Britta Scholten : Leselaute

Britta Scholten

»Mrgn.« Mein Mann Christian schlurft in die Küche. Sein Bademantel steht offen, der Gürtel schleift auf dem Boden. Er lässt sich auf seinen Stuhl fallen und schaut teilnahmslos über den Frühstückstisch. Ich verstehe. Morgendliche Wiederbelebungsmaßnahmen der Stufe zwei sind einzuleiten. Wortlos gieße ich ihm einen Becher Kaffee ein und lege ihm all die Zeitungen hin, die am Wochenende unseren Briefkasten verstopfen.

Christian rührt sich kaum. Nur sein rechter Arm arbeitet, mit ihm sortiert er die Zeitungen nach einem System, das nur er selbst versteht. Prospekte auf einen Stapel, die beiden Anzeigenblätter daneben, die Wochenendbeilage und den Stellenmarkt auf die eine, den Berlin- und den Politikteil auf die andere Seite. Nach kurzer Zeit ist mein Mann hinter einem Papierwall verschwunden, den selbst die römischen Legionen nicht hätten überwinden können. Ich betrachte das Ensemble nachdenklich. Vermutlich kann ich frühestens in zwei Stunden auf das erste klare Wort hoffen.

 

Die Tür wird langsam geöffnet. Ein Kopf schiebt sich in die Küche. »Hallo-o! Schon jemand da?«

»Jemand ist schon da. Jemand hat auch schon Kaffee gekocht. Du kannst also reinkommen.« Ich schnappe mir die große geblümte Schale, die sonst als Suppenschüssel dient, und fülle sie bis einen Millimeter unter den Rand. Eine rosa Satinwolke trippelt in Samtpantoffeln herein und reißt mir die Schale aus der Hand. Noch im Stehen stürzt Tante Luisa den Kaffee herunter. Mit einer Geschwindigkeit, die sonst nur Männer entwickeln, wenn sie beim Junggesellenabschied den zwölften Tequila kippen.

»Ah, das tat gut.« Sie setzt sich hin, wobei sie sorgsam den Satin unter sich glatt streicht. »Kinder, was ist das schön, dass ich hier schlafen konnte. Nach der tollen Feier gemeinsam mit Euch zu frühstücken, das hat so was Gemütliches!«.

Christian greift hinter sich und erhöht seinen Schutzwall mit der Tageszeitung von gestern.

»Das sieht ja lecker aus.« Tante Luisa zieht sich Butterdose, Brötchenkorb, das Tablett mit der Marmelade sowie das Käsebrett heran und schmiert sich ein Brötchen. »Ich lass das mal alles bei mir stehen, Ihr seid ja sicher schon fertig, nicht wahr?« Dann blickt sie sich suchend um. »Die Zeitung? Ah, da.« Sie greift nach der Wochenendbeilage vom rechten Rand des Walls. Doch die Hand meines Mannes ist schneller.

»Das habe ich noch nicht gelesen«, knurrt er.

»Aber du bist doch gerade beim Sportteil!«, protestiert Tante Luisa und schiebt ihre Hand auf eine Ecke der Beilage. »Dann kann ich doch...«

»...warten.« Mit einem Ruck hat Christian die Beilage zurückerobert.

Ich hisse die weiße Serviette der Vermittler. »Christian ist etwas eigen mit seiner Zeitung.« Ein böser Blick trifft mich, dann legt mein Mann den Sportteil links neben sich ab. »Aber du kannst das hier haben.« Ich reiche Tante Luisa eins der Anzeigenblätter herüber und nehme mir selbst den Sportteil.

 

Das Frühstück beginnt gemütlich zu werden. Nur ab und zu unterbricht ein klappernder Löffel oder die stöhnende Thermoskanne das Schweigen, das von den raschelnden Zeitungsseiten begleitet wird. Wir arbeiten uns routiniert durch die Zeitungen, wie am Fließband. Gelesene Teile links ablegen, rechts nach einem neuem Stück greifen, zwischendurch ins Brötchen beißen, weiterlesen. Einmal in Schwung gekommen, ist es wie auf einem Karussell. Reihum, immer weiter. Schnell mal einen Schluck Kaffee trinken. Dann ein Griff nach rechts und das Zeitungskarussell dreht sich wieder. Ein ruhiger Sonntagmorgen im Kreis der Familie, wie man sich ihn nicht besser wünschen könnte. 

 

»Schau mal, der Bäcker um die Ecke bietet jetzt auch einen Mittagstisch an«, informiert uns Tante Luisa.

Wir lesen schweigend weiter. 

»Wusstet Ihr das schon? Die U3 fährt am nächsten Wochenende nicht in der Nacht.«

Auch diese Feststellung lassen wir wie eine kleine Regenwolke an uns vorbeiziehen und ziehen die Zeitungsschirme höher.

»Na, das ist doch günstig: Zwei Wochen Ostsee für 600 Euro!«.

Ich blicke über den Rand meiner Zeitung. »Tante Luisa, bitte.«

»Schon gut, schon gut.«

Entspannte Ruhe umhüllt uns wieder. Ich vertiefe mich in einen Wirtschaftsartikel und versuche die Einzelheiten des neuesten Konjunkturprogramms zu verstehen.

»Aber das ist wirklich günstig, sogar die Busreise ist mit drin!«

Christians Finger zerknittern die Politikseiten. »Tante Luisa! Ich lese selbst!«

»Ja, ja, ich bin ja schon still.« Sie faltet das Anzeigenblatt sorgfältig zusammen und legt es vor sich ab. Nach einem Schluck Kaffee greift sie über den Tisch nach der Wochenendbeilage, die inzwischen auf meiner rechten Seite liegt. »Das habe ich noch nicht gehabt, oder?«

Schweigend ziehe ich die Beilage zu mir und reiche ihr dafür von links den Berlinteil. Noch habe ich die Übersicht über die Stapel. Über das Konjunkturprogramm allerdings immer noch nicht.

»Ts! Der Senat hat dem neuen Entwurf für den Schlossplatz immer noch nicht zugestimmt.«

Ich murmele leise ein Mantra aus dem Yogaunterricht. Wir sind alle eins, alles fließt. Es hilft. Christian ist nicht so geübt. Das Klingen, mit dem sein Geduldsfaden reißt, schrillt durch den Raum. »Kann man hier nicht mal in Ruhe lesen!«, brüllt er und schmeißt den Politikteil auf den Tisch.

Tante Luisa hebt die Augenbrauen. »Doch natürlich, wenn du nicht so schreien würdest.«

Der verärgerte Blick, den Christian mir zuwirft, ist eindeutig. »Deine Familie!« Ich lasse meinen Atem wie eine Welle weiter fließen und wiederhole mein Mantra zum vierunddreißigsten Mal. 

»Das habe ich aber doch noch nicht gehabt, oder?« Tante Luisa greift zu den Seiten, die Christian auf den Tisch geworfen hat. Sie sieht ihn herausfordernd an. Meine Atemwelle überschlägt sich. Ich kann fast die Sprechblase sehen, die sich über meinem Mann bildet. »Schätze, diese Zeitung ist zu klein für uns beide, Fremde!«

Christian starrt Tante Luisa durchdringend an. Sie schwächelt. Ihr Blick schweift ab und fällt auf die Prospekte, die mein Mann auf den Stapel »nicht lesenswert« gelegt hat. Ihre Hand lässt den Politikteil kurz los und wandert in Richtung der Prospekte. Christian nutzt seine Chance. Er schubst den Prospekthaufen mit dem Ellenbogen vom Tisch und schnappt sich in dem Moment die Politikseiten, in dem Tante Luisa die fallenden Prospekte retten will. Siegesbewusst lehnt er sich auf dem Stuhl zurück und grinst die Verliererin an.

Tante Luisa ruft mich zur Hilfe: »Ulla, nun sag du doch auch mal was!«

»Nimm das hier«, keuche ich. »Das wolltest du doch vorhin schon haben.«

Sie betrachtet die Sonntagsbeilage so lange, dass ich ernsthaft befürchte zu ersticken. Endlich streckt sie ihre Hand aus und nimmt das Friedensangebot an. Ich atme wieder. 

Es kehrt Ruhe am Tisch ein. Das Karussell nimmt erneut Fahrt auf. Der Sonntag scheint gerettet.

»Sieh mal, im Baumarkt gibt es günstige Rasenmäher...«

Zwei empörte Stimmen rufen im Einklang:

»Ulla, ich lese selbst!«

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben