Eltern und Kinder in der Stadt : Wie familienfreundlich ist Berlin?

Naturräume zum Spielen, ausreichend Fahrstühle, mehr Sozialarbeiter an Schulen: Wir haben Berliner Eltern gefragt, was sie gerne ändern würden.

Eltern in Berlin wünschen sich mehr Spielgelegenheiten für die Kinder in der Stadt. Hier beim Weltkindertag am Potsdamer Platz.
Eltern in Berlin wünschen sich mehr Spielgelegenheiten für die Kinder in der Stadt. Hier beim Weltkindertag am Potsdamer Platz.Foto: Arno Burgi/ picture-alliance/ dpa

Uwe Kazenmaier, 52, Patchwork-Vater, vier Kinder (10, 10, 12, 12 Jahre)

„Mein Sohn wohnt bei seiner Mutter, ich lebe mit meiner Partnerin und deren drei Kindern zusammen. Wir arbeiten beide und ich habe oft den Eindruck, dass immer noch von einem unzeitgemäßen Familienmodell ausgegangen wird, in dem der Vater arbeitet und die Mutter zu Hause bleibt. Viele Schulthemen wie Hausaufgaben und Prüfungsvorbereitungen werden an die Eltern delegiert. Dazu kommt noch dieses unsägliche Kuchenbacken, Mitarbeit in Gremien, Festvorbereitungen etcetera. Eines Tages sagten wir der Lehrerin, dass wir die geforderte Zeit („ist doch nur eine halbe, dreiviertel Stunde am Tag“) grundsätzlich mal drei nehmen müssen (plus Logopädieübung, plus Sport plus, was weiß ich, neben der Berufstätigkeit).

Foto: Privat

Da fragte sie, warum wir keine Haushaltshilfe hätten. Ich wünsche mir ein Schulsystem, das Eltern ermöglicht, die gemeinsamen Stunden des Tages nicht mit Schularbeiten, Nachhilfe und langwierigen Vorbereitungen verbringen zu müssen. Ich wünsche mir Zeit für ein abendliches Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel. Wir sind oft mit vier Kindern unterwegs. Da gibt es viele ärgerliche Hürden. Beim BVG-Ticket am Wochenende kann ich etwa nur drei Kinder mitnehmen. Persönlich wichtig ist für mich noch das Trennungsthema. Es müsste selbstverständlicher werden, dass Trennungseltern mit Coaching und Beratung begleitet werden bei der Organisation des Kindesumgangs. Da bleiben zu viele Kinder auf der Strecke.

Johanna R., 37, Mutter von zwei Kindern (5 und 6 Jahre)

„Ich finde die Atmosphäre in Berlin nicht besonders kinderfreundlich im Vergleich zu anderen Ländern. Um das zu ändern, könnte man sich einige Ideen aus Finnland, wo ich aufgewachsen bin, zum Vorbild nehmen: Eltern mit Kinderwagen dürfen dort umsonst Bus fahren. Es gibt Spielplätze mit Tagesmüttern und Gratis-Mittagessen. Und es ist viel einfacher, einen Kitaplatz zu finden. Ich mache mir auch Gedanken um sozial schwächere Familien, weil in Berlin gerade alles teurer wird. Ein Schwimmbadbesuch kostet 15 Euro pro Familie, so werden viele Kinder von den schönen Dingen des Lebens ausgeschlossen. Was ich mir wünsche: Es müsste in der Innenstadt mehr Gärten und Naturräume für Kinder zum Erkunden geben. Und ich möchte nicht schief angeguckt werden, wenn ich mit meinen Kindern ins Restaurant oder – für mich als Finnin ganz wichtig – in die Sauna gehe. Kinder sind Teil der Gesellschaft. Das müssen die Berliner noch mehr verinnerlichen.“

Matthias Santelmann, 43, Vater von zwei Kindern (9 und 11 Jahre)

Matthias Santelmann, Vater von zwei Kindern
Matthias Santelmann, Vater von zwei KindernFoto: Frank Bachner

„Wir lieben Berlin und haben wenig daran auszusetzen. Uns stört aber, dass es  immer noch zu viele Hundebesitzer gibt, die ihr Tier nicht anleinen. Mit kleinen Kindern ist es sehr unangenehm, wenn im Park plötzlich ein Hund auf Kopfhöhe des Kindes angeschossen kommt, ohne dass sein Besitzer nah genug dran wäre, um das Tier zu kontrollieren. Wenn ich dazu etwas sage, habe ich schon die wenig witzige Antwort bekommen, ich habe mein Kind ja auch nicht angeleint. Das Ordnungsamt sollte präsenter sein, um den Leinenzwang durchzusetzen.“

Heike Dahm, 33, Mutter eines Sohnes (1 Jahr)

„Bisher bin ich zufrieden mit der Kinderfreundlichkeit dieser Stadt. Die Kita-Suche bei uns in Britz war unkompliziert. In unserer Wunsch-Kita war zwar zunächst von Wartezeiten bis zu zwei Jahren die Rede, da mein Mann und ich beide berufstätig sind, haben wir aber doch sofort einen Platz bekommen.

Heike Dahm, Mutter eines Sohnes
Heike Dahm, Mutter eines SohnesFoto: Privat

Vor der Eingewöhnung hatte ich mir gewünscht, dass es flexiblere Betreuungszeiten gibt, vor allem die Möglichkeit, Kinder auch noch nach 9 Uhr in die Kita zu bringen und dafür nachmittags länger als bis 17 Uhr dort zu lassen. Wir haben beide einen späten Arbeitsbeginn – und könnten unseren Sohn morgens noch zwei Stunden länger zu Hause betreuen. Jetzt sehe ich aber, dass auch diese Zeiten – mit guter Organisation – funktionieren. An die Verkehrsbetriebe hätte ich einen Wunsch: Fahrstühle oder zumindest Rolltreppen in allen Bahnhöfen wären toll. Und eine große Bitte an alle Berliner: Wenn ihr keinen Kinderwagen, keinen Rollstuhl, kein schweres Gepäck dabeihabt und auch nicht fußkrank seid, dann nehmt bitte die Treppe!“

Latifa Stuckstedde, 49, Mutter eines Sohnes (9 Jahre)
„Ich wünsche mir von der Politik mehr Lehrer und Sozialarbeiter für die Berliner Schulen. Mich stört nämlich die Gewalt an der Tempelhofer Grundschule meines Sohnes. Es kommt dort immer wieder zu Konflikten. Dass sich Jungs mal balgen, ist ja okay, aber dort geht es darüber hinaus. Lehrer und Sozialarbeiter machen ihre Arbeit so gut es geht, aber sie können nicht immer alle im Auge haben. Zusätzliche Augen würden helfen.“

Burhan Kesici, 42, Vater von drei Kindern (8, 14, 16 Jahre)

„Was mich besonders besorgt macht, ist, dass es in Neukölln, Mitte oder Kreuzberg inzwischen viele Familien gibt, die wegziehen müssen, weil sie sich die Mieten nicht mehr leisten können. Sie verlieren ihre Umgebung, ihren Freundeskreis. Familien brauchen bezahlbaren Wohnraum. Damit sie aus der Innenstadt nicht ganz verdrängt werden, sollte man über eine Rückkehr zum Sozialen Wohnungsbau nachdenken.

Burhan Kesici, Vater von drei Kindern.
Burhan Kesici, Vater von drei Kindern.Foto: privat

Viele Eltern wissen nicht, wie sie ihrem Kind helfen können, wenn es zum Beispiel lispelt oder verhaltensauffällig ist. Denn sie sind nicht vertraut mit Therapiemöglichkeiten, haben nie von Logopäden oder Ergotherapeuten gehört. Es würde schon helfen, wenn es in Kitas oder beim Kinderarzt Infoblätter auf Türkisch oder Arabisch gäbe. Manche Migranten haben auch Angst vor den Jugendämtern, denken, dass man ihnen dort vielleicht die Kinder wegnimmt. Deshalb suchen sie keine Hilfe, wenn sie mit ihren Kindern Schwierigkeiten haben. Auch hier ist Aufklärung wichtig.“

(Aufgezeichnet von Frank Bachner, Susanne Vieth-Entus, Saara von Alten)

Und was meinen Sie? Finden Sie, Berlin ist eine kinderfreundliche Stadt oder haben Sie Vorschläge, was besser werden könnte? Nutzen Sie die Kommentarfunktion und schildern Sie uns Ihre persönlichen Erfahrungen und Wünsche.

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