Arne Ulbricht : Spielplatzdiplomatie

Arne Ulbricht

Ariel war mit seinem Sohn auf dem Weg zu einem Spielplatz. Ariel war Deutscher, der seit langem in Berlin lebte. Und er war Jude, aber das interessierte in der Regel nur die anderen, ihn nicht. Wäre sein Name nicht gewesen, hätte ihn wohl auch niemand für einen Juden gehalten. Um seinem Sohn Fragen nach Herkunft und Religion zu ersparen, hatte er ihm als eine Art Präventivmaßnahme den deutschesten Namen, der ihm eingefallen war, gegeben: Hans! Das einzig Jüdische an Ariel war wahrscheinlich, dass er Moslems nicht mochte. Vor allem mochte er die Palästinenser, die im Gazastreifen lebten, nicht. Denn sie machten seinen paar Verwandten, die noch in Israel wohnten, ständig das Leben zur Hölle.

Der Spielplatz war klein und freundlich. Es war erst kurz nach neun, so dass die einzige Bank, die den begleitenden Eltern auf dem Spielplatz zur Verfügung stand, noch nicht besetzt war. Ariel schüttete eine Tüte mit Sandspielzeug aus. Dann setzte er sich und nahm aus seiner Tasche die Süddeutsche Zeitung. Auf Seite drei war ein Artikel über die Mauer, die Israel gebaut hatte. Ariel ärgerte sich, weil der Nahost-Korrespondent der SZ Israel für den Mauerbau mal wieder kritisierte.

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Auch Samir war mit seinem Sohn auf dem Weg zum Spielplatz. Samir war Deutscher, der seit langem in Berlin lebte. Und er war Araber, also Moslem. Genauer gesagt war er Palästinenser. Aber das interessierte in der Regel nur die anderen, ihn nicht. Wäre sein Name nicht gewesen, hätte ihn wohl auch niemand für einen Araber beziehungsweise Palästinenser gehalten. Um seinem Sohn Fragen nach Herkunft und Religion zu ersparen, hatte er ihm als eine Art Präventivmaßnahme den deutschesten Namen, der ihm eingefallen war, gegeben: Klaus! Das einzig Arabische beziehungsweise Palästinensische an Samir war wahrscheinlich, dass er Juden nicht mochte. Vor allem mochte er die Juden, die in Israel lebten, nicht. Denn sie machten seinen paar Verwandten, die noch in Palästina wohnten, ständig das Leben zur Hölle.

Samir war überrascht, dass die einzige Bank auf dem Spielplatz schon besetzt war. Ein Mann saß dort und las in der Süddeutschen. Samir musste lachen, weil er ebenfalls die Süddeutsche mitgenommen hatte. Er schüttete eine Tüte mit Sandspielzeug in die Nähe des schon spielenden Jungen, dann fragte er:
"Entschuldige, ist hier noch frei?"

Der Mann nickte und lachte, als Samir die Süddeutsche aus seiner Tasche holte.


***


Die Kinder saßen im Sand und spielten jedes allein für sich mit dem eigenen Sandspielzeug. Zwischen ihnen befand sich eine kleine Wüste aus Sand. Samir warf einen Blick auf die aufgeschlagene Süddeutsche, die auf der Bank lag. Da er in der Vergangenheit die Erfahrung gemacht hatte, dass die meisten SZ-Leser gern mit anderen SZ-Lesern diskutierten, sagte er:
"Ach, es geht mal wieder um die Mauer? Scheißding. Und sie haben es nur gebaut, um Land zu konfiszieren. Aber der Nahost-Korrespondent der SZ hat diesen Scheiß bestimmt wieder verteidigt!"

Klaus fragte Hans, was er eigentlich baue, und Hans sagte, eine Straße. Ob er mitbauen könne, fragte Klaus. Hans zögerte einen Augenblick. Dann nickte er.

Ariel konnte nicht glauben, was er soeben gehört hatte. Er sagte:
"Also… die Mauer schützt Israel. Es gelingt kaum mehr Selbstmordattentätern nach Israel zu kommen…"

Seltsamer Standpunkt für einen SZ-Leser, dachte Samir und sagte:
"So so, und alle Kontrollposten im Westjordanland, die sind wahrscheinlich auch zum Schutz. Aber weißt du… wissen Sie was, wegen dieser Scheißkontrollposten müssen die palästinensischen Kinder oft stundenlang zur Schule gehen, obwohl sie eigentlich nur zwanzig Minuten bräuchten. Das führt dazu, dass viele Kinder gar nicht in die Schule gehen, und was meinen Sie, was aus diesen Kindern mal wird? Übrigens haben viele Palästinenser wegen der Mauer ihre Jobs in Israel verloren."

"Aus Dankbarkeit dafür, dass sie in Israel Arbeit hatten, haben sie wahrscheinlich die Hamas gewählt. Wie soll sich Israel denn Ihrer Meinung nach schützen? Oder soll es sich gar nicht schützen?"

"Das ist doch klar, Israel soll sich einfach von heute auf morgen aus allen besetzten Gebieten zurückziehen, dann gäbe es morgen die Hamas nicht mehr und übermorgen gäbe es Frieden, und …"

Hans und Klaus hatten inzwischen eine Straße und ans eine Ende eine Sandburg gebaut. In den Burgturm steckten sie einen kleinen Ast, an dessen Ende sie ein Blatt befestigten. Sie lachten und begannen am anderen Ende der Straße mit dem Bau einer zweiten Sandburg.

"Wissen Sie eigentlich, dass Israel ständig angegriffen und bedroht worden ist? Und wissen Sie, dass Israel die Kriege, die geführt werden mussten, gewonnen hat? Was haben denn Russland und Polen nach dem Zweiten Weltkrieg gemacht? Oder anders gefragt, was hat denn Deutschland machen müssen? Richtig! Deutschland musste Gebiete abtreten, und mit Ausnahme einiger Rechtsradikaler oder Ewiggestriger hat in Deutschland niemand ein Problem damit!"

"Wissen Sie, Deutschland ist dennoch ein eigenständiger Staat geblieben. Und Deutschlands Angriffskriege und den Schaden, den diese Kriege vor allem in Polen und Russland angerichtet haben, mit den arabischen Angriffen zu vergleichen, das ist ja wohl lächerlich. Es gibt nur eine Lösung, Israel muss weg, und zwar vollständig, sonst wird es nie Frieden geben."

Ariel schaute Samir an. Dann stand er auf und rief:
"Hans, wir gehen!"

Doch Hans war nicht mehr dort, wo er noch wenige Minuten zuvor gewesen war. Auch Klaus war weg.

"Scheiße, wo sind denn die Kinder?", fragte Ariel.

"Keine Ahnung", antwortete Samir.

In diesem Moment kamen Klaus und Hans aus einem kleinen Waldstück, das an den Spielplatz grenzte, hervor. Sowohl Hans als auch Klaus hatten jeweils ein Dutzend Stöcke in der einen und ein Dutzend säuberlich aufeinandergelegter Blätter in der anderen Hand. Ohne ihre Väter zu beachten gingen sie zu ihrer Straße und begannen damit, die Stöcke in den Boden zu stecken und die Straße auf diese Art und Weise Stock für Stock in eine Allee zu verwandeln.

"Hans, wir gehen!", sagte Ariel.

"Komm Klaus, wir müssen nach Hause!", sagte Samir.

Beide Jungs drehten sich zu ihren Vätern. Wie aus einem Munde sagten sie in einem Tonfall, der keinen väterlichen Widerspruch duldete:
"Nein, das geht nicht!"

Dann sprachen beide durcheinander, und sie waren zorniger auf ihre Väter, als die Väter aufeinander waren:
"Wir bleiben hier! Wir müssen weiterbauen!"

"Ich darf Hans mal besuchen, Papa. Klaus hat mich eingeladen! Er will mir sein Playmobil zeigen."

"Und Hans will mir sein Lego zeigen, Papa!"

"Und dürfen wir mal eure Zeitungen haben?"

Ariel konnte sich nicht helfen, aber nun musste er lachen, und Samir lachte mit.

"Na klar!", sagten sie.

Die Jungs nahmen die Zeitungen, rollten sie zusammen und legten sie neben die Straße.

"So, jetzt gibt es hier auch einen Tunnel. Den kann man benutzen, wenn es regnet!", sagte Hans zu Klaus.

"Da können die Menschen, die auf deiner Burg leben, durchkriechen, wenn sie zu den Menschen auf meiner Burg wollen!", sagte Klaus zu Hans. Die Väter saßen nebeneinander und schauten ihren Söhnen zu. Der Sportteil der SZ, der sei hervorragend, sagte Samir irgendwann, und auch das Streiflicht lese er gern. Ariel stimmte ihm zu und sagte, dass er am liebsten das SZ-Magazin lese. Samir nickte und sagte, dass das SZ-Magazin freitags wie eine Belohnung sei, wenn er nach Hause komme und das Wochenende vor ihm liege.

Wer wen zuerst nach seinem Namen gefragt hatte, wer zuerst gesagt hatte, dass eine friedliche Lösung des Nahostkonflikts ohne Mauer und ohne Raketen eigentlich das Beste wäre und ob sie bei ihrem ersten oder erst bei ihrem zweiten Treffen festgestellt hatten, dass sie beide Lehrer waren, wussten sie später nicht mehr.

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