Grundkurs Erzählen, Teil 1 : Das Flüstern der Perücke

Wie finde ich die richtige Geschichte? Es kann genau die sein, die am schwersten fällt. - Ein Grundkurs Erzählen, erschienen zum Erzählwettbewerb 2003.

Dorothee Nolte

Manch eine Geschichte liegt ganz hinten im Schrank. Versteckt hinter Büchern, vergraben unter alten Socken, da liegt sie, in Form eines Fotos, eines Armbands, einer zerzausten Faschingsperücke. Das Foto, nach Jahren wieder in die Hand genommen, erzählt von den drei Brüdern, die da so einträchtig nebeneinander sitzen und einander doch so lange gehasst haben. Von dem Klassenkameraden, der seine Mutter bei einem Flugzeugabsturz verlor, oder von der Frau, die man so gerne gewesen wäre. Die Perücke flüstert von dem Ball, bei dem der Angebetete mit einer anderen verschwand. Überall liegen Geschichten herum, wenn man danach sucht.

Die Frage ist nur: Welche der vielen Geschichten, die man selbst erlebt hat, von anderen gehört hat oder erfinden könnte, wählt man aus? Welche schreibt, nimmt man auf, um sie womöglich zum Tagesspiegel-Erzählwettbewerb einzuschicken? Welche eignet sich, um sie eventuell beim Erzählfest am 21. September im Ethnologischen Museum vorzutragen? Eins ist klar: Die Geschichte muss zu einem unserer Themen passen – „Erwischt!“, „Entdeckt“ oder „Gerettet“. Und sie darf eine bestimmte Länge nicht überschreiten (siehe Kasten). Sie soll lebendig vorgetragen sein und so interessant, dass Jury und Publikum gerne bis zum Ende zuhören. Na schön. Aber welche nehme ich denn nun?

Im Medienbüro Katrin Rohnstock, einem unserer Partner beim Wettbewerb, kennt man diese Qualen der Geschichtenauswahl gut. Schließlich befassen sich Katrin Rohnstock und ihre Mitarbeiter normalerweise damit, aus den Lebenserinnerungen von Menschen „Bücher des Lebens“ zu machen, sie schreiben also auf, was andere erzählen. Und da muss manch ein Erzähler, der vom Hölzchen aufs Stöckchen kommt, schon mal sanft darauf hingewiesen werden, dass „in der Begrenzung der Meister liegt“, wie Katrin Rohnstock, Goethe zitierend, sagt. Das heißt, am Anfang steht die Auswahl.

Zunächst einmal sollte die Geschichte nicht nur für die Bekannten des Erzählers interessant sein, meint Bert Thinius, der die Erzählakademie des Medienbüros Katrin Rohnstock leitet. Sie muss irgendeine Relevanz haben, die auch beim fremden Zuhörer „neue Gedanken auslöst oder eine Verunsicherung alter Gedanken bewirkt“.

Am sichersten entsteht beim Zuhörer Interesse, wenn er die in unserer Kultur üblichen Erzählschemata wiederfindet, das heißt: Die Geschichte handelt von einem Konflikt, die Hauptfigur muss sich gegen Hindernisse, einen Gegner, gesellschaftliche Zwänge oder Ähnliches durchsetzen, und die Spannung steigert sich bis zum Höhepunkt, in dem der Konflikt gelöst oder das Scheitern deutlich wird. Bert Thinius will diese handwerklichen Mittel aber nicht überbewerten: „Auch eine perfekt gebaute Geschichte kann sehr langweilig sein, wenn sie nur ein Abklatsch einer bekannten Geschichte ist.“

Daher wünscht er sich Originalität und Authentizität. Und er hat oft festgestellt: „Oft sind diejenigen Geschichten die besten, die dem Erzähler anfangs schwer fallen.“ In Erzählrunden begännen die Teilnehmer gern mit vergleichsweise banalen Erlebnissen. „Aber sie erreichen ihre Zuhörer viel intensiver, wenn sie sich nach einer Weile doch trauen, die für sie wichtigen, eventuell auch schmerzhaften Geschichten zu erzählen.“ Manch einer versteckt sich lieber hinter einem Pseudonym, einer Fiktion oder der dritten Person – schon aus Sorge, jemand könnte sich wiedererkennen und beleidigt sein.

„Wer eine Geschichte erzählt, gibt etwas von sich preis und macht sich verletzlich“, sagt Aloisia Zöller. Die Schauspielerin hat beim Erzählwettbewerb 2002 im Museum ihre Geschichte von der Ankunft einer Tirolerin in Berlin vorgetragen. Neugierig geworden, hat sie auch an der „Reise durch das Leben“ teilgenommen, die das Katrin Rohnstock Medienbüro anbietet – ein mehrtägiger Aufenthalt am Glubigsee in Brandenburg, bei dem die Teilnehmer unter Anleitung von Dozenten eine Geschichte aus ihrem Leben suchen, erzählen und aufschreiben. „Eine tolle Erfahrung“, schwärmt sie.

Übrigens: Unter den Preisen für die Gewinner des Erzählwettbewerbs ist – neben einem eßkultur-Fest im Beduinenzelt, einer elektronischen Tafel SMART Board, Hörbüchern, Seminaren und Schnupperpraktika für Schüler und anderem mehr – auch eine „Reise durch das Leben“. Ein Gewinner kann drei Tage im Arminius Hotel am Glubigsee verbringen, erinnernd, erzählend, schreibend. Bevor es losgeht, empfiehlt Katrin Rohnstock einen Gang zum Schrank – dorthin, wo die Geschichten liegen.

Mehr im Internet unter:

www.tagesspiegel.de/erzaehlwettbewerb (Tel. 26009-361) www.katrin-rohnstock. de (Tel. 42 85 22 85). Als Nächstes: Wie man eine Geschichte spannend macht

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