Erzähl mir was : Tsai-Tungs-Geschichten

Ob im alten China oder in der Badewanne: Beim Finale der Erzähler drehte sich alles um die Zeitung.

Kathrin Unterberg

DAS FINALE

im Museum Dahlem

Die schweren Türen schließen sich, unter den Besuchern kehrt gespannte Stille ein. Doch noch sind die gemütlichen Korbstühle auf der Bühne leer. Zeitungsdekoration raschelt leise im Hintergrund, als die ersten rhythmischen Töne erklingen – der Startschuss für das Finale des Erzählwettbewerbs. „Die Boddin-Beats“, neun Schüler der Hermann- Boddin- und der Albrecht- Schweitzer-Schule, trommeln unter der Anleitung von „Derya & SanaBana Band“ auf ihre Bongos und Cajones ein. Haben frühere Kulturen nicht mit Trommelklängen Nachrichten übermittelt? Ein passender Auftakt jedenfalls für den Höhepunkt des Wettbewerbs, in dem ein Nachrichtenmedium im Mittelpunkt steht: die Zeitung.

Zehn Autoren im Alter zwischen sieben und fast siebzig Jahren tragen vor rund 250 Besuchern ihre Geschichten vor. Ihre Texte wurden aus rund 400 Einsendungen ausgesucht und mussten zunächst die Halbfinaltage erfolgreich bestehen. Beim Finale treten nun sechs Schüler und vier Erwachsene im großen Vortragssaal der Museen Dahlem gemeinsam an. Entsprechend vielfältig sind die Themen: Es geht um erfolglose Reporterinnen und Männer, die bei der Lektüre in der Badewanne in unbekannte Zeitungswelten abtauchen. Oder um Comic-Helden, die aus Zeitungen springen und dann nicht mehr verschwinden wollen.

Irmgard Freyer lockt die Zuhörer mit ihrem Märchen ins Reich der Mitte. Dort dachte sich der kluge Prinz Tsai aus der Tung-Dynastie eine Methode aus, um die gute Nachricht vom Tod des grausamen Kaisers Ling im Land zu verbreiten. „Auch heute noch“, schließt die 68-Jährige mit einem Lächeln, „spricht man in ganz China von Tsai Tungs Boten, wenn am Morgen die jungen Burschen die Nachrichtenblätter vor die Türen der Häuser und Hütten legen.“

Wie hart so ein erster Tag im Leben eines „Tsai Tungs Boten“ sein kann, beschreibt der 14-jährige Mohamed Nehme von der Zuckmayer-Realschule in Neukölln. In „Mein erster Job“ erlebt Held Jimmy eine turbulente Zeit – seine Zeitungen landen auf dem Dach oder in Fressnäpfen, er wird von einem bösen Hund verfolgt, und am Ende gibt es noch Ärger mit dem Chef wegen seiner allzu amerikanischen Wurftechnik.

Der Applaus nach jedem Auftritt ist groß – einige Finalisten haben fast ihre ganze Klasse zur Unterstützung mitgebracht. Unter den jubelnden Schulkameraden sind auch viele junge Autoren: Am Erzählwettbewerb hatten sich 13 Klassen aus 11 Schulen beteiligt. Einige von ihnen werden mit Klassenpreisen belohnt (siehe Kasten).

Bei der Preisverleihung im Foyer wird es doppelt spannend: Neben der Bewertung durch die zehnköpfige Jury gibt es auch eine Publikumsentscheidung. Und beide sind sich erstaunlich einig: Bei den Erwachsenen gewinnt Kerstin Leipnitz mit ihrer absurden Alltagsgeschichte über leere Briefkästen und verschwörerische Zeitungen beide Preise mit großem Vorsprung (Geschichte siehe unten). Sie hatte bereits im letzten Jahr am Wettbewerb teilgenommen, aber nur das Halbfinale erreicht. „Da hat mich dann der Ehrgeiz gepackt“, so die 29-jährige Statistikerin.

Bei den Schülern schafft es die 10-jährige Zora Jochim mit ihrer auswendig vorgetragenen „Geschichtenjagd“ an die Spitze (siehe unten). Auch sie gewinnt Publikum und Jury gleichermaßen für sich. Zora trainiert ihre Schreibkünste regelmäßig: Ihre Eltern bekommen zu Weihnachten kleine Geschichten von ihr unter den Baum gelegt.

Den zweiten Platz im Jury-Entscheid belegt bei den Erwachsenen Thomas Lennert mit seiner Geschichte über eine folgenschwere Heiratsannonce. Paul Pascal Scheub (15) wird bei den Schülern Zweiter mit einer Erzählung über findige Reporter im alten Rom.

Regelmäßig animiert der Erzählwettbewerb auch Menschen zum Schreiben, die von ihrem Talent bislang noch gar nichts wussten. „Mein Sohn hat sich nie fürs Schreiben interessiert, doch seit er hier erst ins Halbfinale und dann ins Finale kam, hat ihn der Erfolg beflügelt. Jetzt schreibt er regelmäßig kleine Geschichten“, schwärmt Stefanie Wördehoff, Mutter von Finalist Sebastian (10).

Ein ungewöhnlicher Wettbewerbsbeitrag ist im Foyer des Museums zu bewundern: Grundschullehrerin Marina Kienitz bastelt in ihrer Freizeit aus Zeitungsbildern großformatige Collagen, die die Vielfalt der täglichen Meldungen widerspiegeln.

Für viele Schüler ist der Erzählwettbewerb mit dem Finale noch nicht vorbei: Mit Unterstützung der Senatsbildungsverwaltung soll demnächst ein Buch mit den besten Schülergeschichten erscheinen.

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