Schlaue Stromer : Das Auto weiß alles

Informatiker tüfteln an Konzepten für die elektromobile Zukunft, setzen auf Vernetzung, Effizienz und Komfort. Jeder Akteur soll vom anderen profitieren.

von
Gut vernetzt. Der intelligente Stadtflitzer BMW i3 berücksichtigt bei der Routenplanung nicht nur Ladezustand der Batterie und Fahrstil, sondern zeigt auch die Fahrpläne des öffentlichen Nahverkehrs.
Gut vernetzt. Der intelligente Stadtflitzer BMW i3 berücksichtigt bei der Routenplanung nicht nur Ladezustand der Batterie und...Foto: Britta Pedersen/dpa

Wenn es um die Zukunft der Elektromobilität geht, richtet sich der Blick schnell auf die Fahrzeugbauer. Möglicherweise werden aber nicht Ingenieure, sondern Informatiker der Elektromobilität zum Durchbruch verhelfen. „Internet- und Kommunikationstechnologie ist eine wesentliche Grundlage für Problemlösungen im Bereich Elektromobilität“, sagt Jan Keiser vom Distributed Artificial Intelligence-Labor (DAI) der TU Berlin, das an der Vernetzung und Optimierung von Mobilitätsdiensten forscht.

Derzeit haben Elektroautos noch nicht die Reichweite von Benzinfahrzeugen, und auch die über 2800 Ladestationen, die es laut dem Internetverzeichnis „LEMnet“ in Deutschland gibt, sind noch recht spärlich. Doch vielleicht reicht es bereits aus, das Vorhandene möglichst effektiv zu nutzen – durch IT. „E-Mob-Dienste“ heißt eines von zahlreichen Forschungsprojekten, welche die TU Berlin derzeit im Bereich Elektromobilität durchführt.

„Wir wollen damit verschiedene bereits vorhandene Dienste verknüpfen – zum Beispiel zum Finden von Carsharing- Autos oder Ladestationen – so dass viele Unternehmen ihre Leistungen auf einer Plattform anbieten können“, sagt Keiser. Am Ende könnte eine digitale Plattform stehen, mit der Touren und Routen dank der Zusammenführung von Verkehrs-, Energie- und Infrastruktur-Informationen optimal und ökologisch planbar wären. „Der Dienst könnte zum Beispiel sagen: Wenn du das und das heute mit dem Auto vorhast, dann solltest du zu diesem Zeitpunkt an dieser Stelle Strom laden“, so Johannes Fähndrich vom DAI-Labor.

Fahrzeug einfach an die Laterne stöpseln und laden

Hinter diesem und ähnlichen Projekten steht die Überzeugung, dass Elektroautos künftig nur ein Teil eines flexiblen Verbundes von Privat-PKWs, Carsharing, ÖPNV und Pedelecs sein werden: Mit dem Mietrad zum Bahnhof, mit der Bahn in die Stadt, von dort aus weiter mit dem Elektroauto, das kurz zuvor an seiner Station voll geladen wurde. Auch die Aachener Straßenbahn und Energieversorgungs-AG arbeitet an der Vernetzung von Mobilitätsdiensten.

Durch „Mobility Broker“ sollen Reisende auf regionaler Ebene per Smartphone-App zwischen Leihrad, Elektrofahrzeug, Mitfahrgelegenheit, Taxi oder Bahn wählen können. Es ist eines von bislang 18 Projekten, die vom Bundeswirtschaftsministerium im Rahmen des Programms „IKT für Elektromobilität II“ mit insgesamt 80 Millionen Euro gefördert werden. Auch Carsharing-Anbieter, die wegen der kurzen Strecken in der Stadt seit Langem Elektroautos anbieten, vernetzen ihre Angebote: Apps wie „MeMobility“ etwa zeigen alle Autos von DriveNow, Car2Go, Flinkster und Multicity – dem einzigen komplett elektrischen Carsharing-Anbieter – an.

„Das Verschmelzen von IT mit Mobilität wird eine der großen Veränderungen der Mobilität sein“, sagt Frank Pawlitschek von „Ubitricity“. Sein Unternehmen wolle für die Energiewirtschaft das tun, was das Handy für die Telekommunikation getan habe, so Pawlitschek: „Früher waren Telefone stationär, zu Hause oder in Telefonzellen. Heute nehmen Sie Ihr Mobilgerät überall hin mit.“ Genau das ist die Grundidee von Ubitricity: Anstatt viele teure Ladestationen zu bauen, hat das Unternehmen ein intelligentes Ladekabel entwickelt, mit dem sich Elektroautos praktisch überall anstöpseln lassen – zum Beispiel an Straßenlaternen.

Diese müssten laut Pawlitschek lediglich mit einer Steckdose für knapp 100 Euro umgerüstet werden. Die Strom-Abrechnung läuft über die IT: Das Kabel registriert die „getankte“ Strommenge und leitet die Daten per Mobilfunk verschlüsselt an eine Zentrale weiter. Abrechnen kann man dann am Monatsende beim gewählten Stromanbieter.

Von zu Hause unverschlossene Türen und brennendes Licht kontrollieren

Zudem arbeitet Ubitricity an Lösungen, damit das Auto dann lädt, wenn der Strom gerade billig ist oder zuviel davon im Netz vorhanden ist. „Dann kann man den Fahrern auch günstigere Tarife anbieten“, sagt Pawlitschek. „Die IT wird besonders als Schnittstelle zur Energiewirtschaft eine große Rolle spielen, wenn man die Netze bestmöglich ausnutzen will“, sagt er. Derzeit befindet sich Ubitricity noch in der Testphase: Im Laufe des Jahres sollen 100 Laternen-Steckdosen installiert werden, 2015 will das Unternehmen an den Markt gehen.

Durch IT wird auch der Komfort von Elektroautos wachsen. Erleben kann man dies etwa im BMW i3: Der Stromer hat einen großen Bildschirm auf der Bordkonsole, über den man ins Internet gehen kann. Das Navi – auf Wunsch sprachgesteuert – hilft bei der Routenplanung, berücksichtigt dabei Ladezustand der Batterie, Fahrstil, Topografie und die aktuelle Verkehrslage und zeigt alle Ladestationen in der Nähe an. Mit der „Remote App“ können i3-Fahrer sogar von zu Hause via Smartphone Fahrzeugstandort, Reichweite, Batterieladestand oder unverschlossene Türen und brennendes Licht kontrollieren sowie Ladevorgänge aus der Ferne starten.

Vor allem das Carsharing könnte einen Komfortschub erhalten: Die TU Berlin entwickelt derzeit in Zusammenarbeit mit dem Telekommunikationshersteller Alcatel-Lucent ein Auto, das mit einer kleinen Mobilfunkzelle ausgerüstet ist und automatisch erkennt, wenn sich der jeweilige Carsharing-Kunde mit seinem Handy nähert. „Dann wird gefragt, ob man es aufschließen will, ohne physischen Schlüssel“, erläutert Johannes Fähndrich.

Durch die automatische Erkennung kann sich das Auto gemäß den persönlichen Angaben anpassen, so dass man immer genau die gewohnten Einstellungen vorfindet, egal in welchem Auto. „Es wird der bevorzugte Radiosender markiert, die Spiegel stellen sich so ein, wie man sie braucht, die Heimadresse ist schon eingeloggt und die bevorzugte Routing-App wird ausgewählt“, sagt Fähndrich.

Mobilitäts- und Energieanbieter müssen an einen Tisch

Besonders interessant könnte außerdem das Autonome Fahren für Elektroautos von Carsharing- Anbietern sein. Seit 2013 läuft das AFKAR-Projekt – „Autonomes Fahren und intelligentes Karosseriekonzept für ein All-Electric Vehicle“ – des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung. Ziel: Elektroautos sollen selbstständig vor die Tür des Carsharing-Nutzers rollen und danach wieder in ein „intelligentes“ Parkhaus fahren, um sich dort an eine Ladestation anzudocken.

Viele dieser IT-Anwendungen sind noch in der Forschungsphase, doch die zukünftigen Möglichkeiten lassen sich bereits erahnen: Wenn Autos Teil eines Datennetzes wären, ließen sich aktuell günstige Routen empfehlen und so Staus und andere Verkehrsprobleme verringern. Vielleicht können Elektroautos irgendwann sogar als mobile Zwischenspeicher für das Stromnetz genutzt werden, um Energie-Überschüsse abzufangen – ob und wie dies möglich ist, wird derzeit in Projekten wie „Mobility2Grid“ des Forschungscampus' EUREF oder „IPIN“ (Integrationsplattform Intelligente Netze) der TU Berlin erforscht.

Die eigentlichen Umsetzungsprobleme werden weniger technischer, sondern wirtschaftlich-politischer Natur sein: „Mobilitätsanbieter und Energieversorger müssen an einen Tisch kommen und an einer übergreifenden Lösung arbeiten“, sagt Keiser. Vor allem müssten Synergien für alle Akteure entstehen. „Wir müssen darauf achten, dass der eine vom anderen profitiert.“

Jetzt Kfz-Versicherung wechseln

Finden Sie die günstigste Versicherung für Ihren PKW. Hier geht's zum kostenlosen Versicherungsrechner.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben