Grundkurs Erzählen, Teil 3 : Warten auf Lolita

Nun aber los – wie man den richtigen Anfang für eine Geschichte findet. - Dritter Teil des Grundkurses Erzählen, erschienen zum Erzählwettbewerb 2003.

Dorothee Nolte

„Harry Potter war ein in vielerlei Hinsicht ungewöhnlicher Junge.“ (Joanne K. Rowling) „Mein erster und einziger Besuch bei einem Therapeuten kostete mich das rote Korallenarmband und meinen Geliebten.“ (Judith Hermann) „Es war unvermeidbar: Der Geruch von bitteren Mandeln ließ ihn stets an das Schicksal verhinderter Liebe denken.“ (Gabriel García Márquez) Was haben diese Sätze gemeinsam? Sie sind allesamt die ersten. Sie ziehen den Leser in den Text hinein. Und: Sie wurden vielleicht zuletzt geschrieben.

Manch einem Autor fällt es leicht, packende erste Sätze zu schreiben, der erste Satz gibt ihnen den Schwung für alles Kommende. Andere verfassen erst den ganzen Text und machen sich dann noch einmal an den Anfang, mit besonderer Sorgfalt. Wieder andere bleiben schon bei den ersten Sätzen hängen und kämpfen mit Schreibhemmungen. Aber allen ist klar – auf den Anfang kommt es an. Für mündliche Erzähler gilt dasselbe. Wer gleich zu Beginn in aller Ausführlichkeit die Umstände der Geschichte ausbreitet, bevor er zur Handlung kommt, läuft Gefahr, die Hörer zu langweilen. Wer dagegen nicht über Ort, Zeit, Figuren aufklärt und gleich in die Handlung reinplatzt, lässt sie möglicherweise unbefriedigt.

Nehmen wir an, Sie wollen eine Geschichte erzählen über die Bemühungen Ihres Mannes, sich selbstständig zu machen, nachdem er gefeuert wurde. Wo setzen Sie ein? Für James N. Frey, amerikanischer Romanautor und Verfasser mehrerer Ratgeber für creative-writing-Studenten („Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“, auf deutsch erschienen im Emons Verlag) ist klar: Der Anfang dieser Geschichte ist die Kündigung, denn erst sie macht die Selbstständigkeit notwendig und treibt die Handlung voran. Dennoch rät er davon ab, mit der Kündigungsszene selbst einzusetzen, denn der Leser oder Hörer kennt die Hauptfigur noch nicht, hat noch keine Sympathie für sie entwickelt und kann daher nicht einschätzen, wie schlimm die Kündigung ist.

Freys Empfehlung lautet daher: „Fangen Sie mit Ihrer Geschichte vor dem eigentlichen Anfang an.“ Zum Beispiel: Mit dem Gang des Mannes zur Arbeit, wo er dann zum Gespräch ins Büro des Chefs gebeten wird. Auf diese Weise lernen wir die Hauptfigur und seine Lebenslage kennen und beginnen, uns für ihr Schicksal zu interessieren. Frey vergleicht diese Schilderung der Ausgangssituation mit der Ouvertüre einer Oper: „Die Ausgangssituation zeigt dem Leser die Welt so, wie sie ist, bevor sich die Ereignisse entwickeln, die zum zentralen Konflikt führen. Sie ist wie Suppe und Salat vor dem Hauptgericht.“ Und er führt als Kronzeugen unter anderem Gustave Flaubert an, der „Madame Bovary“ eröffnet, als Charles noch mit seiner ersten Frau verheiratet ist, lange bevor wir Emma kennen lernen. Oder Nabokov, der uns erst Humbert Humberts Biographie gibt, lange bevor er uns Lolita vorführt.

Was für große Romane der Weltliteratur gilt, das lässt sich – in verknappter Form – auch auf Geschichten übertragen, die zum Tagesspiegel-Erzählwettbewerb eingereicht werden können. Für jeden, der eine Geschichte zu den Themen „Erwischt“!, „Entdeckt“ oder „Gerettet“ erzählen möchte, stellt sich ja die Frage, wo der „eigentliche Anfang“ der Entlarvung, Entdeckung oder Rettung liegt – und ob man nun kurz vor diesem Anfang einsetzt, wie Frey rät, oder nicht. Die Jury wird übrigens nicht danach entscheiden, ob jemand besonders virtuos die handwerklichen Tipps von Schreiblehrern befolgt oder nicht; aber vielleicht können sie dazu dienen, eine gute, originelle, rührende, witzige oder zeithistorisch bedeutsame Geschichte noch besser zu machen.

Bert Thinius, Leiter der Erzählakademie des Katrin Rohstock Medienbüros, fasst den Begriff „Anfang“ etwas weiter. „Am Anfang ist das Bedürfnis, sich mitzuteilen, gefolgt von der Frage: Wem will und kann ich das erzählen? Meinem Tagebuch? Der besten Freundin? Der Familie? Allen Tagesspiegel-Lesern oder der ganzen Welt? Wenn das geklärt ist, könnte es eigentlich fließen, die Geschichte wie von selbst ihren Lauf nehmen.“ Wenn man dem spontanen Erzählfluss allerdings keinen freien Lauf lassen kann oder will, weil man eine bestimmte Wirkungsabsicht verfolgt oder konkrete Botschaften senden möchte, dann rät Thinius, analytischer vorzugehen und die Geschichte zuerst im Kopf oder auf dem Papier zu bauen – und das heißt: bewusst Anfang, Spannungsbogen und Ende zu konstruieren. „Das geht nicht ohne Anstrengung, doch es gibt Methoden, den Fluss der Gedanken und Bilder anzuregen“, sagt Thinius. „Wenn es trotz aller Mühen und Tricks nicht fließen will, liegt es vielleicht daran, dass man eigentlich eine andere Geschichte erzählen will.“

Bisher erschienen: Wie man die richtige Geschichte findet (28. Mai); Was eine Geschichte spannend macht (4. Juni). Als Nächstes: Wenn es hakt: Was den Schreib- und Erzählfluss fördert.

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