Erzählkunst : Kunst des Abwandelns - Porträt eines Storytellers

Der britische Storyteller Ben Haggarty lehrt UdK-Studenten das Handwerk des Erzählens.

Dorothee Nolte

Ein Märchenonkel sieht anders aus. Elegant steht Ben Haggarty auf der Bühne, mit Krawatte, Anzugjacke und einem Lächeln in den Augenwinkeln. Es fehlt nur der Zylinder, und er könnte als Zauberkünstler durchgehen. Was er in gewisser Weise auch ist: Haggarty praktiziert eine Form der Zauberei, die mit den Worten „Once upon a time“ beginnt. Er erzählt Geschichten.

Geschichten von Königen, Prinzessinnen, Trollen und Trunkenbolden, bekannte und vergessene, jedenfalls: traditionelle, ursprünglich mündlich überlieferte Geschichten. Seine Kunst kommt ohne jeden technischen Aufwand aus und ist Jahrtausende alt. Und doch ist Ben Haggarty möglicherweise der erste Erzähler der Weltgeschichte, der professorale Würden erreicht: Die Universität der Künste hat dem 50-jährigen britischen Storyteller, der in England die beinahe vergessene Tradition des mündlichen Erzählens wiederbelebt hat, eine Honorarprofessur verliehen. In 23 Ländern ist er schon aufgetreten, hat Festivals und Erzählzentren gegründet, in Schulen und Museen gearbeitet, Erzähltraditionen in Indien und Zentralasien erforscht. Nun kommt er regelmäßig nach Berlin, um UdK-Studenten in die Kunst des Erzählens einzuweihen.

„Ich will diese Geschichten weitergeben, weil ich sie liebe“, sagt Haggarty. „In ihnen geht es ganz direkt um die existenziellen Fragen im Leben, um Gier, Neid, Vergebung, Liebe und Tod. Moderne Schriftsteller erzählen oft nur von ihren eigenen Neurosen. Die habe ich auch – aber ich behalte sie für mich.“ In seiner Bibliothek mit 3000 Bänden sammelt Haggarty Geschichten aus aller Welt, gut 200 von ihnen hat er im Kopf, 150 weitere kann er nach kurzer Vorbereitung erzählen, bis hin zum Stunden dauernden Gilgamesch-Epos.

Um sein Publikum zu fesseln, braucht Haggarty kein Bühnenbild, keine Requisiten, nur einen Klavierhocker. Und diese großen Hände, die für körperliche Arbeit gemacht scheinen und doch ganz zarte Linien in die Luft malen, wenn sie den Flug einer Taube beschreiben. Die Augenbrauen, die sich genau dann zu einem anzüglichen Dreieck verziehen, wenn der Dämonenkönig die böse Prinzessin auf seinen Schoß einlädt und „a little bit of this, a little bit of that“ einfordert. Die Stimme, die sich in die Höhe schwingt, wenn die Prinzessin dem Helden drei Aufgaben stellt und brummend in die Tiefe sinkt, wenn der weise alte Mann mit seinem leichtsinnigen jungen Gefährten schimpft. Gespür fürs Publikum braucht er auch: Ist es schon bereit für die dramatische Wendung? Oder muss sie noch ein bisschen hinausgezögert, muss erst beschrieben werden, wie sich der Himmel verfinstert?

„Crick“ rufen die traditionellen Erzähler auf Haiti, „Crack“ antwortet das Publikum. „Crick Crack Club“ nannte Haggarty den Club, den er 1988 in London gründete, um das Erzählen zu fördern. Schon der Name sagt: Beim Erzählen kommt es auf die Live-Situation an. Der Erzähler wandelt ab, schmückt hier ein bisschen aus, lässt dort etwas weg, flicht Elemente aus anderen Geschichten ein.

Auswendig lernen oder gar Vorlesen wäre unter Haggartys Würde: Er hat die Bilder im Kopf und formuliert die Geschichte immer wieder neu, je nach Anlass, Publikum und Tagesform. „Darin liegt die Kreativität beim mündlichen Erzählen“, sagt er. Der gelernte Theatermann, den die Bühne unbefriedigt ließ, hat viel von den wenigen noch lebenden traditionellen Erzählern gelernt: Eins seiner Vorbilder ist Duncan Williamson, ein Schotte, der ohne Schrift aufwuchs, aber unzählige Geschichten parat hat.

Allerdings stellt sich Haggarty auf das moderne Publikum ein: Wenn der Held an drei aufeinander folgenden Tagen eine kleine Hütte entdeckt, und in jeder Hütte lebt eine Hexe, und jede Hexe lädt ihn ein, sich auf den Stuhl zu setzen, auf dem man kleben bleibt – nein, das kann man nicht ausbuchstabieren, da zieht Haggarty das Tempo an, da überschlagen sich Hütten, Stühle und Hexen, und die Zuhörer freuen sich auf die nächste Runde, die noch rasanter werden wird. Da sind Comedy-Elemente, da ist Witz, da ist Ironie.

Und doch ist es Haggarty ganz ernst mit den traditionellen Geschichten. Nach den Ausschreitungen in Problemvierteln britischer Städte in den achtziger Jahren sind er und seine Kollegen in die Schulen gegangen und haben in den Klassenräumen erzählt, vor schwierigen Jugendlichen, die unzusammenhängend sprachen und den Kopf voller Fernsehbilder hatten. Geschichten von Prinzen und Hexen für Problemkinder? Das funktioniert, versichert Haggarty: Nach anfänglicher Irritation und Abwehr lernen die Jugendlichen zuzuhören, sich zu konzentrieren, Bilder in ihrem Kopf entstehen zu lassen, statt vorgefertigte Bilder zu konsumieren. „Die Phantasie ist wie ein Muskel, man muss sie trainieren“, sagt Haggarty. Die jungen Leute, sagt er, hören in den Märchen, Mythen und Legenden, die so fern von ihrem Alltag sind, ihre eigenen Geschichten. „Diese Erzählungen sind nicht niedlich“, sagt Haggarty. „Ich erzähle keine weichgespülten Disney-Märchen. Wenn bei mir ein Bettler auftaucht, dann stinkt er.“

Kristin Wardetzky, die Haggarty an die UdK geholt hat, hofft nun, das Erzählen auch in Deutschland populärer zu machen. Unter anderem plant sie einen Weiterbildungsstudiengang, in dem sich Lehrer, Schauspieler und andere Interessierte zu professionellen Erzählern ausbilden lassen können.

Ben Haggarty und seine Kollegen vom Crick Crack Club sind echte Profis: Neunmal im Jahr füllen sie das Londoner Barbican Theatre. „Wir haben ein wachsendes und sozial sehr gemischtes Publikum“, sagt Haggarty, ein Publikum, das auf der Suche sei nach „etwas, das ganz einfach ist, aber nicht dumm“, einer „milden Form der Hypnose, der Telepathie“. Etwas, das Fernsehen und Computer nicht bieten können: jene Zauberei, die mit „Once upon a time“ beginnt.

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