Grundkurs Erzählen, Teil 2 : Pack mich!

Was eine Geschichte spannend macht. Ein Berliner Krimi-Autor gibt Tipps. - Zweiter Teil des Grundkurses Erzählen, erschienen zum Erzählwettbewerb 2003.

Dorothee Nolte

"Joe springt aus dem Bett, zieht sich an, packt einen Imbiss ein und steigt in sein Auto. Er fährt einige Straßen weiter zur Wohnung seiner Freundin und holt sie ab. Sie heißt Sally. Sie fahren an den Strand und liegen den ganzen Tag im warmen Sand. Auf dem Heimweg halten sie an und kaufen sich ein Eis. Abends . . ."

Puuh! Langweilig! Aufhören mit Joe und Sally! Okay, okay. Noch ein Versuch: "Als Joe an jenem Morgen zu Sally fuhr, merkte er, dass ihm ein verbeulter Pickup folgte. Weshalb sollte ihn jemand verfolgen? Das musste er sich einbilden, sagte er sich. Vorsichtig . . ."

Und? Wie geht's weiter?

Das Beispiel von Joe und Sally stammt aus der amerikanischen Schreib-Anleitung "Wie man einen verdammt guten Roman schreibt" von James N. Frey (auf deutsch im Emons Verlag). Der Autor, der creative writing in Berkeley unterrichtet, benutzt den armen Joe und seine Freundin, um zwei Dinge zu zeigen: Was ist eine Geschichte? Und: was ist Spannung? Eine Geschichte ist für ihn "eine Schilderung von folgenschweren Ereignissen, an denen bemerkenswerte menschliche Figuren beteiligt sind, die sich infolge dieser Ereignisse verändern". Wenn Joe und Sally einen Tag am Strand verbringen, ist das weder folgenschwer noch bemerkenswert. Darum interessiert sich auch kein Mensch dafür.

Wenn aber ein Problem auftaucht - der mysteriöse Pickup etwa - , das die Figuren zum Handeln zwingt, interessiert sich der Leser oder Zuhörer automatisch für den Fortgang der Geschichte. "In einer spannenden Geschichte", schreibt Frey, "müssen die Figuren kämpfen, nicht nur etwas passiv erleiden." Es muss also ein Hindernis da sein, mit dem sich die Figuren auseinander setzen - denn erst dadurch entsteht ein Konflikt. Und "Konflikt! Konflikt! Konflikt" - das sind für Frey die "drei wichtigsten Regeln für eine spannende Geschichte. Wenn Figuren unterschiedliche Ziele haben und entschlossen sind, diese zu erreichen, entsteht Konflikt." Klassische Konflikttypen sind: Mensch gegen Mensch; Mensch gegen Natur; Mensch gegen Gesellschaft; Mensch gegen sich selbst oder Mensch gegen Schicksal.

Was bedeutet das alles für den Tagesspiegel-Erzählwettbewerb? In den amerikanischen creative-writing-Kursen werden Schriftsteller ausgebildet, die fiktionale Geschichten erzählen. Der Wettbewerb, den der Tagesspiegel zusammen mit mehreren Partnern veranstaltet (siehe Kasten), richtet sich dagegen an alle Leser, an alle Altersgruppen, und die Geschichten dürfen sowohl erfunden als auch selbst erlebt sein - oder eine Mischung von beidem. Bei uns haben also auch Geschichten eine Chance, die nicht nach den klassischen Regeln der Schreibkunst gebaut sind, aber die Jury durch ihre Originalität, ihre zeithistorische Bedeutung, ihre Authentizität, ihren Charme oder einfach durch die packende Vortragsweise des Erzählers beeindrucken. Trotzdem lohnt ein Blick in die Trickkiste der Schriftsteller. Denn sie wissen am besten, wie man Spannung - und das bedeutet laut Lexikon die "Erregung von Neugier und Mitgefühl" - erzeugt.

"Spannung hat etwas mit der Verteilung der Informationen zu tun", sagt der Berliner Krimi-Schriftsteller Carlo de Luxe, der unter anderem in der Katrin Rohnstock Erzählakademie Schreibseminare gibt. Die Kunst besteht darin, bestimmte Informationen schon zu Beginn zu geben - "wir hassen Geschichten, bei denen wir nicht wissen, wo bin ich, wo spielt das" -, also einige W-Fragen zu beantworten: Wer, was, wann, wo, wie. Dabei sind aber zwei Fallen zu vermeiden: Erstens darf der Leser oder Hörer nicht mit überflüssigen Informationen gelangweilt werden. De Luxe: "Gerade bei atmosphärischen Schilderungen können wir uns auf die Einbildungskraft der Leser verlassen und brauchen nicht jedes Detail zu nennen. Wenn man gesagt hat, dass es schneit, braucht man nicht mehr zu sagen, dass Winter ist."

Zweitens dürfen bestimmte Informationen nicht zu früh gegeben werden: Wer den Höhepunkt der Geschichte vorwegnimmt - "Marianne lag sechs Wochen im Krankenhaus und wurde dann erst gesund. Wir hatten solche Angst um sie . . ." - , muss damit rechnen, dass die Zuhörer abschweifen.

Ein typischer Spannungsbogen (siehe oben) sieht demnach so aus: Der Anfang einer Geschichte weckt die Aufmerksamkeit, zum Beispiel durch ungewöhnliche Formulierungen. Die W-Fragen werden möglichst elegant und unaufdringlich geklärt; schon bald kommt ein "erzählerischer Haken", an dem wir hängenbleiben und nun wissen wollen, wie es weitergeht. Es folgt eine Vertiefung, Zuspitzung des Konflikts, die, möglicherweise mit Wendepunkten und Überraschungen, auf einen Höhepunkt zusteuert - de Luxe: "Eine Geschichte ohne Höhepunkt ist keine - und der liegt dort, wo der Konflikt definitiv entschieden wird. So oder so." Oft recht schnell nach dem Höhepunkt kommt dann der Schluss. "Schluss ist, wenn nach der Konfliktentscheidung die Konsequenzen daraus klar sind", sagt Carlo de Luxe. "Alles was danach kommt, ist eine neue Geschichte."

Das Handwerk des Schreibens sieht de Luxe als "Unterstützung eines kreativen Prozesses". Das heißt: Nur mit Handwerk kommt man auch nicht weiter. "Man muss auch etwas zu sagen haben, etwas erzählen wollen", betont der Krimi-Autor, der nicht nur die Abgründe der Berliner Szene ausleuchtet, sondern seine Helden auch in der New Economy oder bei Brüsseler Eurokraten findet. Und erzählen, das heißt für ihn: verführen wollen. "Wenn Sie erzählen, wollen Sie nicht belehren oder informieren, sondern Sie wollen Aufmerksamkeit, Zuwendung. Das hat etwas Erotisches." Jawoll, Joe und Sally! Händchenhalten am Strand reicht da nicht aus.

Bereits erschienen: Wie man die richtige Geschichte findet. Als Nächstes: Nun los - den richtigen Anfang finden.

Carlo de Luxe hat drei Kriminalromane mit dem Kommissar Richard Knudsen im Verlag rosa Winkel veröffentlicht: "Latex letal" (1997, 10 Euro), "Tödliches Tarot" (1998, 11,50 Euro) und "Mord in Mitte" (2000, 12,50 Euro). Zusammen mit Dagmar Fedderke und Sonja Rudorf schrieb er "Affaire provocante. Erotische Krimis mit Schuss" (Europa Verlag Hamburg 2003, 8,90 Euro).

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