Gesa-Marie Pludra : Blutige Überschriften

Gesa-Marie Pludra

Das aufgeregte Paar saß in einem Behandlungszimmer des Franziskus-Krankenhauses.

"Was fehlt Ihnen denn?" fragte der Arzt, der in dieser Nacht Dienst hatte, die junge Frau.

"Ich wurde am Hals verletzt".

Der Arzt hob ihr Haar an und betrachtete die kleine Verletzung. "Nun, schlimm sieht es nicht aus". Er desinfizierte die Wunde und klebte ein Pflaster darüber.

"Ich weiß, dass es lächerlich ist, Sie wegen dieser kleinen Wunde mitten in der Nacht zu belästigen. Aber der Übergriff war irgendwie merkwürdig", sagte die Frau.

Der Arzt blickte auf. "Wieso merkwürdig?".

"Wir saßen im Kino. Kurz vor Ende des Filmes spürte ich plötzlich einen scharfen Schmerz an meinem Hals", berichtete die Frau. "Als meine Freundin schrie, dass sie jemand angreift, habe ich mich sofort umgedreht, konnte aber nur noch einen Schatten weghuschen sehen", fuhr der Mann fort.

"Und kurz bevor ich verletzt wurde, hörte ich so ein Murmeln", die Frau runzelte die Stirn, "irgendetwas über ein blutiges Familiendrama". Der Arzt sah überrascht auf, fragte dann aber: "Was für einen Film haben Sie sich denn angesehen?" "Einen Horrorfilm".

Der Arzt nickte. "Vielleicht haben Sie sich von den Ereignissen auf der Leinwand etwas zu sehr inspirieren lassen. Womöglich hat sie einfach jemand im Vorbeigehen mit dem Fingernagel gekratzt".

Das Pärchen sah sich unsicher an. "Nun, so könnte es natürlich gewesen sein. Obwohl, dieses Gemurmel…"

"Gehen Sie nach Hause. Die Wunde ist nicht weiter tragisch", beendete der Arzt kurzerhand das Gespräch. Das Paar verabschiedete sich und der Arzt schrieb kopfschüttelnd seinen Bericht.

Wenige Nächte später.

"Das Mysteriöse war der Übergriff an sich, Herr Doktor. Ich hörte ein Murmeln hinter mir: "Selbstmörder von S-Bahn zerquetscht, Gleise blutrot getränkt" und spürte dann so ein Zwicken im Nacken".

Der Arzt besah sich die Wunde und meinte, einen Zahnabdruck zu sehen; sicher war er sich aber nicht.

Zur selben Zeit in der Charité:

"Wenn ich es Ihnen doch sage. Ich habe nur einen davon gleitenden Schatten gesehen. Bevor er mich am Hals verletzte, flüsterte er "Blutige Ernte: Mann verliert Arm in Häckselmaschine". Kurz darauf war er weg". Der Arzt betupfte die Wunde und fragte sich, was er sich in dieser Nacht noch alles anhören musste.

2 Wochen später trafen sich ein paar Klinikärzte am Stammtisch.

Dr. Edenborn erzählte grinsend von einem Vorfall, der sich in der Nachtschicht zugetragen hatte.

"Ihr werdet es nicht glauben. Die Frau erzählt mir doch allen Ernstes, dass sie jemand beißen wollte. Sie spürte einen Mund und dann hätte die Person irgendwas von einem blutigen Unglück gemurmelt und wäre davon gerannt… oder geflogen".

Dr. Borkowski zog die Stirn in Falten und sagte: "Das ist seltsam. So etwas Ähnliches habe ich letzte Woche auch erlebt. Von beißen sagte der Mann zwar nichts, aber er betonte, dass der Angreifer "Massaker in Kenia" von sich gab und dann prompt verschwand, ohne den Mann wirklich zu verletzen". Nun meldeten sich auch die Kollegen am Stammtisch zu Wort.

"Mir berichtete ein Assistenzarzt ähnliches".

"Bei mir war es ein Zugunglück".

"Mein Patient erwähnte ein schmatzendes Geräusch".

"Gab es bei irgendjemand schlimmere Verletzung als einen kleinen Einstich, der z. B. von einem Zahn herrühren könnte?" fragte Dr. Edenborn. "Nein, nur eine winzige Wunde", erwiderte Dr. Kröger.

"Richtig, nicht mal Blut habe ich gesehen. Der Hals war leicht angekratzt".

Die Ärzte berieten sich und kamen überein, von diesen mysteriösen Angriffen im nächsten Ärzteblatt zu berichten.

Zwei Wochen später.

Sarah verließ das Sportstudio und ging zur Bushaltestelle. Ihr Kickboxtraining war erfolgreich verlaufen und sie fühlte sich topfit für den Kampf nächste Woche. Plötzlich spürte sie hinter sich eine Bewegung. Ein heiserer Laut in ihrem Nacken, eine Hand an ihrer Schulter und ein gemurmeltes "Blutiges Ehedrama: Frau tötet untreuen Ehemann mit 50 Messerstichen". Ihr Körper versteifte sich. Blitzschnell fuhr sie herum und brachte den Angreifer mit einem gekonnten Kick zu Fall. Dann stürzte sie sich auf ihn, presste ihn zu Boden und hielt ihn mit einem geschickten Nackengriff unten, während sie mit ihrem Handy die Polizei rief.

"Damit ich das richtig verstehe", Kommissar Prahl sah den blassen Mann spöttisch an, "Sie haben keinen Ausweis und wollen mir außerdem weismachen, dass Sie erst 3 Wochen leben?"

"Das ist richtig, wobei ich es nicht "leben" nennen würde". Der Mund des Mannes zuckte unaufhörlich. Die blassen Hände mit den etwas zu langen Fingernägeln verkrampften sich ineinander.

Kommissar Prahl ließ den Kugelschreiber sinken. "Ich kann Sie auch einfach in eine Zelle sperren, bis Sie sich entschieden haben, die Wahrheit zu sagen".

"Kann ich dort trinken?"

Irritiert schaute Prahl hoch. "Ja, natürlich. Wir lassen Sie nicht verdursten".

"Ist es eine dunkle Zelle? Es darf auf keinen Fall Tageslicht einfallen"

"Hören Sie! Sie scheinen uns mit einem Hotel zu verwechseln. Sie können keine Zimmerwünsche äußern".

Beide sahen sich schweigend in die Augen.

Der Kommissar blinzelte den Mann wütend an. "Haben Sie irgendwas eingeworfen? Ich denke, ein Drogentest wäre angebracht. Sie sehen aus wie eine Leiche".

"Ich habe heute noch nicht getrunken. Die Frau ließ mich nicht".

Der Mann lächelte mit blass roten Lippen, wobei seine langen Eckzähne sichtbar wurden.

Prahl wedelte mit dem Zeigefinger vor dem Gesicht des dünnen Mannes herum.

"Ha! Sie sind so'n Vampir-Typ. Ein Friedhofsschänder, der den Sinn für die Realität verloren hat. Wahrscheinlich spielen Sie auch Ballerspiele am Computer".

"Ja, ich bin ein Vampir. Aber was ist ein Computer?"

Kommissar Prahl raufte sich das Haar. Was war bloß los mit der Jugend von heute? Auf Friedhöfen rumhängen, Katzen opfern, die waren doch alle meschugge. Trotzdem beschloss er, sich auf das Spiel des Mannes einzulassen. Vielleicht würde er dann mehr erfahren.

"Na gut, Sie Vampir, erzählen Sie!"

"Wir Vampire sterben aus. Unsere Geburtenrate ist in den letzten Jahrhunderten stetig gesunken und besonders in Berlin ist die Vampirquote beängstigend gering. Offenbar ist die Unsterblichkeit für die meisten Menschen keine Alternative mehr. Da haben wir überlegt, wie man das ändern könnte. Nach langem Hin und Her wurde beschlossen, dass es das Einfachste wäre, Vampire zu basteln".

Prahl riss die Augen auf.

Der Vampir fuhr fort: "Wir haben dazu Zeitungspapier benutzt, weil es günstig zu bekommen ist. Zeitungen werden meist am nächsten Tag entsorgt und der Nachschub lässt niemals nach. Man weicht das Papier so lange ein, bis es eine pappige Masse ergibt und kann daraus hervorragende Bastelarbeiten machen. Das kennen Sie doch sicher aus Ihrer Schulzeit, nicht? Nun, so wurden also aus den ausgelesenen Zeitungen neue Vampire. Leider ergab sich ein kleines Problem. Jedes Mal, wenn einer der neuen Vampire seine Blutgier stillen wollte, sprudelten die blutigen Überschriften aus ihm heraus und er konnte nicht zubeißen. Na ja, ich denke, Sie wissen selbst, was das heißt".

Kommissar Prahl starrte den Vampir mit offenem Mund an. "Sie MEINEN, was Sie da sagen"?

"Natürlich".

"Sie wollen mir allen Ernstes weismachen, dass Sie ein Vampir sind? Hergestellt aus Zeitungspapier? Und das sie nicht der einzige dieser Sorte sind?"

"Ja"

Der Kommissar blickte in die Ecke, in der eine Videokamera alles aufzeichnete und tippte sich vielsagend an die Stirn. Dann erhob er sich und sagte: "Ich fürchte, das dauert länger. Es ist schon Tag und ich hol uns erst mal einen Kaffee".

Der Vampir blickte sich hektisch um. "Ist die Sonne schon aufgegangen?"

Kommissar Prahl ging zu dem einzigen Fenster im Raum. "Wieso benutzen Sie nicht einfach Toilettenpapier. Garantiert ohne blutige Schlagzeilen", witzelte Prahl und öffnete die blickdichte Jalousie. Ein früher Sonnenstrahl schoss ins Zimmer. Der Vampir schrie auf und als der Kommissar erschrocken herumfuhr, sah er nur noch eine große Stichflamme. Bevor er aus der Starre erwachte, war der Vampir verbrannt. Durch die Luft segelte ein Zeitungsschnipsel "Frau durch Garagentor enthauptet".

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