Erzählwettbewerb : Vierzehn Feste in zwei Stunden

Mit Ironie und Lottoschein: Beim Finale der Erzähler ging es um mehr als nur Worte. 14 Autoren haben ihre Stücke zum Thema "Feste" vorgetragen, lesen Sie hier einige Geschichten.

Daniela Martens

Die Klarinette jubelt. Die Kontrabass–Saiten hüpfen freudig auf und ab. Das Akkordeon lacht. Und dann wird die Riesentorte hereingetragen – Kuchenschlacht für alle. Hier, im Untergeschoss der Museen-Dahlem, wird ganz offensichtlich gefeiert an diesem sonnigen Frühlingssonntag. Und was? Viele Feste auf einmal: Taufe, Weihnachten, Advent, Halloween, Hochzeit, Muttertag, eine aufgelöste Verlobung, der französische Unabhängigkeitstag, Ostern, eine Beerdigung und gleich mehrere Geburtstage.

14 Autoren haben gerade ihre Geschichten vorgetragen zum Thema „Feste“, im Finale des Tagesspiegel-Erzählwettbewerbs 2008. Sieben Erwachsene und sieben Schüler – von 600 Teilnehmern – haben es bis in die Endrunde geschafft. Und rund 300 Gäste sind zum Erzählfest gekommen, um ebenso wie die Jury ihre beiden Lieblingserzähler zu küren, einen Erwachsenen und einen Schüler. Tatsächlich gibt es so jeweils zwei Sieger: Das Publikum vergibt ihn bei den Erwachsenen an Sarah Buck für ihre Geschichte über einen Jubilar, der seinen eigenen 90. Geburtstag sabotiert: Dr. Bock setzt sich nackt auf das Fensterbrett im ersten Stock und beschießt die Gäste im Garten mit seiner Steinschleuder – denn schließlich hatten seine Kinder sie gegen seinen Willen eingeladen. Die Autorin lässt, „Rrrrrrinng“, mit ihrer Stimme das Telefon klingeln und haut – quasi stellvertretend für Dr. Bock – mit der Faust aufs Rednerpult, um seinen Unwillen auszudrücken.

Auch Stephanie Bart, von der Jury auf den ersten Platz gewählt, zieht beim Erzählen besondere Register. Mit ihrer ungewöhnlichen Weihnachtsgeschichte – erzählt mit süß-scheinheiliger Stimme – führt sie die Zuhörer aufs Glatteis: Zuerst glaubt man, dass sie einfach harmlos darüber plaudert, wie wichtig ihr und ihrer Familie Weihnachten ist. Doch schnell wird die Ironie deutlich: Die beschriebene Familie besteht aus Egoisten mit einem Mäntelchen aus Political Correctness. Wenn die Kinder aus dem Waisenhaus, die sie jedes Jahr einladen, sich nicht nach Wunsch benehmen, werden sie eben mit einem Schlafmittel ruhiggestellt. Und die Gäste aus dem Asylbewerberheim müssen auch dann mit in den Gottesdienst, wenn sie jüdischen oder islamischen Glaubens sind.

Iknur Bozkurt vom Ernst Abbe Gymnasium, 15, verlässt sich für ihren Vortrag nicht nur auf ihre Stimme: Sie hat eine ganze Menge Requisiten dabei, um aus ihrer Geschichte über eine geplatzte Hochzeit in einer islamischen Familie fast ein kleines Theaterstück zu machen: einen Lottoschein, eine Fernbedienung und eine Kreditkarte.

Der neunjährige Jonas Kilian hat sich für seinen Auftritt besonders fein gemacht. Er trägt einen Pullover, auf dem eine Gans mit Hasenohren zu sehen ist. Seine Großmutter hat den Pullover eigens für den Anlass gestrickt – passend zu Jonas’ Geschichte über eine Gans, die den Osterhasen vertritt.

Nach dem Finale ist noch lange nicht Schluss: Teilnehmer, die nicht bis in die Endrunde gelangt sind, lesen im Museum zwischen Südseehäusern, afrikanischen Kunstwerken und Porträts nordamerikanischer Indianerhäuptlinge.

Die besten Geschichten aus dem Finale erscheinen ab morgen in unregelmäßiger Folge. Weitere Beiträge aus der Endrunde sind unter www.tagesspiegel.de/erzaehlwettbewerb nachzulesen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben