Aus Syrien nach Deutschland : Unfrei im Land der Freiheit

Die Wände haben Ohren – oder etwa nicht? Tyrannische Gewohnheiten begleiten Syrer auch in Deutschland.

Mazen Abo-Ismael
Noch nicht ganz angekommen. Viele Syrer müssen sich an ihre neue Freiheit erst einmal gewöhnen.
Noch nicht ganz angekommen. Viele Syrer müssen sich an ihre neue Freiheit erst einmal gewöhnen.Foto: Patrick Pleul/dpa

Nachdem er sein ganzes Leben in Syrien gelebt hatte, ist er – nennen wir ihn Abd – in Deutschland eingewandert, um sich mit seiner Familie eine Zukunft aufzubauen. Als der 42-Jährige hier ankam, war er verwirrt und fragte sich, wie er sich in einem demokratischen Land verhalten sollte. Ein Land, das ganz anders ist als seines oder das Land, das einmal seines war. Er versuchte seine Überraschung zu verbergen, wie es hier läuft, wie die Menschen aussehen, was sie tun, versuchte sich anzupassen. Aber leider brechen immer wieder Verhaltensweisen durch, die Abd sich in der Unfreiheit angewöhnt hat.

Wenn Abd hier in Deutschland einen Polizisten erblickt, ist sein erster Impuls, wegzulaufen. Denn vor der Polizei musste er in seinem früheren Leben in Syrien immer Angst haben, selbst wenn man nichts getan und nichts zu verstecken hatte.

Eines Tages wurde Abd von einer TV-Reporterin gestoppt, die offenbar ein Interview mit ihm machen wollte. Zuerst tat er so, als hätte er sie nicht gesehen. Aber als sie sich ihm in den Weg stellte, konnte er nicht weglaufen und versuchte stattdessen, sich etwas möglichst Positives auszudenken, ein paar Nettigkeiten zu dem Thema, über das sie ihn befragen wollte. Aber ihm fiel nichts ein, da verbarg er sein Gesicht in den Händen.

Das Interview gab er der Reporterin dann schließlich nur unter der Voraussetzung, dass seine Identität anonym bleibt. Denn aus seinem früheren Leben wusste er, dass man in Syrien im Fernsehen oder in der Öffentlichkeit seine Meinung nicht aussprechen und auf keinen Fall etwas sagen durfte, das strafrechtliche Konsequenzen haben könnte. Alles musste perfekt sein. Alles ist wunderbar. Die Gehälter sind sehr gut. Die Preise sind sehr günstig. Wir sind sehr glücklich. In unserem Land ist alles in Ordnung.

Man soll niemals politische Fragen beantworten

Als Abd einmal mit dem Zug fahren wollte, entdeckte er auf dem Bahnhof eine Überwachungskamera. Sein Gesichtsausdruck wurde leer. Bestürzende Bilder von Kameras, die in Syrien wie ein ‘Big Brother’ benutzt wurden, der alles beobachtet, gingen ihm durch den Kopf. Schnell rannte er zum Zug – nur um dort eine weitere Kamera zu sehen und das Szenario noch einmal zu durchleben.

Selbst zu Hause fühlt Abd sich nicht in Frieden. Wenn seine Familie über ein politisches oder auch ein anderes Thema spricht, möchte er sie zum Schweigen bringen und flüstern, dass „die Wände Ohren haben“. Dann blicken sie einander verständnisvoll an und erinnern sich daran, dass dieser Spruch sie wie ein Talisman in all den Jahren in Syrien geschützt hat.

Die Zeit kam, als seine Kinder zur Schule gehen mussten. Da brach sich eine andere Gewohnheit, die Abd in der Tyrannei angenommen hatte, Bahn: Er schärfte seinen Kindern ein, strikte Geheimhaltung zu wahren und nichts aus dem eigenen Familienleben auszuplaudern. Abd und seine Frau hatten das schließlich von Kindheit an gelernt: Jemand in der Schule könnte gefährliche Fragen stellen und die Kinder aufs Glatteis führen. Selbst wenn es nichts zu verheimlichen gibt, selbst wenn die Antworten ganz unschuldig daherkommen, wie es bei Kindern ist, so könnten sie doch katastrophale Folgen haben. Darum sagt Abd seinen Kindern: Man soll niemals Fragen beantworten, die mit der politischen Orientierung oder anderen, möglicherweise unliebsamen Meinungen zu tun haben. Das sollten sie sich bitte hinter die Ohren schreiben.

Der Autor ist seit Sommer 2016 in Deutschland. Er studiert Literatur an der Universität Potsdam.

Dieser Text ist in der Beilage „Wir wählen die Freiheit“ mit Texten von Exiljournalisten am 8. September 2017 erschienen. Die Beilage entstand im Rahmen des Projekts #jetztschreibenwir des Tagesspiegels, in Kooperation mit der Friedrich-Naumann-Stiftung und der Robert Bosch Stiftung. 

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