegend sollen die Ladestationen an Endhaltestellen eingebaut werden, wo die Fahrzeuge länger stehen. Möglich sei aber auch das Laden während der Fahrt, sagt Schwarz. Praktiziert werde dies voraussichtlich im Herbst in Braunschweig. Dort soll noch im März das „Primove“-Modell im Fahrgastbetrieb starten. Testfahrten waren nach Angaben von Schwarz erfolgreich. Zunächst setze man einen zwölf Meter langen Bus ein, der nur an den Endhaltestellen geladen wird.

Im Herbst soll das Programm dann mit vier je 18 Meter langen Gelenkbussen erweitert werden, für die ein „dynamisches Laden“ während der Fahrt geplant ist. Auch für Straßenbahnen ist vorgesehen, diese nach dem Verlassen der Haltestelle beim Beschleunigen „nachzuladen“, sagt Schwarz. Abstriche am Betriebsprogramm dürfe es nicht geben; der Aufenthalt an Haltestellen, an denen geladen wird, dürfe nicht länger dauern als bisher.

Während bei Bussen der umweltfreundliche Antrieb im Vordergrund steht, kann bei Straßenbahnen durch das „Primove“-System auf den Bau von Oberleitungen verzichtet werden, die im Stadtbild oft stören. Hätte es die neue Technik schon bei Kaiser Wilhelm II. gegeben, hätte man auf den Bau eines Tunnels unter dem Straßenzug Unter den Linden verzichten können, den der Kaiser für die querenden Straßenbahnen einst gefordert hatte, weil ihn am Boulevard eine Oberleitung missfallen hatte.

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