1. Platz, Schüler : Vom Zuckerwürfelchen, das sprechen konnte - von Sonja Radde

Der dicke Klaus hat eine verrückte Idee – und verliebt sich unsterblich. Aber wo bleibt seine dünne Frau?

Sonja Radde

SONJA RADDE

(10) geht in die fünfte Klasse der Schliemann-Grundschule in Rudow. Sie hat zwei Brüder und zwei Meerschweinchen, liest gern und spielt Klavier und Fußball.

Es war einmal ein dicker Mann namens Klaus, der war einsam, denn er hatte nur eine dünne Frau. Einsamsein ist langweilig, und Klaus war es langweilig, also ging er einkaufen. Im Laden war nicht viel los. Klaus schlenderte gemächlich durch die Regale und blieb vor dem Zuckerregal stehen.

Im Zuckerregal, dritte Reihe von oben, vierte Reihe von links, lag ein Zuckerwürfelchen in einer engen Schachtel. Klaus griff in das Regal, dritte Reihe von oben, vierte Reihe von links – und kaufte die Zuckerwürfelschachtel. Er verließ den Laden und aß alle Würfel auf bis auf das eine Zuckerwürfelchen.

In dem Moment hatte Klaus eine Idee: „Was ist, wenn ich dem Zuckerwürfelchen das Sprechen beibringe?“ Zu Hause erzählte er seiner dünnen Frau davon. Auch diese fand die Idee sehr gut. Bloß eine Frage stellten sich alle beide: Welches Wort sollte das Zuckerwürfelchen als Erstes lernen? „Am besten finde ich das Wort Meister“, meinte Klaus. „Oder vielleicht Mutti?“, fragte die Frau.

„Kompromiss“, meinte Klaus, „wie wäre es mit Vati?“ Damit waren beide einverstanden.

Also fing Klaus damit an, Leute zu fragen, wie man einem Zuckerwürfelchen das Sprechen beibringen kann. Die meisten erwiderten halb lachend, halb spöttisch: „Du spinnst!“, „Hast wohl nicht mehr alle Tassen im Schrank!“ oder „Bist du völlig plemplem, wie?“ Da ihm das nicht weiterhalf, setzte er sich an seinen Schreibtisch in seinem Zimmer und sagte seiner Frau: „Ich will nicht gestört werden!“

„Noch nicht mal zum Essen?“

„Nein, noch nicht mal zum Essen!“

Damit schloss Klaus die Tür. Drei Jahre lang und ein bisschen mehr übte er am Zuckerwürfelchen, bis er sich unsterblich in es verliebt hatte.

Liebe macht bekanntlich blind. Aber Liebe zu einem süßen Zuckerwürfelchen hat noch eine Nebenwirkung: Sie macht dick, so dass der sowieso schon sehr dicke Klaus noch dicker wurde.

Endlich sprach das Zuckerwürfelchen seinen ersten ganzen Satz, leider nicht so, wie Klaus es gewollt hat. Es sagte nämlich: „Alter, du brauchst eine Diät!“ Das war natürlich nicht sehr höflich. Doch für Klaus war es eine Katastrophe: Schon seine dünne Frau hat ihn immer mit seiner Figur gehänselt – und jetzt das süße, kleine Zuckerwürfelchen, das er so liebte! Das ging zu weit, fand Klaus. Andererseits: Ein Zuckerwürfelchen, das sprechen kann, hat nicht jeder. Also schnappte er sich das Zuckerwürfelchen und suchte seine dünne Frau. Doch diese war nicht da.

Klaus dachte, seine Frau könnte ja im Supermarkt sein, sie kaufte nämlich schon immer gerne ein. Also, auf zum Supermarkt. An der Kasse fragte er nach seiner Frau. Doch die Kassiererin sagte nur: „Keine Ahnung, fragen Sie doch mal den Wirt im ‚Fröhlichen Barbaren’, der weiß doch alles!“

Im ‚Fröhlichen Barbaren’ legte Klaus sein Zuckerwürfelchen auf den Tresen und fragte, von der ungewohnten Lauferei noch ganz aus der Puste, den Wirt: „Wo ist meine Frau?“ Der Wirt erwiderte grölend: „Ach, die dünne meinen Sie!? Die hat sich ’nen Neuen genommen; dachte, Sie kommen nich mehr ’raus, hehe!“

Da ging Klaus, traurig, alles verloren zu haben, mit schleifenden Schritten zur Tür hinaus und vergaß, das sprechende Zuckerwürfelchen mitzunehmen. So bekam er auch nicht mehr mit, wie sich der Wirt das Zuckerwürfelchen nahm und es betrachtete. Da sagte das Zuckerwürfelchen: „Alter, du brauchst eine Diät!“

Der Wirt hielt das Zuckerwürfelchen erstaunt hoch, lachte fröhlich und rief: „Schaut mal, es kann sprechen!“ Die Leute staunten, die Presse kam und der Wirt wurde weltberühmt.

Und der dicke Klaus? Wenn er seine dünne Frau nicht gefunden hat, dann jammert er noch heute.

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