Wie man dem Führer applaudiert : Das Applaus-Haus

Syrische Parlamentarier müssen vor allem eines können: Beifall spenden.

Khalid al-Aboud
Bejubelt. Baschar al-Assad 2016 w ährend der ersten Sitzung des neu gewählten Parlaments in Damaskus.
Bejubelt. Baschar al-Assad 2016 w ährend der ersten Sitzung des neu gewählten Parlaments in Damaskus.Foto: PA/EPA/SANA HANDOUT

Applaudieren – das macht man in der Regel spontan, um seiner Freude Ausdruck zu verleihen, jemanden willkommen zu heißen oder anzufeuern. Doch in einem Staate im Nahen Osten, in Syrien, gibt es einen Beruf, in dem das Applaudieren professionell gefragt ist: den Parlamentarier.

Aber Applaudieren will gelernt sein. Als Schulkinder war es für uns verpflichtend, bei der Jugendorganisation der Baath-Partei mitzumachen. Dort lernt man bis zur sechsten Klasse, wie man für den Führer singt, für den Führer musiziert, den Führer und seine Errungenschaften zeichnet, Gedichte über den Führer verfasst – und auch, wie man dem Führer richtig applaudiert. Die Lehrer in der Grundschule verbrachten Stunde um Stunde damit, uns beizubringen, wie ein engagierter „Baath Vanguard“ in die Hände klatscht. Wenn der Name des Führers – vor dem Jahr 2000 also der von Hafiz al-Assad und nach 2000 der von Bashar al-Assad – genannt wird, klatschst du stürmisch Beifall. Auch sobald der Name der regierenden Partei, also der Baath-Partei, fällt oder die Wörter Sozialismus, Märzrevolution oder Oktoberkrieg, applaudierst du. Wenn du dann später zu den Größeren gehörst, zum Beispiel die Mittelstufe besuchst, klatschst du eifrig weiter. So bist du stets bereit, Mitglied im syrischen Parlament zu werden.

Wenn der Führer das Parlament betritt, ist Klatschen Pflicht

Und so ist das syrische Parlament auch unter dem Begriff „Applaus-Haus“ bekannt – dies drückt nämlich seine bezeichnendste Aufgabe aus: stürmisch Beifall zu spenden, wenn der Führer eine seiner Reden hält. Das gilt nicht nur, während er eine Pause macht, sondern insbesondere auch dann, wenn er mit seiner Stimme lauter wird, wohlklingende Sätze von sich gibt, eine Pointe bringt oder die syrische Opposition, die ihre Revolution im Jahr 2011 begann, wieder einmal verteufelt. Pflicht ist dies natürlich auch, wenn der Führer das Parlament betritt, damit die Fernsehsprecher oder Tageszeitungen die Nachricht verbreiten können, dass „der sehr geehrte Präsident unter jubelndem Beifall empfangen wurde“. Was die Kuppel des syrischen Parlaments betrifft, so wurde sie meiner Überzeugung nach extra so gebaut, dass sie einen starken Widerhall des Applauses entstehen lässt.

Die Bezeichnung „Applaus-Haus“ kam im März 2011 in Umlauf, als die syrische Revolution ausbrach, damals, als das Schweigen gebrochen und die Rufe nach Freiheit immer lauter wurden. Damals wurde auch der neue Ausdruck für Parlamentsabgeordnete geprägt: „Megafone der Macht“.

Der Autor arbeitet als Journalist bei der Nachrichtenplattform „Amal, Berlin!“, die auf Arabisch und Farsi/Dari berichtet. Aus dem Arabischen von Melanie Rebasso.

Der Artikel ist in der Beilage „Wir wählen die Freiheit“ mit Texten von Exiljournalisten am 8. September 2017 erschienen. Die Beilage entstand im Rahmen des Projekts #jetztschreibenwir des Tagesspiegels, in Kooperation mit der Friedrich-Naumann-Stiftung und der Robert Bosch Stiftung.

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