Zu de Maizières Leitkultur-Thesen : Frag mich was anderes, Tom!

Die Gebote der deutschen Leitkultur und ich.

Negin Behkam
Negin Bekham (33) kommt aus dem Iran.
Negin Bekham (33) kommt aus dem Iran.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Es muss jetzt schon Nachmittag sein. Ich öffne meine Augen und sehe: Neben mir liegt wieder ein Moritz oder Niklas. Ich habe immer noch einen Kater von der letzten verrückten Nacht im Techno-Club „Sisyphos“, und ehrlich gesagt, wenn ich mich von der deutschen Leitkultur leiten ließe, würde ich dem Typen direkt ins Gesicht sagen, dass er verschwinden soll, weil ich keinen Bock auf Gesellschaft habe. Da ich aber auch von der orientalischen Kultur geprägt bin und sie mich nie in Ruhe lässt – ich bitte um Verzeihung, Herr de Maizière! – sage ich dem Typen, er kann sich einen Kaffee machen, wenn er möchte. Er aber fragt plötzlich und ohne Anlass: „Du bist doch aus dem Iran! Nicht wahr? Isst du eigentlich Schweinefleisch?“

Ich schließe die Augen und versuche ruhig zu bleiben. Ich atme dreimal tief durch, denke an die zehn Gebote des Thomas de Maizière und zitiere im Geist Gebot Nummer Sieben: „Wir haben in unserem Land eine Zivilkultur bei der Regelung von Konflikten.“ Also, das heißt jetzt wohl, ich darf nicht seine Nase brechen.

"Hallo! Ich bin Burka"

Ich esse Schweinefleisch? Wie viele hundert Male muss ich diese Frage in meinem Leben noch beantworten? Wir haben uns gestern besoffen und sind am Ende im Bett gelandet und jetzt fragt dieser Dennis oder Philipp, ob ich Schweinefleisch esse? Ok! Wie war nochmal das erste Gebot des de Maizière? Ach ja: „Wir sagen unseren Namen. Wir geben uns zur Begrüßung die Hand.“ Ich gehe also nicht mit der Faust auf ihn los und antworte diesem Florian oder Tom stattdessen ganz friedlich: „Hallo! Ich bin Burka.“

Die Autorin ist seit 2001 in Berlin, wo sie bei der Nachrichtenplattform "Amal, Berlin!" arbeitet.

Der Artikel ist in der Beilage „Wir wählen die Freiheit“ mit Texten von Exiljournalisten am 8. September 2017 erschienen. Die Beilage entstand im Rahmen des Projekts #jetztschreibenwir des Tagesspiegels, in Kooperation mit der Friedrich-Naumann-Stiftung und der Robert Bosch Stiftung.

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