Halbfinale 2007/08 : Feste vorgetragen

Vergessene Muttertage, dekadente Betriebsfeiern oder aus dem Ruder laufende Kindergeburtstage - 30 Autoren kamen mit ihren Geschichten zum Halbfinale des Tagesspiegel-Erzählwettbewerbs. Lesen Sie hier einige Geschichten aus dem Halbfinale - die Geschichten der Finalisten sind am 27. April in den Museen Dahlem zu hören.

Sandra Thiele

„Der Körper funkt SOS, es herrscht Anarchie, Atemstillstand, Augenflimmern, Lähmung aller Gliedmaßen bei gleichzeitigem Herzrasen“: Die allererste Party im Leben kann Turbulenzen hervorrufen. Zumindest bei einer spät pubertierenden, bebrillten Partydebütantin, die ihren Schwarm, den zwei Jahre älteren schönen Paul, erblickt. Finster entschlossen fordert sie ihn zum Tanz auf – mit niederschmetterndem Ergebnis.

Die Berliner Lehrerin und Schauspielerin Beate Pfeiffer war mit ihrer Geschichte „Brittas Party“ eine von 30 erwachsenen Halbfinalisten des Tagesspiegel-Erzählwettbewerbs zum Thema „Feste“. Die Teilnehmer hatten keine Mühen gescheut und waren trotz Berliner Streikchaos aus allen Teilen Deutschlands in die Museen Dahlem gekommen, um am Sonntag dort um die Wette zu erzählen. Mehr als 350 erwachsene Erzähler und 250 Berliner Schüler hatten zuvor ihre Geschichten eingesandt. Eine Rekordzahl in dem seit sechs Jahren bestehenden Wettbewerb – und eine Herausforderung für die zehnköpfige Jury.

Vergessene Muttertage, dekadente Betriebsfeiern, unfreiwillig auferlegte Dorffeste und aus dem Ruder laufende Kindergeburtstage wurden fränkisch, badisch, berlinerisch und gar schweizerisch vorgetragen. Der Charme des mündlichen Erzählens wurde so besonders greifbar und brachte neben der thematischen Vielfalt für viel Abwechslung beim Zuhören.

Anlässe zum Feiern gibt es viele, fröhliche und traurige. Doch der Anlass eines Fests sagt noch gar nichts über dessen Atmosphäre aus, wie das Publikum am Sonntag erfahren konnte. Der eigene Geburtstag – eigentlich Grund zur Freude – endet in Jens Deegs Geschichte mit einem durchgedrehten „Opernball“ auf dem eigenen Balkon: Der von der Midlifecrisis geplagte, vereinsamte Christian hält die Stille seiner Wohnung nicht mehr aus, stellt Boxen auf und beschallt die Nachbarschaft mit „La Traviata“. Schmunzeln verursachte Halbfinalistin Marlies Kalbhenn dagegen mit ihrer Geschichte „Schwarze Strümpfe!“, die zu DDR-Zeiten spielt: Weil die Trauerstrümpfe fehlen – unbedingt nötig für den perfekten Begräbnislook – färbt die Familie kurzerhand die Strümpfe im Kochtopf schwarz. Das wird sich vor allem auf die Farbe des Trauermahls auswirken …

Bis zum Ende ausgeschlossen von jeglicher Festlichkeit bleibt Emine, die Hauptfigur in Nava Ebrahimis Geschichte. Emine wartet in ihrer Wohnung auf die Rückkehr des Ehemanns. Der Nachbar gibt eine Party. Scheu beobachtet sie die eintreffenden Gäste, versteckt sich hinter ihrem Schleier, als es versehentlich bei ihr klingelt. Die bedrückende Isolation der jungen Muslimin wird mit aller Gewalt bewusst. Die besten Geschichten aus dem Halbfinale werden noch einmal zu hören sein: beim Finale des Wettbewerbs im April. Sandra Thiele

Das Halbfinale der Schüler wird am 13. April, das Finale für Erwachsene und Schüler am 27. April in den Museen Dahlem stattfinden.

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