Ausflug : Was machen wir heute? Am Mist schnuppern

Wenn eine Berliner Familie auf dem Ökotrip ist, kann das schon mal die CO2-Werte in die Höhe treiben. Ein Vater berichtet.

Stephan Wiehler

Unsere Familie ist zurzeit voll auf dem Ökotrip. Es vergeht kaum ein Wochenende ohne einen Ausflug aufs Land. Wir wohnen zwar in Berlins grünstem Bezirk (in meinem Kreuzberger Wahllokal stimmten bei der Europawahl 59,1 Prozent für die Grünen), man könnte also sagen, bei uns ist die Welt noch in Ordnung – zumindest geordneter, als heuer die bayerischen Verhältnisse. Aber was uns fehlt, ist so ein g’scheiter Stallgeruch, diese erdverbundene, krachlederne, wettergegerbte Ländlichkeit. Die christlich-soziale Nähe zur Schöpfung.

Da muss man schon ein bisschen rausfahren, damit unsere Stadttöchter mal Mist an die Stiefel kriegen. Das versaut einem natürlich jedes Mal die Ökobilanz, weil man schnell 100 Kilometer mit dem Auto rumkurvt, um zum nächsten Biobauern zu kommen – denn auf Dauer wird die Familienfarm Lübars im Schatten der Wohnsilos des Märkischen Viertels doch langweilig. Da gilt es Schaden und Nutzen abzuwägen, es geht schließlich um die Bildung der Kinder. Berlin mag ortsweise noch so provinziell sein, aber dass die Milch im Kühlregal des Bioladens aus einer echten Kuh stammt, können unsere Mädchen nur im Ökodorf Brodowin in der Schorfheide hautnah erleben.

Am vergangenen Wochenende, als dutzende Brandenburger Bauern ihre Hoftore zur alljährlichen „Landpartie“ öffneten, waren wir beim Hoffest auf Gut Schmerwitz, einem Biobauernhof im Fläming. Es gab Ökobratwurst und Biobier, eine Kutschfahrt im Dorf, Emma durfte reiten und Klein-Greta erfreute sich im Stroh mit den Jungschweinen. Am Ende flochten sich die Kinder unter Anleitung der Hoffloristin einen Blumenkranz. Als ich die Mädchen mit ihrem Blütenschmuck im Haar fürs Foto zurechtstellte, stupste meine italienische Frau mich an und raunte mir zu: „Sie sehen aus wie die Kinder von Magda Goebbels, findest du nicht?“ Ganz schön gefährlich, das Landleben. Stephan Wiehler

4. und 5. Juli zeigt die Stiftung Naturschutz das Berliner Landleben beim „Langen Tag der Stadtnatur“. Infos unter www.langertagderstadtnatur.de

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