Felix Ehring : "Der Aufsteiger"

Felix Ehring überzeugt in "Der Aufsteiger" durch tiefschwarzen Humor und eine gute Portion Wortwitz. Der von ihm portraitierte Schwachsinn in der deutschen Fernsehlandschaft amüsiert nicht nur Medienmacher.

Eine neue Kochshow. Himmelswillen! Ich bin noch nicht lange in der Firma, habe aber schon genug von ihr. Die Leute grüßen sich nicht, wenn sie aneinander vorbeilaufen. Der Leiter meiner Abteilung ist ein furchtbarer Schnösel, der immer Lackschuhe und schwarze Hemden trägt. Und die beiden Frauen im Büro nebenan entlarven sich täglich neu als überforderte Zicken. In der Abteilung scheint es überhaupt nur einen angenehmen Typen zu geben: den gleichgültigen Oliver.

Parallel zu meinem Einstieg im Oktober beginnt ein neues Projekt. Unser oberster Chef, Inhaber der Firma und aus Funk und Fernsehen bekannt, will eine weitere Kochshow aus dem Boden stampfen. In der ersten Besprechung erläutert Lackschuh das Konzept. Es entsteht eine unangenehme Atmosphäre vorgespielter Kreativität. Die beiden Zicken zählen alle möglichen, wenig bekannten Prominenten auf, die mitwirken könnten. Oliver gibt zu bedenken, dass einige Kochshows Flops waren und bereits wieder eingestellt worden sind. Ob man wirklich noch eine Kochshow brauche. Unser Dompteur sieht ihn verständnislos an: „Oliver, du kannst doch nicht sagen, es könnte schief gehen.“ Oliver nickt mit zusammengekniffenen Lippen und schweigt. Als Letzter in der Runde soll ich etwas beisteuern. Auch ich sehe keinen Bedarf für eine weitere TV-Brutzelbude, aber diese Meinung ist offensichtlich nicht gefragt. Stattdessen schlage ich vor, „Normalos“, also Nicht-Prominente, mitkochen zu lassen, und dass diese aus allen Altersklassen und allen Ecken Deutschlands stammen sollten.

Meine Idee kommt an. Leider, denn einen Tag später bekomme ich den Auftrag, durch die Republik zu telefonieren und Kandidaten beiderlei Geschlechts zwischen 20 und 70 Jahren zu akquirieren. Ich rufe in Gegenden an, von denen ich bisher dachte, dass Deutschland sie nach 1945 abgeben musste. Ich spreche mit Senioren aus Oberbayern und verstehe kein Wort. Potentielle Kandidaten aus Berlin beleidigen mich aufs Gröbste. Eine junge Frau aus der Lausitz denkt, ich melde mich in besonders kreativer Weise auf ihre Kontaktanzeige. Dreimal muss ich ihr sagen, dass ich nichts von ihr will. Als sie das verstanden hat, ist sie beleidigt. Schlimm scheint auch die Lage in Hessen allgemein und insbesondere in Frankfurt zu sein. Ich werde mit Forderungen nach absurden Gagen konfrontiert, eine Frau möchte nur kommen, wenn wir ihr das Hotel für eine ganze Woche bezahlen. Sie mag doch die Stadt so, in der wir aufzeichnen. Ich muss es ihr abschlagen. Mehrere Angerufene halten das Format trotz meiner klaren Erläuterungen für eine Casting-Show. Sie haben Angst, dass sie von Dieter Bohlen oder anderen Juroren angeschrieen und gedemütigt werden könnten. Eine ältere Dame weint in den Hörer, dass ihr Mann gestorben sei und sie sich nun so einsam fühle. Eine halbe Stunde erzählt sie mir rührend vom Verstorbenen. Aber im TV kochen will sie nicht.

Nach neun Tagen am Telefon habe ich eine Auswahl von halbwegs geeigneten Kandidaten für die drei ersten Shows zusammen, die produziert werden sollen. Aber zu welchem Preis? Ich traue mich kaum noch, eine Nummer zu wählen. Klingelt das Telefon im Büro, warte ich, bis jemand anderes abnimmt. Nach acht Wochen im Job fühle ich mich schon ausgebrannt wie nach acht Jahren. Das Ganze wird nicht besser dadurch, dass mir Lackschuh ständig idiotische Aufgaben unterschiebt. Ich soll mögliche Menüs zusammenstellen und Sponsoren suchen, die ihre Küchengeräte in der Show platzieren möchten. Eine Woche vor Heiligabend setze ich mein Kündigungsschreiben auf. Ich will alles machen, aber nicht mehr das.

Am Schwarzen Brett der Abteilung hängt eine Einladung zur Weihnachtsfeier. Der oberste Chef lädt ein. Da er offensichtlich unheimlich viel Geld verdient hat in den letzten zwölf Monaten, bittet er seine Mitarbeiter zum Kurztrip auf eine Nordseeinsel. Dort soll es ein Vier-Gänge-Dinner geben. Hotelübernachtung inklusive. Rückflug am nächsten Vormittag, denn der oberste Chef hat für den Transport seiner Helfer und Helfershelfer ein Flugzeug gechartert. Ich entschließe mich, die Weihnachtsfeier noch mitzunehmen. Am Tag des Abflugs reiche ich meine Kündigung ein. Der Chef wird sie sehen, wenn wir von der Feier zurück sind. Mit dem Bus geht es zum Flughafen. Obwohl die Fahrt nur zwanzig Minuten dauert, wird Champagner aus Plastikbechern herumgereicht. Im Flugzeug teilen die Stewardessen kleine Fläschchen mit Fusel aus. Es wird geschluckt, als stünde der Untergang unmittelbar bevor. Bei der Landung ist ein Großteil der Belegschaft mindestens angetrunken. Im Restaurant gibt es einen Aperitif und Wein. Als ich nach der Vorspeise auf Toilette muss, merke ich, dass es mir schwer fällt, das Gleichgewicht zu halten. Ich verfehle das Pissoir, treffe aber meine Schuhe. Nach dem Dessert wird ein Teil des Saals freigeräumt, es soll getanzt werden. Ich will nur noch schlafen. Die Zicken aus meiner Abteilung drehen nun richtig auf. Sie stellen sich in die Mitte der Tanzfläche und werden sogleich von ein paar Böcken aus dem Controlling umgarnt. Oliver setzt sich zu mir und drückt mir ein Blatt in die Hand. Ich soll es kauen, es sei entspannend. Skeptisch beiße ich auf dem Blatt herum. Ich merke nichts. Nur dass meine Beine plötzlich sehr leicht werden und ich großen Durst habe. Nach Mitternacht brauche ich frische Luft und verlasse das Restaurant. Eine Salzbrise weht von der See herüber. Ich taumele auf den Holzsteg zu, der durch die Dünen zum Wasser führt. Hohl glotze ich auf das nachtschwarze Meer. Mondlicht scheint auf die Gischt. Wie schön war früher der Sommerurlaub mit den Eltern an der Nordsee, denke ich und bin ganz gerührt. Kurz darauf muss ich mich übergeben. Nach einigen Minuten dieser unangenehmen Abwehrreaktion beruhigt sich mein Körper wieder. Der Wind weht Musik und Stimmen vom Restaurant herüber. Ich starre auf das Meer, aber nach einer Weile wird mir kalt.

Als ich mich umdrehe, steht der oberste Chef direkt vor mir: „Wie sehen sie denn aus, ist ihnen nicht gut?“ „Danke, alles bestens“, lüge ich. „Sie sind doch Herr Weidenau aus der Konzeption, oder? Ich hab doch ihren Vertrag unterschrieben. Wir hatten noch gar keine Gelegenheit, uns kennen zu lernen. Sie können mich Günther nennen.“ Ich nicke nur. Das ist ja hervorragend. Wochenlang geht Günther, wie ich ihn nennen darf, grußlos an mir vorbei, und plötzlich ist er mein Duzfreund. „Sag mal“, sagt Günther, „wie sieht’s denn mit dem Konzept für die neue Show aus? Meinst du, die Sache kann ein Erfolg werden? Wir sollen 18 bis 20 Prozent der Leute zwischen 20 und 35 Jahren holen.“ Günther kann nur ein Interesse bezwecken mit seiner Frage: Er will mich aushorchen. Aber was habe ich zu verlieren? Wenn Günther das nächste Mal auf seinen Schreibtisch guckt, findet er dort meine Kündigung. Ich kann also ehrlich sein. „Ich glaube, die Show wird ein Reinfall“, sage ich. „Alle anderen Kochshows haben sinkende Quoten. Kein Mensch will mehr sehen, wie irgendwelche Idioten öffentlich Fleisch panieren und Gemüse schälen. Da kann man eher Leute zeigen, die sich beim Kampf gegen ihre Essstörung filmen lassen.“ Günther quetscht mit Daumen und Zeigefinger an seiner Unterlippe herum. Der sonst so telegene Moderator sieht reichlich bescheuert aus. Offensichtlich habe ich ihn nachdenklich gestimmt. Nach einer ganzen Weile, zwei oder drei Minuten, in denen Günther schweigt und verschiedene Bereiche seines Gesichts massiert, ruft er plötzlich: „Du hast recht! Bei der Heimwerker-Doku war es genauso. Wir sind zu spät dran. Ich werde das Projekt abblasen. Und weißt du was, wir machen das mit den Kranken. Wir machen eine Doku-Soap über Kranke, die wir begleiten. Mit viel Schmalz. Kannst du dir das vorstellen?“ Ich zucke mit den Schultern. Dieser Mann muss verrückt sein. „Weißt du was, Weidenau, wenn wir zurück sind, musst du mir hier und da mal ein paar Tipps geben. Die anderen trauen sich das eh nicht. Du musst mich sozusagen beraten.“ Dieser Mann ist verrückt. „Warum nicht“, sage ich hilflos, „aber dann musst du den Brief von mir wegschmeißen, der auf deinem Schreibtisch liegt, Günther.“

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