Meine Jugend in Aleppo : Weg mit dem kirschroten Mund

Sowas gehört sich nicht. Was sollen die Leute sagen? Wie die Familie, die Gasse, die Religion in Syrien meine Freiheit einschränkten.

Hiba Obaid
"Als Mädchen aus Aleppo, das kein Kopftuch trug, geriet ich täglich in Konflikt mit den Leuten und führte ständig Diskussionen."
"Als Mädchen aus Aleppo, das kein Kopftuch trug, geriet ich täglich in Konflikt mit den Leuten und führte ständig Diskussionen."Foto: Danish Ismail/Reuters

Welch Schande! Wie kann ein Mädchen nur Fahrrad fahren?! Mit welchen Augen werden die Männer sie sehen und was werden die Leute sagen?!

In dieser Stadt fahren Mädchen nicht mit Fahrrädern herum.

Beim Begriff „Freiheit“ denken die einen an Glaubensfreiheit, andere eher an Meinungs- oder Entscheidungsfreiheit. Jedenfalls geht „Freiheit“ einher mit politischer Freiheit, mit Revolutionen und der Geschichte von Völkern, die für ihre Freiheit gekämpft haben. Wie bei der syrischen Revolution etwa, deren Ausgang ungewiss ist.

Wie aber sieht es aus mit der Freiheit der Individuen in der Gesellschaft, zwischen Grenzen, Bräuchen und Traditionen, die, in der arabischen Welt beispielsweise, von überholten Auffassungen bestimmt werden?

Neben der Religion und der Politik waren es die Nachbarn, die Verwandten, der Gemüseverkäufer in meiner Gasse, der Reinigungsarbeiter und der Friseur, die meine Freiheit einschränkten. Sie tratschten Tag und Nacht. Jeder nahm sich das Recht, sich in mein Leben einzumischen. Ständig redeten sie, sponnen sich Geschichten zusammen, fraßen mich seelisch auf, und all das bei lebendigem Leibe. Täglich verließ ich das Haus und musste dabei stets darauf achten, was ich anhatte, wie ich ging, was ich sagte, wie ich lachte, welche Farbe meine Lippen hatten und wann ich wieder zu Hause war.

Eklat Kaugummi

Ich erinnere mich noch gut an den Tag, als unsere Nachbarin zu meiner Mutter kam, um sich bei ihr darüber zu beschweren, wie ich Kaugummi kaute. Die Art und Weise, wie ich das tat, würde nicht in unsere Gasse passen. Ich saß damals gerade in meinem Zimmer, schaute einen Zeichentrickfilm – und lachte in mich hinein.

Ich weiß auch noch, wie sehr ich Kirschen mochte und dass ich mir häufig rotes Eis kaufte. In der Schule gab es alle Farben bis auf Kirschrot, und ich kannte den Grund dafür nicht, bis mir meine Unwissenheit diesbezüglich Schläge und Tadel durch die Schulleiterin einbrachte. Denn einmal kam ich mit kirschrotem Mund in den Unterricht – kirschrot gefärbt vom Eis. Die Direktorin aber dachte, dass ich Lippenstift aufgetragen hätte. Mit meinen acht Jahren machte ich mir damals keinerlei Gedanken über solche Kleinigkeiten.

Wer also ist die Gesellschaft und warum hat sie das Recht, mir die Luft zu nehmen, über die Farbe meines Nagellacks zu entscheiden, über meine Musik und, ja, auch über meine Religion?

Jedes Stück Identität ein Kampf

Als Mädchen aus Aleppo, das kein Kopftuch trug, geriet ich täglich in Konflikt mit den Leuten und führte ständig Diskussionen. Ich lebte in Saif ad-Dawla, einem Viertel, das unter den Familien Aleppos als vorbildlich gilt und in gewisser Weise auch historisch und religiös von Bedeutung ist. Meine tägliche Routine begann mit einem kleinen Streit mit meiner Mutter über meine Kleidung. Dieser Streit war also so etwas wie mein ritueller Morgengruß. „Durchsichtig, kurz, eng, lang, breit.“ Meine Mutter war keine von diesen herrschsüchtigen Müttern. Es war vielmehr der Gesellschaft geschuldet, dass sie sich ständig die Prinzipienfrage „Was werden die Leute sagen?“ stellte. Wenn es aber doch rechtens ist, was wir tun, und wir von unseren Handlungen überzeugt sind – warum müssen wir dann immer auf die Gesellschaft Rücksicht nehmen? Damit wir bloß nicht zu schwarzen Schafen in der Bilderbuchherde werden?

Unsere Nachbarin Rania mit ihren 50 Jahren und fünf Kindern hat sich nie um die Regeln und Traditionen, die Gasse und Nachbarn uns allen aufzwangen, gekümmert. Sie verließ das Haus genauso, wie es ihr gefiel, mit einem kurzen oder langen Kleid, mit oder ohne Kopftuch. Die Blicke der Leute waren ihr einfach nicht wichtig. Diese Einstellung allerdings bescherte ihr viele Fragen und Unannehmlichkeiten. Zum Beispiel wurde sie immer wieder gefragt: „Wo ist denn dein Mann?“, eine Frage, mit der man eigentlich sagen wollte: „Gibt es denn keinen Mann in deinem Leben, der dich maßregelt und dir dein Verhalten vorschreibt?!“ Ihr Ehemann, Abu Mohammed, galt natürlich als ehrlos, denn Maßstab seiner Ehre waren die Kleidung seiner Frau und ihr lautes Lachen. Ich mochte es sehr, mit Rania auszugehen, mit ihr zu diskutieren, in den leeren Straßen hörbar zu singen, mich so zu verhalten, wie es meinem Charakter entspricht, ohne dabei streng darauf bedacht zu sein, ob meine Absätze klapperten und welche Geräusche ich beim Kaugummikauen machte.

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Gruppenzwang der Gesellschaft

Die 30-jährige Nour andererseits kam jeden Tag zu uns, um sich über die ständigen Schläge ihres Mannes zu beschweren. Für gewöhnlich trank sie ihren morgendlichen Kaffee mit meiner Mutter mit einem blauen oder grünen Auge, je nachdem, wie sehr ihr Mann sie geschlagen hatte oder wie gut oder schlecht er in der Nacht zuvor gelaunt war. Sie weinte und beklagte sich ununterbrochen, und als ich sie fragte, warum sie sich nicht scheiden ließe, lachte sie und sagte: „Was werden denn die Leute über mich sagen? Geschieden!“Fahrradfahren: Unüberbrückbare Distanz

Nour verbrachte ihr Leben mit diesem bösartigen Mann, der sie schlug. Tatsächlich aber kochte sie nur so lange für ihn, bis sie nach Europa auswanderte. Vor einiger Zeit fragte ich sie, was denn der Grund dafür sei, dass sie sich ausgerechnet jetzt hatte scheiden lassen. Sie sagte: „Jetzt lebe ich weit weg, es gibt hier keine Gesellschaft, die mich verurteilt und mir mein Leben vorschreibt.“

Die Leute in unserer Gesellschaft stecken ihre Nase sogar in dein Essen. „Was isst du?“, „Was trinkst du?“, „Ist das Alkohol oder sieht es nur so aus?“, „Dieses Mädchen ist schon geschieden?! Ach du meine Güte, so jung, welch Schande!“

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