Ariane Meinzer : Schlagzeilen

Ariane Meinzer

Wie jeden Morgen verkleidete ich mich auch an diesem Tag als glücklicher Mensch. Die Kunst der Verkleidung hatte ich über viele Jahre zu einer Vollendung gebracht, die mich selbst manchmal beängstigte. Doch die anderen Menschen mögen eben nur die Glücklichen, die Schönen und diejenigen, deren Existenz voller guter Schwere, fester Bedeutung ist- so, wie man die herbstschweren edlen Weine mag und weiß, dass man etwas Besonderes genießt.

Da mein Leben aber das Gegenteil von Bedeutung hatte und nichts in mir Größe oder gar Glück enthielt, versteckte ich mich viele Jahre zunächst unter den anderen Gescheiterten, denn von uns gibt es so viele. Vielleicht zu viele, vielleicht zu wenige, für mich aber zumindest genug, um mich dort wegzuducken vor den Blicken der Menschen von Wichtigkeit.

Später aber entdeckte ich die Möglichkeit, das Wesen der Glücklichen und Bedeutenden perfekt zu imitieren und damit aus der Menge der Nichtigen in die Menge der Teilhabenden zu wechseln, um letztlich auch dort gesichtslos zu verschwinden.

Denn einen Makel trug ich auch weiterhin unauslöschlich vor mir her- ich machte niemals von mir reden. Zwar mochte ich bedeutsam erscheinen, doch ich tat niemals etwas, das von Belang war, meine Anwesenheit wurde auf Gesellschaften bestenfalls wahrgenommen, doch niemand erinnerte sich hinterher an mich. Es waren immer die anderen, von denen man sprach- diejenigen, die wirklich waren, was ich nur schien. Diese anderen sah man auf Plakaten, die für ihre Ideen warben, diese anderen sangen die Lieder, die jeder hörte, wenn er das Radio anschaltete, diese anderen durchschritten die Schlagzeilen der Zeitungen wie Könige ihre Paläste durchmessen. So war es seit Jahren mein allergrößtes Sehnen, auch nur ein einziges Mal wie sie zu sein, am Himmel der öffentlichen Aufmerksamkeit zu strahlen und damit unwiederbringlich alles Bedeutungslose abzulegen.

Doch an diesem bewussten Tag vor genau drei Wochen sollte zum ersten Mal das alles Entscheidende passieren, das mich für immer aus der Menge hervor heben sollte wie den Phönix aus der Asche. So stand ich also an dem Morgen rasiert und bereits im Anzug in meiner Küche und trank rasch meinen Kaffee, der Zeitdruck erlaubte nur einen flüchtigen Blick auf die Zeitung, die ich nach dem Aufstehen achtlos auf den Küchentisch gelegt hatte. Da sah ich sie, die Schlagzeile auf der Titelseite: "Markus Wehner sieht aktuelle Entwicklung der Konjunktur kritisch, aber nicht pessimistisch".

Markus Wehner- das bin ich. Und ich stand in der Zeitung. Leitartikel, Überschrift Fettdruck, Foto von mir beim letzten Werksbesuch in Kaiserslautern in Farbe. Ich setzte mich fassungslos an den Tisch und überflog fiebernd den Artikel. Alles, was von mir zitiert wurde, war richtig- genau das hatte ich gesagt, aber das Ereignis, bei dem diese Statements gefallen waren, war absolut lächerlich, die Umstände langweilig und zudem waren meine Vorgesetzten ebenfalls anwesend und hatten Reden gehalten, die ähnliche Standpunkte formulierten- nur besser. Aber ICH wurde zitiert, an höchst exponierter Stelle und ich konnte es nicht fassen.

Zum ersten Mal in meinem Leben ging ich aufrichtig erhobenen Hauptes zur Arbeit.

Keine Blicke, denen ich auswich, keine Schulter in der Firma, die ich nicht leutselig klopfte, keine Unterschrift, die ich nicht doppelt so schwungvoll zeichnete wie zuvor.

Zum ersten Mal in meinem Leben erfuhr ich also, was das Wort Selbstbewusstsein im Kern bedeutet. Sich spüren, sich sehen, sich hören, sich im Spiegel der Gesellschaft in allen drei Dimensionen erkennen.

Die Tatsache, dass mich weder in der Firma, noch privat jemand auf den Leitartikel ansprach, irritierte mich nicht weiter. Ich legte das als Zeichen von Ehrfurcht aus und genoss meinen neuen Status umso intensiver.

Ein paar Tage später las ich dann fassungslos auf der Regionalseite meiner Zeitung den Artikel "Markus Wehner fordert mehr verkehrsberuhigte Zonen in der Innenstadt".

Auch hier gab der Artikel genau meine Meinung wider, die ich jedoch niemandem gegenüber in der jüngeren Vergangenheit geäußert hatte. Natürlich hatte auch ich zu allen Themen, die öffentlich diskutiert wurden einen Standpunkt, doch dieser orientierte sich an den Verlautbarungen der engagierten Elite der Stadt und fügte sich somit zu meiner Verkleidung als Mensch mit Positionen und Idealen. Warum ich auf einmal mit so einer Aussage in der Zeitung stand und woher das Foto mit dem Bürgermeister kam- all das ein merkwürdiges Rätsel, denn ich kannte den Bürgermeister nicht persönlich.

Von diesem Tag an schlug ich immer die Zeitung mit einer Mischung aus Vorfreude und Bangen auf. Denn tatsächlich folgten in unregelmäßigen Abständen Seite für Seite Artikel über mich in den verschiedenen Rubriken der Pfälzer Rundschau.

Niemals jedoch ein Artikel in einer Rubrik, in der ich schon mal zitiert wurde. Ich arbeitete mich also offenkundig ohne mein Zutun durch alle Ressorts, vom Leitartikel über die Börsennachrichten bis hin zum Sportteil.

Von Artikel zu Artikel legte ich also eine weitere Hülle der Unscheinbarkeit ab und wuchs vor mir selber in einem Maße, das ich niemals für möglich gehalten hätte. Den Markus Wehner, der unsichtbar auf Empfängen nur anwesend, doch niemals präsent war- den gab es nicht mehr. Endlich war ich jemand- ein Mann, den ich bewunderte und über den ich voller Ehrerbietung jeden neuen Bericht verschlang.

Meine Küche war inzwischen lückenlos tapeziert mit den Fotos und Zeitungsausschnitten. Zusätzlich zu meinem Abonnement kaufte ich weitere Exemplare der Ausgaben, in denen mein Denken und Wirken gewürdigt wurde. Ich lebte in einem Tempel meiner eigenen Wichtigkeit.

Seit drei Tagen nun ist jedoch kein neuer Artikel mehr über mich erschienen. Voller Unruhe wandere ich durch meine Wohnung, betrachte in der Küche mein Archiv und füge die verschiedenen Ausgaben zu einer Einheit zusammen. Scheinbar alle Rubriken der Zeitung sind nun vertreten, sogar die Werbung. Diese erschien vor acht Tagen und zeigt mich mit strahlendem Lächeln am Steuer des neuen Opel Corsa. Da ich vor kurzem einen entsprechenden Wagen gekauft hatte, wunderte mich dieses Foto nicht, doch ich sehe darauf wie ein Star aus. Nicht nur wie jemand, der es geschafft hat, sondern wie jemand, der sogar jenseits aller allgemeinen Maßstäbe seinen Erfolg genießt. Fast erschreckend.

Und der Schrecken über diese unaufhaltsame, methodische Wandlung vom Nichts zum Jemand, auf die ich keinen noch so geringen Einfluss habe, breitet sich mit trauriger Unfehlbarkeit in mir aus. Denn heute früh wurde mir klar, in welcher letzten Rubrik meiner Zeitung noch nicht über mich berichtet wurde.

Und so muss ich mich voller Demut und zugleich Entsetzen in den Gedanken fügen, dass vermutlich schon bald mein Nachruf zu lesen sein wird. Doch es wird der Nachruf auf einen großen Mann sein und ich werde in den Worten der Zeitung intensiver verglühen, als ich jemals zuvor gelebt hatte.

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