Dina Hörig : Ein Tagesspiegel

Dina Hörig

Der Intellektuelle



Der Intellektuelle schläft nicht. Er ruht nur.
Gleich nach dem Aufgehen der Sonne springt er hoch- von seiner Ruhestätte und macht sich auf den Weg zum naheliegensten Zeitungskiosk. Denn eine Zeitung, sagt er, braucht jeder Mensch! Und für ihn, den Intellektuellen, ist sie natürlich das Ein- und Alles, sein Kapital sozusagen- neben Büchern, das versteht sich von selbst.
In seinem Lieblingscafé angekommen, bestellt er sich schnell einen Milchkaffee, wobei seine Gedanken schon in weiteren Dimensionen umherzuschwirren scheinen. Die Schlagzeile, übergroß und fett gedruckt, lässt ihn nicht mehr los. Krieg.
Er denkt. Er denkt darüber nach, wer ihn erfunden hat, warum ihn zu rechtfertigen so unheimlich leicht erscheint, wieviele unschuldige Opfer wieder und wieder zu sterben bereit stehen, wieviel finanzielles Kapital dafür nur allzu bereitwillig zu fließen vermag und welch selbstheuchlericher Befehlshaber- ob Präsident, ob Minister, ob Major- selbst wohl freudestrahlend in sein eigenes Verderben zu rennen bereit. Da denkt und grübelt er noch auf dem Weg nach Hause- die Zeitung selbstvergessen auf dem Cafétisch zurücklassend.


Die Durchschnittliche

Die Durchschnittliche ist heute wählerisch. Ob nassen, ob trockenen Kuchen, fragt sie sich. Ein Pfannkuchen mit Füllung erscheint ihr da der richtige Kompromiss. Zufrieden mit ihrer Entscheidung setzt sie sich an einen der vielen Tische hier im Café und ist erstaunt. Entspricht es denn auch dem Durchschnitt, die aktuelle Tageszeitung am eigenen Platze vorzufinden?
Diese Frage unbeantwortet im Raume stehenlassend, schmökert sie nun aber auch schon in dem dicken Zeitungsbündel. Dabei sticht ihr ein kursiv gedrucktes Wort ins Auge. Wahlkampf.
Der Artikel erscheint ihr überdurchschnittlich gut und interessiert liest sie über Parteien, die große Gegensätze verkörpernd, doch ähnlicher erscheinen als sie selbst propagierend wahrnehmen wollen, über angehende Finanz- und Familienminister, und über zahlreiche Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Die Durchschnittliche faltete jedes Blatt wieder exakt zusammen und als sie dabei entdeckte, dass eine TV-Sendung in zehn Minuten beginnen würde, rannte sie los- die Zeitung dabei achtlos auf den Nachbarstuhl werfend.


Der Glücksjäger

Der Glücksjäger sprang sofort auf und schnappte sich das dahinflatternde Blatt vom Nachbarstuhl. Immer auf der Suche nach dem Glück machte er sich mit vollem Eifer an das Durchforsten der Zeitung. Geübt in seinem Handwerk löste er das enthaltene Sudoku und Gitterrätsel im Rekordtempo. Die Adresse für das Preisausschreiben notierte er ganz nebenbei in einem dicken, dunkelblauen Notizbuch.
Sogleich verglich er, die seinigen Lottozahlen für die gestrige Ziehung, mit denen der Zeitung. Fünf, eigenhändig umkringelte, identische Ziffern ließen nun selbst ihn vor Glück ganz taumelig werden!
Fest umklammerte er die Zeitung. Einen letzten Blick ließ er über sein Horoskop huschen. "Teile heute dein Glück. Sonst wirst du es büßen!" Kraftvoll stieß der Glücksjäger die Tür des Caféhauses auf und nur der verzerrte Schmerzensschrei des Obdachlosen, dem er soeben jenes Eichenholz in den Rücken gerammt hatte, ließ ihn stoppen.
Er erinnerte sich an den ersten Teil seines Horoskopes "Teile dein Glück." Und sagte: "Ich bin leider selbst ganz mittellos, aber hier, diese Zeitung schenke ich dir!"
Den Lottogewinn in der Tasche, setzte er sein Glück aufs Spiel. Schon wenige Minuten später verließ der Glücksjäger die Spielothek mit leeren Händen. Jetzt erinnerte er sich auch an den zweiten Teil des Horoskopes. "Sonst wirst du es büßen!". Voller Reue machte er sich auf den Heimweg.


Die Halbwüchsige

Die Halbwüchsige frohlockte. Soeben hatte sie doch dem Penner von der gegenüberliegenden Straßenecke die Zeitung geklaut. Das würde sie morgen gleich ihren Freunden erzählen!
Keck musterte sie das Titelblatt. Oje- aber es war ja gar nicht Die Zeitung! Verdrossen wollte sie schon den gesamten Packen zu Boden schmeißen, als ihr Blick an einem Foto haften blieb. Darunter stand in roten Buchstaben. Mode.
Ihre, dem Trend entsprechenden, bunt lackierten Fingernägel glitzterten im Licht, als sie zu lesen begann. Berichtet wurde hier über die zu dicken und die zu dünnen Models, die erste Bodylotion aus rein biologischem Anbau, sowie falsche und auch echte Wimpern.
Da der Halbwüchsigen dies jedoch alles schon allzu bekannt erschien, stopfte sie die Zeitung in einen Papierkorb. Nicht ohne allerdings vorher noch einmal die aktuellen Veranstaltungstipps und besten Kinofilme der Woche zu überfliegen.


Der Überlebenskünstler

Der Überlebenskünstler wühlte. Obenauf eine Zeitung, bestand der Restinhalt des Papierkorbes nur aus Unmengen von besudelten Taschentüchern, drei Bananenschalen sowie fünf pfandfreien Plastikflaschen. Er hatte schon bessere Tage erlebt, dachte der Überlebenskünstler wehmütig.
Unter einer kleinen Holzbrücke angekommen, die ihm heute als Obdach dienen sollte, war er erstaunt zu sehen, dass die Zeitung immer noch unter seinem rechten Arm klemmte. Seltsam, sie kam ihm auch vorhin schon so bekannt vor.
"Na, da hab´ ich heute auch mal ein Dach über dem Kopf", sagte er, und hielt sie im Mittelbund gefaltet über seinen Kopf.
Erbittert über die eigenen Worte, zückte er ein Streichholz. Wenigstens frieren wollte er heute nicht! Während die ersten Zeitungsblätter verbrannten und er sich wärmend die verbeulten Hände rieb, entdeckten seine müden Augen eine Reportage. Die Weltwirtschaftskrise.
Erschrocken zuckte der Überlebenskünstler zusammen.
Die Reportage beschäftigte sich mit dem aktuellen Börsenverlauf, Staatskrediten, möglichen Folgen wie Rezession und ein Anstieg der Arbeitslosigkeit sowie den daraus resultierenden Zukunftsängsten der Gesamtbevölkerung.
Nachdenklich starrte der Überlebenskünstler in das inzwischen recht ansehnliche Feuer. Allzu bekannt erschien ihm diese Thematik, so hatte sie doch vor Jahren schon sein gesamtes Leben zu beeinflussen vermocht!
Das letzte Blatt Zeitungspapier lag im Feuer.
Verrat übten lediglich der stetig ansteigende Berg voll Aschepartikel sowie die letzten Spuren der Druckerschwärze an den Händen des Überlebenskünstlers.

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