Erzählakademie : „Da gingen bei mir die Lichter auf“

Die Theaterpädagogin Kristin Wardetzky will das Erzählen als Kunstform und als Studienfach etablieren.

Dorothee Nolte

Wenn Kristin Wardetzky anfängt zu träumen, sieht sie ein Schloss vor sich – nein, eher einen Gutshof, eine Scheune. Jedenfalls ein Gebäude. Dieses Gebäude würde summen vor Geschichten, in diesem Haus würden Menschen ein und aus gehen, die mit ihren Stimmen, ihren Worten ganze Welten herbeizaubern können – und Menschen, die ins Zuhören verliebt sind. Wenn Kristin Wardetzky träumt, sieht sie eine Bildungsstätte vor sich, in der sich alles um die Kunst des Erzählens dreht, in der professionelle Geschichtenerzähler ausgebildet werden: eine Erzählakademie.

Träume treiben in vielen Märchen und Geschichten die Handlung voran – und oft müssen Held oder Heldin allerlei Prüfungen bestehen, bevor sich ihre Vision verwirklicht. Kristin Wardetzky, bis vor kurzem Professorin für Theaterpädagogik an der Universität der Künste (UdK), arbeitet seit rund 15 Jahren für ihr großes Ziel: das Erzählen in Deutschland als Kunstform und als Studienfach zu etablieren. „Das freie Erzählen – nicht Vorlesen! – von tradierten Geschichten, von Märchen und Sagen, birgt eine besondere Magie, die weder Bücher noch das Fernsehen bieten können“, sagt sie. Und wie immer, wenn sie von ihrer Leidenschaft spricht, scheint sie mit dem ganzen Körper zu leuchten.

Die überlieferten Geschichten, seien sie aus der Odyssee, aus Tausendundeiner Nacht oder aus indischen Märchensammlungen, wollen lebendig gemacht werden: durch einen Erzähler, der sie bei jedem Vortrag, für jedes Publikum neu erschafft. Das Erzählen schafft eine sehr unmittelbare Verbindung zu all den Schätzen früherer und fremder Kulturen, die ursprünglich mündlich überliefert wurden und die in schriftlicher Form nicht dieselbe Strahlkraft haben. „Wenn Sie Ovid lesen, werden Sie ermüden. Wenn Sie ihn hören, sind Sie begeistert!“

Ein guter Erzähler, sagt Kristin Wardetzky, hole Dinge in die Gegenwart, die Jahrhunderte von uns entfernt sind. „Und das ist so wichtig: nicht nur am Moment zu kleben, sondern einen großen Atem zu haben und mit der Vergangenheit in Verbindung zu bleiben.“

In ihrer Arbeit an der UdK, wo sie von 1993 bis Herbst 2007 tätig war, hat sie den Schwerpunkt aufs Erzählen gelegt: auf Märchentheorie, Oralität, griechische Mythologie, sie hat Studenten für das Erzählen begeistert und auf internationalen Erzählerfestivals Kontakte geknüpft. Im vergangenen Jahr holte sie den profilierten britischen Erzähler Ben Haggarty als Honorarprofessor an die UdK – damit die Studenten am Beispiel eines großen Meisters lernen können. Denn genau daran mangele es in Deutschland: Die Erzählerszene sei noch wenig professionalisiert. Um das zu ändern, hat die 65-Jährige, die im Herbst pensioniert wurde, den Verein „Erzählkunst“ gegründet (siehe Kasten unten) und bereitet ein internationales Erzählerfestival vor.

Erzählen ist eine Kunst, die Nutzen bringt – auch und gerade in der Bildung. Zusammen mit der Privat-Initiatorin Marie-Agnes von Stechow hat Kristin Wardetzky ein Projekt an der Weddinger Anna-Lindh-Grundschule ins Leben gerufen: Professionelle Erzählerinnen kamen, finanziert u. a. von der Deutschen Bank Stiftung, über zwei Jahre in die Grundschule und erzählten den Zweitklässlern mit Migrationshintergrund Märchen aus verschiedenen Kulturen.

„Das war eine Infusion mit den Vitaminen F und S“, sagt Wardetzky – F steht für Fantasie, S für Sprache. Die Wirkung dieser Infusion war deutlich zu spüren: Die Kinder hatten hinterher, im Vergleich zur Kontrollgruppe, einen größeren Wortschatz, auch ihre Konzentrationsfähigkeit, Fantasie und Erzählkompetenz waren gewachsen. Das Projekt hat einen Sonderpreis im Bundeswettbewerb „Kinder zum Olymp“ gewonnen und kann dank des Preisgelds und einer anonymen Spende in diesem Schuljahr weitergeführt werden. Um auch an anderen Schulen die Arbeit professioneller Erzählerinnen zu verankern, fehlt bislang das Geld.

Nebenbei ist Kristin Wardetzky Jurorin beim Tagesspiegel-Erzählwettbewerb (siehe Kasten rechts). Im Herbst hat sie ein Seminar für Lehrer gegeben, die sich mit ihren Klassen am Wettbewerb beteiligen möchten – und zeigte ihnen Methoden, wie man mit Bildern die Erzählfreude der Schüler anregen kann: etwa mit dem „Kamishibai“, das die traditionellen japanischen Erzähler verwendeten. Sie saßen mit einem kleinen Bilderkasten an den Straßenecken, schoben ein Bild nach dem anderen hinein und erzählten dazu ihre Geschichten. „Das macht auch Schülern großen Spaß.“

Kristin Wardetzky ist erst spät zu ihrem Lebensthema gekommen: Fast fünfzig war sie, als sie es entdeckte. Zuvor hatte die studierte Germanistin und Anglistin als Theaterpädagogin im Ostberliner „Theater der Freundschaft“, dem heutigen Theater an der Parkaue, gearbeitet.

Dann kam die Wende, und Kristin Wardetzky schrieb ihre Habilitationsarbeit über Märchen, die 1500 ostdeutsche Kinder selbst erfunden hatten. Während dieser Arbeit traf sie die Erzählerin Margarete Möckel aus Franken: „Die hat sich vor den Ofen gesetzt und mir die Grimm’sche Geschichte vom Trommler erzählt – da habe ich die Welt vergessen, da gingen bei mir die Lichter auf.“

Noch gibt es in Deutschland keinen Ort, an dem professionelle Erzähler ausgebildet werden – mit allem, was dazugehört: Schauspiel, Gesang, Bühnenpräsenz, aber auch weitreichende Kenntnisse der Mythologie und ein großes Repertoire an Geschichten aus aller Welt. Die UdK oder eine Akademie könnten zu einem solchen Ort werden, hofft Kristin Wardetzky, und zwar mit einem zweijährigen „Masterstudiengang Erzählen“ als Weiterbildung für Schauspieler, Sänger, aber auch für Lehrer und andere Interessierte. Der Ausgang dieser Geschichte ist noch offen – so wie das Schloss oder auch die Scheune der Erzähler vorerst Träume sind. Aber die Kraft der Träume, das sagen fast alle Geschichten dieser Welt, sollte man niemals unterschätzen.

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